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VI. Kapitel: Erkrankungen des Nervensystems nach akuten Infektionskrankheiten.
Band VII.
.,„f 0 ;..„ m Joi- folgender Gefühlseindrücke wird meist richtig an-gegeben. Umfang der rechten Wade 35, der linken 34, desrechten Oberschenkels 41, des linken 41 cm. Die Wirbelsäuleschmerzt bei Perkussion, vor Allem in der Höhe der unterenBrust- und oberen Lendenwirbel, und an den unteren Hals-wirbeln. Händedruck beiderseits sehr schwach, links amschwächsten, keine fibrillären Zuckungen. Abschwächung derTast- und Schmerzempfindung; verlangsamte Leitung. DerKranke steuert mit der Hand auf einen vorgehaltenen Gegen-stand ziemlich gerade los, greift mit Daumen und Zeigefingerbehutsam und mehrmals tastend zu. Beim Nähen setzt er dieNadel häufiger an, ehe der erste Stich erfolgt. Die ausge-streckten Finger zittern nur wenig. Er schreibt geläufig seinenNamen. (Siehe Facsimile.)
Ortssinn ungenau, Temperatursinn erhalten. Keine trophi-schen Störungen. Aktive und passive Bewegungen uneinge-schränkt und leicht ausführbar, keine paradoxe Kontraktion.Sprache unverändert, oculopupilläre Symptome fehlen, keinNystagmus. Rasche und präzise Bewegungen der Augen aufKommando. Ziemlich starke Schwerhörigkeit auf beiden Ohren,welche vor etwa fünf Jahren unter Ohrensausen begonnen hatund rechts am intensivsten ist. In das Ohr gerufene Wortewerden aber gehört. Psyche intakt.
Elektromuskuläre Reaktion unverändert, weder quantitativenoch qualitative Entartungsreaktion.
Nach den Westphal'sehen Beobachtungen durfte manvermuthen, dass eine der multiplen Sklerose klinischgleiche Erkrankung des Nervensystems wie nachTyphus und Pocken, so auch nach anderen Infektionskrank-heiten wahrzunehmen sei. Sie ist aber bisher für die Ruhrnoch nicht beschrieben worden. Der Fall Anders ist der erste.Für die kurze Geschichte der paradoxen Kontraktion ister insofern von Interesse, als er die nahen Beziehungen dieserpathologischen Erscheinung zu den Sehnenphänomenen illu-strirt. Statt des im November 1883 konstatirten verstärktenKniephänomens sieht man vier Monate später eine permanenteKontraktur des Quadriceps, statt der klonischen Zuckungenim tibialis an tiens bei Dorsalflexion des linken Fusses einentonischen Krampf des Muskels, der so stark ist, dass erselbst durch ein kräftiges Zusammendrücken der Gastrocneiniioder durch ein Vorschieben der Wadenmuskeln gegen dieFerse nicht überwunden werden kann. Also wiederum ein
Bew r eis gegen die von Erlenmeyer ausgesprochene Deutungder paradoxen Kontraktion! Diagnostisch kann der Fallals fleck weise Degeneration oder als eine mit ihrsymptomatologisch zum Verwechseln ähnliche Neuroseaufgefasst werden.
Spastische Spinalparalyse.
Stabsarzt Herter glaubt, bei dem von ihm untersuchtenKranken P. (IV) die Diagnose auf „spastische Spinal-paralyse" stellen zu dürfen.
IV. Gustav P., von Profession Arbeiter, machteden Feldzug als Musketier im 4. Thüringischen Infanterie-Regiment No. 72 mit. Er erkrankte im Januar 1871 an Ruhrund wurde daran drei Monate lang behandelt. Angeblich litter vor Ausbruch der blutigen Diarrhöen bereits an Rheumatismus,den er sich durch häufige Durchnässungen zugezogen habenwollte. Dass er vor dem Feldzuge vollkommen gesund gewesen,konnte er nachweisen. Nach seiner Entlassung im Juni 1871stellten sich bei ihm Schwäche und Schwerbeweglichkeitin den Unterextremitäten ein. Diese Symptome haben im Laufeder Jahre eine zwar langsame aber stetige Verschlimmerungerfahren. Im Jahre 1884 zeigt der Kranke eine frische Gesichts-farbe, eine gute Muskulatur und ein entsprechendes Fettpolster.An den Armen nichts Besonderes. „Der Gang ist dadurchcharakterisirt, dass in den Hüft-, Knie- und Fussgelenken nuräusserst geringfügige Bewegungen stattfinden. Die Beine werdenin Folge dessen nicht gehoben und niedergesetzt, sondern alseine ziemlich starre Masse mit Hilfe von Beckenverschiebungenvorwärts bewegt, wobei die auf dem Fussboden bleibende Sohleschlurrend vorwärts geschoben wird. Im Liegen vermag derKranke die Hüft- und Kniegelenke fast gar nicht, die Fussgelenkenur sehr unvollständig, die Zehengelenke dagegen ziemlich gutaktiv zu bewegen. Hierbei bleibt das rechte Bein hinter demlinken an Leistungsfähigkeit durchweg zurück. Passiv sindalle diese Gelenke innerhalb der normalen Grenzen beweglich,aber nur unter erheblichem Kraftaufwand, wobei man dieEmpfindung eines gleichmässig nachgiebigen Widerstandes hat.In der passiv hergestellten Lage verharren die Beineeinige Zeit, um allmälig wieder in die nahezu gestreckteStellung zurückzukehren. Die ziemlich kräftige Muskulaturder Beine giebt beim Betasten das Gefühl einer entschiedenvermehrten Rigidität. Das Empfindungsvermögen ist nichtalterirt. Sehnenreflexe vorhanden, ob erhöht, lässt sichbei der Muskelrigidität nicht bestimmen. Blasen- und Barm-funktionen normal. Geschlechtsleben ungestört. Auffällig istnoch ein Volumsunterschied beider Beine. Die rechte Unter-extremität ist 2— 3 cm stärker als die linke."
Nach der Geschichtserzählung liegt die Möglichkeitvor,Ruhrerkrankuna; fällt.
, dass der Beginn des Nervenleidens zeitlich vor die