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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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VI. Kapitel: Erkrankungen des Nervensystems nach akuten Infektionskrankheiten.

Band VII.

Begleiterscheinung der Hemiplegie auf, welche von Berg eru. A. während des Pockenverlaufs und in der Rekonvales-zenz beobachtet wurde. Einen hierher gehörigen Fall vonHemiplegie ohne Betheiligung der Hirnnerven aus derßerger'schen Klinik erzählt Jung in seiner mehrfachcitirten Dissertation. Schliesslich sind von Adler alsFolgeerscheinung der Pocken auch nervöse Sehstörungenangegeben.

Die Invalidenakten enthalten im Ganzen nur 11 Fällepostvariolöser Innervationsstörungen, 1 ) welche sich auf 8065geheilte Pockenkranke vertheilen. Dieser der Erfahrungwidersprechende geringe Prozentsatz hat wohl seinen Grunddarin, dass ein guter Theil der nervösen Affektionen nachVariola eine günstige Prognose bietet, schnell heilt unddarum einen Grund zur Invalidität nicht abgeben kann.Dreimal entstand in der Rekonvaleszenz Epilepsie. Gründ-liche Nachfragen ergaben aber, dass einer dieser Kranken,Namens Buck, bereits in der Jugend an epileptischen Krampf-anfällen gelitten hatte und nur versuchsweise eingestellt war.Er verfiel nach den Pocken in eine schwere Form der Epi-lepsie. Der zweite Kranke war der Füsilier im 3. Hessi-schen Infanterie-Regiment No. 83 Heinrich Seip, welcherim Dezember 1870 zu Chartres an den Pocken erkrankte.Nach dem Feldzuge behauptete er, dass gleichzeitig mitden Blattern bei ihm epileptische Krämpfe aufgetreten seien,an denen er notorisch früher nicht gelitten hatte. ImGarnisonlazareth zu Arolsen, in welches er zwecks Fest-stellung des Leidens am 17. Februar 1872 aufgenommenwurde, konnten einige epileptische Anfälle beobachtetwerden. Dieselben traten nach glaubwürdigen Mittheilungenauch 1883 noch oftmals auf. Die dritte Beobachtung be-traf den Grenadier im Grenadier-Regiment König FriedrichWilhelm IV. (1. Pommersches) No. 2 Albert Hartwig,welcher sechs Wochen nach überstandener Variola imGarnisonlazareth zu Frankfurt a. M. Aufnahme fand. Erklagte über Eingenommenheit des Kopfes und über Schmer-zen in den Gliedern, namentlich auf der Brust, war schlaf-los und verwirrt. Plötzlich traten Konvulsionen ohne Ver-lust des Bewusstseins ein, die sich rasch hintereinanderwiederholten. Dann blieb er mehrere Tage von ihnen frei,zeigte sich aber verwirrter. Im Garnisonlazareth zu Weimar,wo er im April 1871 verpflegt wurde, klagte er über rheu-matische Schmerzen in den Armen und hatte am 16. desMonats einen ausgesprochen epileptischen Anfall. DerKranke wurde später zum Ersatz-Bataillon entlassen.

Ein dem Vulpian'schçn ähnlicher war der Fall Kiep 2 )(1). Die Atrophie der Schultermuskeln und die Armlähmung,welche sich hier in der Abschuppungsperiode unter Schmer-

') Zu den 9 in Beilage 5 zum VI. Bande dieses Berichtes mit-getheilten Fällen kommen die nachstehend erwähnten Invaliden Buckund Hartwig, bei denen erst nachträglich ermittelt wurde, dass derEpilepsie eine Pocken-Erkrankung vorausgegangen war.

2 ) Vergl. hierzu auch den Fall Müller im VI. Bande diesesBerichtes, Beilage 5, No. 13.

zen ausgebildet hatte, bestand noch im Jahre 1873. Diedann folgende Krankengeschichte erinnert sehr lebhaft andie 1872 von Westphal beschriebene Affektion des Nerven-systems nach Pocken. Der unsichere Gang, die Sprach-veränderung, die geistige Schwäche, welche dem behan-delnden Arzte Dr. Berndgen auffielen, sind ohne ZweifelHauptkriterien jener Affektion und finden sich hier wieder.Diesen Fällen wird nun noch ein dritter zugefügt,welcher in den Invalidenlisten irrthümlich unter die Pocken-lähmungen gerathen ist. Offenbar war hier die Pocken-erkrankung das Accidentelle. Es konnte sich also nur umdie Frage handeln, welchen Einfluss dieselbe auf das in derEntwickelung begriffene Nervenleiden ausgeübt hat. Vul-pian sah eine 45jährige Frau, welche an Parese sämmt-licher Extremitäten mit Kontraktur der Finger litt. ImKrankenhause wurde sie von Variola befallen. Währendder Pockeneruption schwanden die nervösen Erscheinungenvollständig. Patientin blieb drei Jahre gesund, dann stelltensich die früheren Erscheinungen wieder ein. Die intravitam auf fleckweise Degeneration gestellte Diagnose wurdespäter durch die Sektion bestätigt.

I. Friedrich Kiep, Gefreiter der 3. Kompagnie 2. Ba-taillons (Schrimm) 1. kombinirten Posenschen Landwehr-Regi-ments No. 19, wurde nach Ausweis des Krankenjournals Anfang1871 wegen Schwerhörigkeit in das Lazareth zu Diedenhofenaufgenommen und erkrankte hier anVariola". Am 1.Februar1871 waren die Pusteln im Abtrocknen. Bei gutem Allgemein-befinden klagte Patient über rheumatische Schmerzen imEllenbogen- und Schultergelenk des rechten Armes. Im De-zember 1871 ergab die Untersuchung einen bedeutendenSchwund der Muskulatur um die rechte Schulter. DieAtrophie betraf besonders den Ober- und Untergrätenmuskel.Der rechte Arm war gelähmt. Oberstabsarzt Struck fand dieseLähmung Mitte 1873 unverändert.

K. ist nach Aussage seiner Anverwandten am 5. Mai 1882am Typhus gestorben.

II. Gerhard Laggenbeck, Musketier der 3. Kompagnie1. Westfälischen Infanterie - Regiments No. 13, erkrankte am26. März 1871 zu Verdun an den Pocken. Die Krankheitwar von der schwersten Art, mit Delirien und Bewusst-losigkeit und von heftigem Fieber eingeleitet.

In der Rekonvaleszenz musste L. von Neuem gehen lernen.Dem behandelnden Arzte, Assistenzarzt Dr. Berndgen, fieldamals ein schleppender, unsicherer Gang, eine lallendeSprache und eine entschiedene Schwerfälligkeit derintellektuellen Hirnthätigkeit auf."

Nach 9 wöchentlichem Aufenthalte in dem Lazareth wurdeder Kranke zur weiteren Beobachtung in das GarnisonlazarethMünster übergeführt. Von hier stammt das Invaliditätsattest,welches folgenden Wortlaut hat :Gutes Aussehen, massiger kör-perlicher Ernährungszustand. Geringer Grad von Einwärts-schielen, welches nach Aussage des Patienten früher nicht vor-handen gewesen ist. Lallende, schwerfällige Sprache; eingewisser Grad geistiger Schwäche, welcher sich in den Ant-worten kundgiebt; eine lähmungsartige Schwäche imrechten Arme, ohne dass derselbe abgemagert ist. Dierechte Schulter steht tiefer und lässt L. den rechten Arm schlafferam Körper herunterhängen als den linken. Der Gang ist un-sicher und dies zeigt sich namentlich bei dem Versuche, kurzeWendungen zu machen."