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Band VII.
IL Abschnitt: Nervöse Erkrankungen nach Ruhr.
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Tage eine halbseitige Körperlähmung. Spitzenstossresistent, weit verbreiteter Herzstoss, Töne sehr laut, zweiterAortenton abnorm verstärkt. Patient war bis zum 24. Septemberbewusstlos, Hess die reichlichen, dünnflüssigen, blutigen Stuhl-gänge ins Bett. Er fieberte stark. Nach und nach genas ervon der Darmerkrankung; auch die Lähmungserscheinungenverloren sich. Am 1. Dezember erinnerte daran nur nocheine Schwäche im linken Beine.
X. Am 11. September 1870 wurde der Musketier der5. Kompagnie Braunschweigischen Infanterie-Regiments No. 92Wilhelm M. vor Metz an der Ruhr lazarethkrank. Ergenas erst nach 12 Wochen in dem Reservelazareth zu Elber-feld. Darauf dein Ersatz-Bataillon zugetheilt, klagte er dauerndüber Kopfweh und Schwindel. Unter Zunahme dieser Be-schwerden fiel er am 25. April 1871 plötzlich bewusstlosum. Nach Wiederkehr des Bewusstseins stellte es sich heraus,dass er die Sprache verloren und halbseitig gelähmtwar. Mit der Zeit trat Besserung, aber nur in dem Grade ein,dass der Kranke sich im November 1871 leidlich verständlichmachen konnte, während Arm und Bein noch gänzlich gelähmtwaren.
1873 vermochte Patient mit dem rechten Fusse aufzutretenund mit Unterstützung eine kurze Zeit im Zimmer zu gehen.Die Hand war gebrauchsunfähig.
1875 erschienen die gelähmten Extremitäten in ge-ringem Grade atrophisch.
XI. Emil H., 27 Jahre alt, Jäger im Jäger-BataillonNo. 5, machte den Feldzug gegen Frankreich mit. Früherim Wesentlichen stets gesund, erkrankte er im Oktober 1870auf dem Kriegsschauplatze an einer schweren Dysenterie(reichliche blutige Stühle, Tenesmus etc.). Während der ganzenKrankheit hatte er viel über diffuse Kopfschmerzen und häufigenSchwindel zu klagen, während er früher stets frei von der-artigen Beschwerden gewesen war. Nachdem die dysenterischenErscheinungen nachgelassen hatten und er sich im Stadiumder Rekonvaleszenz bereits befand, stürzte er eines Tagesplötzlich bewusstlos zusammen und lag mehrere Stundenin diesem bewusstlosen Zustande.
Beim Erwachen zeigte sich die rechte Körperhälfte gelähmt,der Mund war nach links verzogen, die Zunge war schwerbeweglich und der Kranke kaum im Stande, mit wenigen Wortensich verständlich zu machen. Einige Stunden nach dem Er-wachen bekam er einen heftigen Schüttelfrost, empfand heftigeSchmerzen und Drehen im Kopfe, und verfiel dann wieder nachseiner Angabe in heftige Delirien und wahre maniakalischeAnfälle. Wie lange dieser Zustand angehalten, weiss der Krankejetzt nicht mehr anzugeben ; allmälig besserten sich die Symptomeder Gehirnreizung, das Bewusstsein kehrte zurück und bliebvon nun an dauernd erhalten. Er merkte, abgesehen von seinerHemiplegie, dass er auf der rechten Zungenhälfte keinen ordent-lichen Geschmack hatte. Wie sich die Sensibilität der gelähmtenKörperhälfte zur Zeit verhielt, weiss er nicht anzugeben ; auchist jetzt nicht mehr mit Bestimmtheit zu eruiren, welcher Artdie Sprachlähmung war, es scheint, als ob es sich nur umeine rein motorische Behinderung der Artikulationsorganegehandelt habe (Alalie).
