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VI. Kapitel: Erkrankungen des Nervensystems nach akuten Infektionskrankheiten.
Band VII.
trotz des angeblichen Taubseins seiner Fingerspitzen ver-mag er seine Kleidung ohne Schwierigkeit auf-und zuzuknöpfen,
trotz dieser Empfindungslosigkeit röthet sich das Gesichtbeim Einstechen einer Nadel und wird die Stimme erregt,
trotz der angeblichen Schwäche seiner Schliessmuskelnkann er den Urin l 3 /* Stunden lang halten, findet sich keinAusschlag an den Genitalien, kein urinöser Geruch, kein Fleckin der Bekleidung,
trotz der Schwäche der Blase kann er kleine Mengen Urinsim Strahle entleeren,
trotz der Gefühllosigkeit in den Füssen streicht er an-haftenden Sand von den Fusssohlen und steht mit geschlossenenAugen,
gegen die Angaben, die Beine im Sitzen nicht heben zukönnen, spricht die gute Ernährung der Beine und das Steigender Treppe und
gegen die Notwendigkeit, beim Treppensteigen, mit denFussspitzen an die folgende Stufe anzustossen, spricht die guteBeschaffenheit der schon seit Monaten im Gebrauch befindlichenHausschuhe an den Spitzen."
Superrevision 1877 den 21. Juni: Der Zustand des p. L.,welcher sich noch in Haft befindet, hat sich anscheinendverschlimmert. Wiewohl der Ernährungszustand gut ist, unddie Muskulatur ziemlich kräftig, so besteht doch eine bedeutendeSchwäche der Beine. L. kann nicht ohne Stock gehen undder Gang ist sehr schwankend und schleppend. Dabei sollein sehr taubes Gefühl in der (unleserlich) und auch in denFingerspitzen vorhanden sein. Nach Aussage des Gefangen-wärters soll derselbe in letzterer Zeit auch wieder zu wieder-holten Malen an epileptischen Krämpfen gelitten haben.
Superrevision 1878 den 15. Juli: Der Zustand ist ungefährderselbe wie im Jahre 1877. L. geht mit Hülfe zweier Stöckelangsam, schleppend, mit der Hacke zuerst auftretend und mitstark nachhinkenden durchgestreckten Knieen. Stehen kann ernur mit gespreizten Beinen oder mit Hülfe des Stockes.
Die Beine fühlen sich, vom Knie abwärts, kalt an ; L. em-pfindet bis zur Mitte der Wade herab auch den feinsten Druck,von dort bis zu den Füssen steigernd nur starken Druck. DieHaut scheint an den Füssen ganz empfindungslos zu sein.
An den Händen ist das Gefühl und die Bewegung erhalten,nur an den Nagelgliedern ist jede Schmerzempfindung verlorengegangen und die Tastempfindung stark beeinträchtigt. L. kannkleine Gegenstände nicht mehr sicher fassen. Stuhlgang wirdwillkürlich gelassen, ebenso Urin. Zeitweise soll Harn unwill-kürlich abträufein. Die Kleidung, frisch benutzt, bietet hierüberkeinen Anhalt. Pupillen reagiren etwas träge. Seh- und Hör-vermögen erscheinen nicht beeinträchtigt.
V. Heinrich F. , Musketier im Ersatz - Bataillon1. Hannoverschen Infanterie-Regiments No. 74, erkrankte imAlter von 24 Jahren am 6. Januar 1871 in Charleville an derRuhr und wurde wegen dieses Leidens in das Lazareth Reimsgeschickt. Von dort kam er am 27. Januar in das LazarethBernburg. Hier bildete sich das jetzt noch bestehende Leidendes Patienten aus. Zuerst fiel ihm ein Gefühl von Steifheitin den Beinen auf, dazu traten bald Schmerzen im Rückenund später auch Schmerzen in den Unterextremitäten.Das Gefühl der Steifheit in den Beinen nahm sehr bald zu undging in völlige Lähmung über, so dass Patient, als er dasLazareth in Bernburg am 25. April behufs einer Badekur inLüneburg verliess, gar nicht mehr gehen konnte und getragenwerden musste. Durch den Gebrauch des Soolbades wurdeF. soweit gebessert, dass er sich selbst, wenn auch nur sehrmühsam und vermittelst eines Stockes, fortbewegen konnte. DieSensibilität in den Unterextremitäten war bedeutend herab-
gesetzt, beim Stehen mit geschlossenen Augen gerieth Patientmerklich ins Schwanken.
