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Band VII.
II. Abschnitt: Nervöse Erkrankungen nach Ruhr.
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anschloss. Im September 1872 klagte F. über Schmerzen imKreuz, vermochte nur wenige Schritte, die Füsse am Bodenschleppend, zu gehen, schwankte und drohte hinzufallen. DieBeine, deren Muskulatur spontan von Zuckungen befallen wurden,waren gefühllos. Die Unterleibsorgane funktionirten leidlich (?)gut, und der Ernährungszustand war ein massiger.
Ein Jahr später zeigte sich die motorische Lähmung alseine nahezu vollkommene. F. war nicht im Stande, zu stehen,und konnte nur mit Mühe die Beine von der Unterlage erheben.Er starb am 4. November 1874.
IV. Friedrich L., 24 Jahre alt, Füsilier der 9. Kom-pagnie 3. Bandenburgischen Infanterie - Regiments No. 20,wurde am 2. Oktober 1870 vor Metz wegen Ruhr derLazarethbehandlung überwiesen. Die Krankheit war schonälteren Datums. Mitte Oktober in die Heimath evakuirt, kamer am 18. dieses Monats in dem Garnisonlazareth zu Potsdaman. Beide Beine waren vollständig gelähmt, an denFüssen und Unterschenkeln anästhetisch, die Kreuz-beingegend und die Lendenwirbel bei Druck schmerzhaft. Wieder-holt bekam er epileptische Anfälle mit Bewusstseinsverlustund Reaktionslosigkeit der Pupillen.
Bei einer Untersuchung am 16. Oktober 1871 war dieLähmung der Unterextremitäten eine fast vollkommene.Es bestand Unvermögen, Urin und Koth zu lassen.Ganz ohne Erfolg war eine elektrische und eine Badekur inRehme geblieben.
Ein kommissarisches Gutachten von dem OberstabsarztEbmeier und den Stabsärzten Pflugmacher und Ernestiaus dem Jahre 1875 giebt über den weiteren KrankheitsverlaufAufschluss. Es lautet:
„Am 27. Januar 1872 wurde L., nachdem bei einer ärzt-lichen Untersuchung am 16. Oktober 1871 konstatirt worden,dass bei unverändert fortbestehendem Unvermögen, Urin undKoth zu entleeren, die Lähmung der Extremitäten eine fastvollständige geworden war, als dauernd ganzinvalide und dauerndgänzlich erwerbsunfähig und temporär verstümmelt an Händenund Beinen auf die Dauer eines Jahres anerkannt. Auf Grundeiner Superrevision vom 9. August 1873, bei der eine Ver-änderung bezw. Besserung nicht nachgewiesen werden konnte,wurde er als dauernd doppelt verstümmelt anerkannt. BeiGelegenheit einer gerichtlichen Untersuchung des Mannes kames zur Sprache, dass er im August v. J. im Stande gewesen sei,auf seinem Gute in Preussen Jagden mitzumachen und zu PferdeBesuche zu machen, weshalb durch das Königliche Bezirks-kommando Potsdam eine ärztliche Untersuchung des Invalidenim Juli d. J. veranlasst wurde. Der Stabsarzt Dr. Schmidterachtete den Untersuchten in einem Atteste vom 9. Juli d. J.wegen Schwäche der Untergliedmaassen für temporär erwerbs-unfähig. Am 15. d. M. haben wir den L. ärztlich untersucht:Wir fanden den Genannten im Garten des Gefängnisses undveranlassten ihn zum Zwecke der vorzunehmenden Untersuchung,sich in ein eine Treppe hoch gelegenes Zimmer zu begeben.Er erstieg die Treppe mit Hülfe eines Stockes, zuweilen sichmit der freien Hand an der Wand stützend, mit den Fussspitzenhäufig an die nächst höhere Stufe anstossend, ohne Schwankungenund ohne Anstrengung. Er machte uns folgende Angaben:
Im Sommer v. J. gebrauchte ich die heissen Bäder vonMonsamano und erzielte durch dieselben eine so wesentlicheBesserung meines Leidens, dass ich nach 19 Bädern mich miteinem Stocke fortbewegen konnte, während mir dies früher nurmit Hülfe zweier Krücken möglich war, und dass ich, in dieHeimath zurückgekehrt, ein altes ruhiges Pferd zu besteigen undauf die Jagd zu gehen vermochte. Seit November v.J., seitdemich mich hier befinde, hat sich mein Leiden in Folge einer
feuchten Zelle wieder wesentlich verschlechtert; ich leide jetztdauernd an Kopfschmerz mit Hitze und Schwindelgefühl, habehäufig Schmerzen im Kreuz und periodisch ziehende Schmerzenin beiden Oberschenkeln. Von den Knieen abwärts habe ichkein Gefühl, ich fühle gar nicht, dass ich Füsse habe, die Füssesind mir stets kalt, und ich unterscheide mit den Füssen nichtkalten von warmem Boden, nicht Holz von Stein. Das Gehenwird mir schwer, ohne Stütze fürchte ich zu fallen, dieDunkelheit verschlechtert mein Gehvermögen nicht. An sämmt-lichen Fingerspitzen ist das Gefühl vermindert und an denbeiden kleinen Fingern erstreckt sich die Gefühllosigkeit nochüber die Spitzen hinauf. Meine Verdauung ist träge, die Stuhl-entleerung erschwert, oft nur unvollkommen möglich. Ich leidehäufig an Urindrang, muss dann oft uriniren, kann nur nachlangem Pressen die Blase entleeren, während ich zuweilen denUrin wieder nicht zurückhalten kann. Mein Glied wird fastnie erigirt, doch leide ich an häufigen Samenergüssen. DasSehvermögen ist auf beiden Augen gleich.