Am 20. April 1871 wurde der Patient der elektro-therapeutischen Station des Königl. Garnisonlazareths zu Breslau,welcher zur Zeit Berg er vorstand, überwiesen. Es zeigtesich damals folgender Stat. praes.: Patient mittelgross, vonmassig kräftiger Konstitution, sieht blass und leidend aus.Parese des rechten Mundfacialis, obere Zweige frei. Pupillenheiderseits gleich weit, Reaktion etwas träge. Bulbi nach allen
Richtungen hin frei beweglich. Die Zungenspitze wird nurmit Mühe aus dem Munde herausgestreckt und zeigt eine sehrleichte Deviation nach rechts; die uvula steht gerade, dieGaumenbögen bewegen sich beim Phoniren beiderseits gleich-massig. Gehör seit der Erkrankung etwas geschwächt ohneäusserliche weder am Gehörgange noch am Trommelfell zukonstatirende Veränderungen; bisweilen soll flüchtiges Doppel-sehen auftreten. Der Geschmack erscheint jetzt ohne Alteration.Hochgradige Lähmung der rechtsseitigen Extremitäten. DerKranke schleppt das rechte Bein beim Gehen nach. Die Mus-kulatur des Unterschenkels ist theils paretisch, theils vollständiggelähmt. Im Hüft- und Kniegelenk sind alle Bewegungenmöglich, nur mit beträchtlich geschwächter Energie. Analogist das Verhältniss an der obern Extremität. Ohne hier aufdie einzelnen Muskeln weiter einzugehen, will ich nur hervor-heben, dass am stärksten das Gebiet des nervus axillaris undradialis ergriffen ist. Die elektro-kutane Sensibilität der rechtenKörperhälfte ist in hohem Grade herabgesetzt, an derunteren Extremität in höherem Grade als an der obern. Armund Bein der rechten Seite fühlen sich kälter an, als die links-seitigen Extremitäten. Eine nennenswerthe Ernährungsstörungder gelähmten Muskulatur, Kontrakturen sind nicht vorhanden.Die elektro-muskuläre Kontraktilität, ebenso die elektrischeReizbarkeit der peripheren Nervenstämme verhielten sich normal.Der Kranke klagt neben der Lähmung über Kopfschmerzenund Gedächtnissschwäche, die Intelligenz zeigt keinen Defekt.Alle übrigen Organe, speziell das Herz, sind intakt. Der Krankewurde bis zum 16. Mai elektrisch behandelt. Die Einzel-bewegungen waren etwas besser geworden, im Allgemeinenhatte aber die Gebrauchsfähigkeit der Extremitäten nicht sonder-lich gewonnen und der Kranke wurde als ungeheilt an genanntemTage entlassen. — (Nach Berger — Jung.)
XTI. Heinrich S., Wehrmann der 7. Kompagnie 1. Garde-Grenadier - Landwehr - Regiments , bekam am 29. Oktober1870 in Frankreich die Ruhr und wurde nächsten Tags insLazareth zu Corbeil gebracht. In der Rekonvaleszenz ent-stand über Nacht eine vollständige Lähmung derlinken obern und unteren Extremität, wodurch eineweitere Lazarethbehandlung zu Weimar und Breslau nöthigwurde. Der faradische und konstante Strom änderte nachmonatelanger Verwendung an den Lähmungserscheinungen das,dass nicht mehr eine komplete Paralyse, sondern nur eineParese vorlag. Das Heben des Armes geschah nicht ganz biszur Horizontalen und, wie die Beugung des Vorderarmes unddas Bilden einer Faust, mühsam und kraftlos. Die Muskulaturder linken Oberextremität zeigte eine geringere Eutwickelungund schlaffere Konsistenz als rechts, namentlich galt dies vomDeltamuskel und dem zweiköpfigen Muskel. An den Unter-extremitäten Hessen sich Umfangsdifl'erenzen nicht nachweisen.
Später verschlimmerte sich der Zustand derart, dass 1874die linke Unte rextre m ität motorisch total gelähmt war.
XIII. Ernst G., Füsilier der 9. Kompagnie 2. Schle-sischen Grenadier - Regiments No. 11, wurde am 18. August1870 vor Metz von der Ruhr befallen und dort in einemLazareth behandelt. Als sich später Krampfanfälle zeigten,schickte man ihn ins Reservelazareth zu Grossenhain, wo eram 10. Oktober 1870 ankam. In der Krankenanstalt sind,soweit sich aus dem vorliegenden Journalblatt urtheilen lässt,keine Krämpfe beobachtet worden. Man konstatirte aber eine„Lähmung der rechten Gesichtshälfte". Erst am 4. Juni 1872machte G. Invalidenansprüche geltend. Verschiedene militär-ärztliche Untersuchungen sprachen sich dahin aus, dass diezu beobachtenden Lähmungserscheinungen mit der Ruhr-