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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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VI. Kapitel: Erkrankungen des Nervensystems nach akuten Infektionskrankheiten.

Band VIL

erkrankung in ursächlichen Zusammenhang zu bringen seien,hielten aber zur genauen Ermittelung der vorherrschendenKrankheitssymptome eine Lazarethbeobachtung für erforderlich.Nach derselben stellte Stabsarzt Weber folgendes Attest aus:

Der rechte Arm bleibt nach Energie und Ausdauer nichtnur hinter dem linken Arm, sondern auch hinter demjenigenGrade von Leistungsfähigkeit erheblich zurück, welcher nachMaassgabe der ziemlich kräftig entwickelten Muskulatur des-selben mindestens erwartet werden müsste. Die Schwächebetrifft sowohl die Muskeln des Oberarmes als diejenigen desVorderarmes und der Hand und ist beim Druck der Hand amauffallendsten. Aktive Flexion des rechten Armes im Ellen-bogengelenk ist mit bei Weitem geringeren Kraftaufwande zuüberwinden als links; bei raschem und rhythmisch wiederholtemWechsel zwischen Beugungs- und Streckungsstellung bleibtder rechte Arm hinter dem linken sofort'zurück. Gewichte biszu einem Maximum von 20 kg werden links ohne Schwierig-keit mit gebogenem Arm emporgehoben und bis zu 10 kgselbst mit dem horizontal ausgestreckten Arme eine Zeit langgetragen; mit dem rechten vermag G. das 20 kg-Gewicht nurwenige Zoll vom Boden zu erheben und bei kaum flektirtemArm nur etwa 15 Sekunden so zu halten.

Auf elektrische Reizung (guter Dubois'scher Schlitten-apparat von Krüger und Hirschmann) reagiren die Muskeln des

rechten Armes minder prompt und energisch als die des linken,auch ist die elektrokutane Sensibilität rechts so bedeutendherabgesetzt, dass der elektrische Pinsel bei höchster Strom-stärke noch ertragen wird, während er links die lebhaftestenSchmerzen und sofortiges Zurückzucken hervorruft. Nadel-stiche werden rechts schwächer empfunden unter Umständenselbst gar nicht als links und sehr unsicher lokalisirt.

Um eine etwa vorhandene Ernährungsstörung der betreffen-den Muskeln zu ermitteln, wurden vergleichende Umfangs-messungen beider Arme vorgenommen; dabei ergab sich, ab-gesehen von einem Plus von kaum 5 mm zu Gunsten des linkenUnterarmes in der Höhe seines grössten Umfanges, nirgendseine ausgesprochene Differenz.

Die rechte Gesichtshälfte verhält sich sowohl hinsichtlichder elektrischen Reizbarkeit ihrer Muskeln als auch ihrer elektro-kutanen Sensibilität fast genau wie der rechte Arm, eigentlicheFunktionsstörungen im Gebiete des rechten n. facialis sind nichtzu konstatiren.

Am Rumpfe kann nichts Abnormes nachgewiesen werden,die Muskeln der Unterextremitäten verhalten sich beiderseitsgleich, hingegen erscheint die elektrokutane Sensibilität amganzen rechten Bein deutlich herabgesetzt."

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IT. Tabes. Multiple Sklerose. Spastische Spinalparalyse.

Tabesin unmittelbarem Anschlüsse an Ruhr trat in zwei Fällen auf:

I. August R., während des Feldzuges 1870/71Krankenträger beim 3. Sanitätsdetachement III. Armeekorps,hatte die Kriege 1864 und 1866 mitgemacht. Er wurdeam 15. Oktober 1870 an der Ruhr krank und zunächst ineinem Feldlazareth, dann in Zittau behandelt. Nachdem ergenesen, kehrte er zu seinem Truppentheil im Felde zurück.Die Diarrhöen kehrten wieder und bestanden währenddes ganzen Jahres 1871 fort. Gleichzeitig traten imAnfang desselben Jahres reissende und ziehendeSchmerzen im Kopf und den Extremitäten ein, welcheals Rheumatismus gedeutet wurden. Späterhin gesellten sichzu diesen Beschwerden Appetitlosigkeit und unter kolik-artigen heftigen Schmerzen in der MagengegendErbrechen. (Gastrische Krisen.) Dieser Zustand hielt inwechselnder Stärke an, bis sich 1872 auch eine Abnahmedes Sehvermögens einstellte. Am 9. März 1874 fand R. Auf-nahme in dem städtischen Krankenhause zu Altona. VomAufnahmestatus ist Folgendes erwähnenswerth :Zeichenvon konstitutioneller Syphilis fehlen; auch wird jedeInfektion geleugnet. Hochgradige Kachexie. Patient klagtüber grosse Schwäche, über Schwindel und Kältegefühl in denFüssen. Er ist unvermögend zu gehen, hat einen unruhigenSchlaf, Appetitlosigkeit und Diarrhöe. Das Gedächtniss istschwach, er weiss sich nicht auf die letzte Vergangenheit zu

besinnen. Harn unverändert, Temperatur normal." Im Beginndes Jahres 1876 fand eine militärärztliche Untersuchung statt,welche nachstehendes Attest ergab:Die Störungen im Ver-dauungstraktus zeigen sich noch heute in den mit Schleimgemischten, massig dünnen Stuhlgängen, während die grossenUnterleibsdrüsen keine nachweisbaren krankhaften Verände-rungen mehr erkennen lassen, das äussere Aussehen des Mannesdagegen den Eindruck tiefen Leidens macht. Die Störungenim Centralnervensystem dokumentiren sich durch langsamesschwerfälliges Denkvermögen und Herabsetzung des Gedächt-nisses, durch das Gefühl von Taubheit in den Fingerspitzenund die Abnahme der Fingerfertigkeit, so dass er seinemGeschäft nicht mehr nachgehen kann, das Gefühl von Taubheitauch in den Füssen beim Gehen, wie wenn er auf Nadeln gingeund durch ein Kältegefühl in beiden Beinen. Durch Ober- undUnterextremitäten gehen zuweilen reissende Schmerzen ohnenachweisbare äussere Veranlassungen. Der Gang ist unsicherund stampfend. Bei geschlossenen Augen schwankt Patient imStehen und taumelt im Gehen. Längs der Wirbelsäule ent-stehen auf Druck keine Schmerzen. Die Muskulatur an denUnterextremitäten ist schlaff und theilweise geschwunden."

Fünf Jahre später suchte der Kranke in dem Invaliden-hause zu Berlin Aufnahme. Dieserhalb wurde er obermilitär-ärztlich untersucht. Nach dem Atteste ist R. sehr abgemagertund elend aussehend, die Haut- und Gesichtsfarbe graugelb,die Schleimhäute blass. Die oberen Extremitäten zitternbeständig, sind kraftlos und zu den alltäglichen Lebensver-richtungen kaum noch gebrauchsfähig. Ihre Muskeln erscheinen