Hierauf aufgefordert, sich zu entkleiden, vermag der L.sowohl das Beinkleid als das Hemd ohne Schwierigkeiten auf-zuknöpfen. Der Untersuchte zeigte ein blasses, gelbes Aus-sehen, aber eine gute Allgemeinernährung, sowie eine seinerThätigkeit entsprechend entwickelte Muskulatur. Die Muskulaturder oberen und unteren Extremitäten ist gleich gut ausgebildet.Der rechte Oberschenkel hat in der Mitte einen Umfang von48 1 /acm, der linke an gleicher Stelle von 48 cm. Am Rückenfinden sich Narben früherer Schröpf köpfe. Druck auf die mittlerenBrust- und unteren Lendenwirbel wird als schmerzhaft be-zeichnet, obwohl sich eine objektive Veränderung an den Wirbel-körpern nicht nachweisen lässt. Gürtelgefühl wird nicht geklagt.Nadelstiche werden überall deutlich empfunden, nur an denFingerspitzen und von den Knieen abwärts wird Schmerz-empfindung in Abrede gestellt, doch wird das Gesicht beimEinstechen in die genannten Theile roth, und die Antwortenwerden mit erregter Stimme gegeben. Reflexerscheinungentreten auf Nadelstiche nicht ein; die Füsse fühlen sich warman; an den Genitalien ist keinerlei Hautausschlag vorhanden,ebenso fehlt jeder urinöse Geruch und jede Beschmutzung desschon lange in Gebrauch befindlichen Beinkleides.
Der Untersuchte kann mit aneinander gestellten Füssenund geschlossenen Augen stehen, ohne zu schwanken und ohneStock gehen. Der Gang ist leicht schwankend, die Beine werdenetwas geschleudert, die Kniee beim Auftreten stark durchgedrückt,die Füsse werden mit ganzer Sohle und etwas stark aufgesetzt.Fehltreten und Umknicken der Füsse kommt nicht vor. Aufeinem Stuhl sitzend aufgefordert, das eine oder andere Bein zuerheben, will er dies nur mit Zuhülfenahme beider Hände ver-mögen. Beide Pupillen haben gleiche mittlere Weite, reagirenprompt, das Sehvermögen ist auf beiden Augen gleich undSchielen besteht nicht.
Die Organe der Brusthöhle sind gesund, die Dämpfungs-grenzen der Leber und Milz normal, Blasendämpfung bestehtnicht. Als sich am Ende der ungefähr l 3 /* Stunden dauerndenUntersuchung Urindrang einstellte, lässt der Untersuchte nachlangem Pressen etwa einen Tassenkopf voll Urin im Strahle.
Nach beendeter Untersuchung kleidet sich der L. in derWeise an, dass er mit der einen Hand das entsprechende Beinerhebt und in das Beinkleid hineinsteckt; das Zuknöpfen voll-bringt er ohne Schwierigkeit, streicht auch den an der Fuss-sohle haftenden Sand vor dem Anziehen des Strumpfes mit derHand ab.
Aus dem Vorstehenden ergiebt sich auf der einen Seite,dass Uebertreibungen und Unrichtigkeiten in den Angaben desUntersuchten vorliegen, denn
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