Band VII.
III. Abschnitt: Nervöse Erkrankungen nach Pocken.
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Dritter Abschnitt.Nervöse Erkrankungen nach Pocken. 0
Gubler, welcher die ersten Mittheilungen über Läh-mungen bei Pocken machte, glaubte prognostisch die im In-kubationsstadium entstandenen von den im Eruptionsstadiumund in der Eekonvaleszenz auftretenden Paralysen trennenzu müssen. Er hielt diese, da sie als Folge der Lokalisationdes krankhaften Prozesses in den nervösen Central-organen und ihrer Hüllen anzusehen seien, für gefährlicherund hartnäckiger, ja zuweilen, wenn sie die unteren Ex-tremitäten ergreifen, für unheilbar, während er jene, her-vorgebracht durch die die Pocken bedingenden Ursachen,für leicht und vorübergehend erklärte.
Die Lähmungen nach Pocken erscheinen, wie schonJaccoud hervorhebt, häufig unter der paraplegischen Form.Leroy d'Etiolles sah zweimal solche Paraplegien jeweilsin dem Inkubationsstadium und in der Periode der Desqua-mation. Beide Patienten starben, der eine nach Auftretenvon multiplen Abszessen und Pneumonie, der andere, nach-dem die Lähmung auf Blase, Mastdarm und linken Armübergegriffen hatte, unter Suffokationserscheinungen. DieAutopsie lieferte kein Resultat. (Leyden.) Dem gegen-über hat das letzte Jahrzehnt eine ganze Reihe positiverpathologisch - anatomischer Befunde gebracht, die in derVorbemerkung zu diesem Kapitel ausführlich wiedergegebensind. Namentlich hat sich Westphal um die Pathogeneseder Pockenlähmungen verdient gemacht. Seine Angabe, dassein Theil der motorischen Lähmungen, welche fast immerdie unteren Extremitäten affiziren, nicht selten aber auchdie Sphinktern! der Blase und des Mastdarms betheiligen,auf entzündlichen, in der Substanz des Rückenmarks zer-streuten Erweichungsherden (Myelitis disseminata) beruht,wurde wiederholt bestätigt. Derselbe Autor macht auf diegeringe Schwere der voraufgegangenen Pockenerkrankungaufmerksam. Einen anderen Symptomenkomplex, den auchOtto, freilich ohne ihn zu veröffentlichen, schon 1869 ge-sehen haben will, beschrieb Westphal im Jahre 1872.Die Haupterscheinungen waren 1) eine skandirende Sprache,
2) eine Ataxie der Extremitäten bei Erhaltung der Sensi-bilität der Haut und vielleicht auch des Muskelgefühls,
3) eine eigentümliche Ungeschicklichkeit und Verlang-samung gewisser Bewegungsakte, 4) ein stossweises Er-folgen oder Wiederholen einzelner Bewegungsakte der Ex-
tremitäten, 5) ein Zittern des nicht unterstützten Kopfes,
6) eine Veränderung des physiognomischen Ausdrucks, und
7) eine psychische Alteration. Westphal hebt die Ana-logie dieses Krankheitsbildes, welches übrigens in derselbenForm von ihm beim Typhus beobachtet wurde, mit dermultiplen Sklerose hervor. Wie in der That Ebstein dieseVermuthung durch die Sektion Sanktioniren konnte, istbereits ebenso auseinandergesetzt, als der negative BefandWestphal's. Als eine andere Kategorie von Lähmungennach Pocken ist noch die akute aufsteigende Paralyse zuerwähnen, welche von Gubler und Bernhardt beobachtetwurde. Auch die Pseudohypertrophie der Muskeln folgteihnen in seltenen Fällen.
Viel geringer als die spinalen Lähmungen ist die Zahlder peripherischen Nervenaffektionen nach Variola. Cursch-mann konstatirte einmal eine fast komplete Anästhesieeiner handgrossen Hautstelle an der äusseren Seite desrechten Oberschenkels und ein zweites Mal eine massigeBeeinträchtigung der Sensibilität am linken Fussrücken.DerselberAutor beobachtete bei einem 18jährigenRekonvales-zenten . von Variola eine unvollkommene Lähmung desrechten Deltamuskels, der letztere war etwas atrophirt, dieHautsensibilität über demselben sehr wenig beeinträchtigt,die faradische Erregbarkeit beträchtlich reduzirt. Einen ähn-lichen Fall hatte schon Vulpian mitgetheilt. In diesementwickelte sich ebenfalls in der Rekonvaleszenz unter hef-tigen Schmerzen in den Schultern Schwäche in den Schulter-muskeln. Beide mm. deltoidei wurden schlaff, atrophisch,der rechte in höherem Maasse. Die Hautsensibilität in derGegend der Deltoidei war verloren, die faradische Erreg-barkeit des Deltoideus und Latissinius dorsi herabgesetzt.(Leyden.) Lähmungen des Gaumensegels und Schlundes,wie bei Diphtherie, wurden zuweilen auch nach Pockengesehen. 2 ) Curschmann nahm sie unter 1100 Pocken-kranken zweimal wahr, Eulenburg gedenkt einer Paralysedes linken Facialis und einer Schwäche und Anästhesiebeider nn. mediani bei vollkommen erhaltener elektrischerReaktion als Nachkrankheit der Pocken. Berger sahmehrmals peripherische Lähmungen der Variola folgen.
Bisweilen hinterlässt die Variola Aphasie mit oderohne cephalische Symptome. Diese Aphasie tritt auch als
') Vergl. zu dem Folgenden den VI. Band dieses Berichtes, S. 47, 49 und Beilage 5, No. 4, 9, 13, 14, 16, 20, 25, 28, 34. — Ueberdiese Fälle liegen mit Ausnahme des weiter unten ausführlicher mitgetheilten Falles Kiep (4) und Laggenbeck (9) andere Nachrichtenals die in Beilage 5 des VI. Bandes aufgenommenen nicht vor.
2 ) Vergl. hierzu VI. Band dieses Berichtes, Beilage 5. No. 16.
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