1878 bestand Parese beider Beine.
VI. Gottlieb W., Wehrmann der 7. Kompagnie 1. West-preussischen Landwehr-Regiments No. (i, wurde auf demMarsche nach Metz von der Ruhr befallen. In der Rekon-valeszenz bekam er unter Fiebererscheinungen ziehendeSchmerzen in beiden Beinen, im Knie und dem rechtenArme, zu denen sich bald eine Lähmung der rechtsseitigenExtremitäten und eine Schwäche im linken Beine gesellte. AlsNothnagel im Mai 1871 den Kranken untersuchte, bestandausser den noch immer vorhandenen Schmerzen eine Halb-lähmung des rechten Armes und rechten Beines. Daher warder Gang unbeholfen, langsam und hinkend, der Druck derrechten Hand schwach, die aktive Bewegung in den Gelenkender betreffenden Oberextremität unvollkommen. Nach einerim Juli und August 1872 in Oynhausen unternommenen Badekurschwanden die Krankheitserscheinungen vollkommen.
VII. Ferdinand S., Musketier der 6. Kompagnie8. Brandenburgischen Infanterie - Regiments No. 64, wurdeam 2. Oktober 1870 vor Metz an Ruhr lazarethkrank.Zunächst nach Herzfeld evakuirt, überwies man ihn AnfangsNovember dem Lazareth zu Angermünde. Hier konstatirteman eine vollständige Lähmung beider Beine und einetheilweise Lähmung der Arme. Genauere Angaben überEntstehungszeit und Verlauf der Lähmung fehlen. Im Oktober1871 wurde der Kranke in Berlin durch den damaligen Stabs-arzt Hahn invalidisirt. In dem diesbezüglichen Attest heisstes: „Die theilweise Lähmung der Arme ist bis auf ein Gefühlvon Taubheit in denselben zurückgegangen, während die Beinevollständig paralytisch und von etwa einer Hand breit oberhalbder Kniee nach abwärts bis zur Fusssohle ohne Gefühl und Em-pfindung sind. Das Stehen, Gehen und sogar das Aufrechtsitzenist unmöglich. Stuhlgang etwas erschwert." 1874 war dasLeiden unverändert. Nach einer Mittheilung der Kreiskasseist 1883 der Invalide noch am Leben.
Hemiplegie.
Halbseitige Körperlähmung trat 2 mal in und 4 malnach dem Ablauf der Ruhr auf. Das plötzliche Auftretenunter den Erscheinungen eines apoplektischen Insulte sprachin fünf Fällen für eine Hirnhäniorrhagie oder Embolie,doch ist es möglich, dass die Hemiplegie bei S. und G.(XII und XIII) spinalen Ursprungs war, denn es werdenausdrücklich nur die gleichseitigen Extremitäten als ge-lähmt angegeben. Rechtsseitig und linksseitig erschien dieLähmung in je drei Fällen. Sie ging 3 mal in erheblicheBesserung über.
VIII. Gottlob K., Soldat im 1. WürttembergischenInfanterie - Regiment No. 119, wurde während einer Ruhr-erkrankung im Lazareth zu Lagny im Dezember 1870 voneinem apoplektischen Anfall betroffen, der eine links-seitige Körperlähmung zur Folge hatte. Bei beiderseitigguter Ernährung zeigte sich 1877 noch eine ziemliche Schwächeim linken Beine.
IX. August R., Unteroffizier im Leib - Grenadier-Regiment No. 8, erkrankte vor Metz am 16. September 1870an Ruhr. Im Lazareth zu Verneville befiel ihn am folgenden
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