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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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VI. Kapitel: Erkrankungen des Nervensystems nach akuten Infektionskrankheiten.

Band VII.

III. Motorische Lähmungen.

Lähmung einer Extremität.Von Lähmungen, welche auf ein bestimmtes Nerven-gebiet beschränkt blieben, enthalten die Invaliden-Aktenebensowenig ein Beispiel, als von cirkumskripten atrophi-schen Muskellähmungen, analog den bei dem Abdominal-typhus erwähnten. Auch sind nur zwei Krankengeschichtenaufgefunden, in denen nach überstandener Ruhr die Paralyseauf eine einzige Extremität lokalisirt auftrat. Indesswaren dies die einzigen unter ihres Gleichen nicht. Sobehandelte Rohden im Februar 1871 im Reservelazarethzu Detmold einen Ruhr-Rekonvaleszenten aus der Truppe,Namens Kohlmeier, welcheran Reflexparalyse eines Beines"litt. Auch Mettenheim er in Schwerin sah einen ähn-lichen Fall. Es ist deswegen auf das zurückzuweisen, wasbei den typhösen Nachkrankheiten bereits ausführlichergesagt wurde, besonders darauf, dass die Lähmungenmanchmal in die Klasse der temporären gehören und schnellverschwinden. Bestimmt sprechen sich hierüber zwei Zähl-karten aus, gemäss welcher eine postdysenterische Paresedes linken Armes resp. eine Lähmung des rechten Beinesinnerhalb einiger Wochen geheilt wurde. In den nach-stehenden Fällen ging bei P. (I) die Paralyse desArms mit Kontrakturen und ausgesprochener Sensibilitäts-lähmung einher. Alle Erscheinungen besserten sich, dochbestand nach Jahren noch Schwäche und Anästhesie, undnicht bloss in dem ursprünglich befallenen, sondern jetztauch in dem anderen Arme. S. (II) wurde zu einerZeit, wo die Stuhlgänge noch diarrhöisch waren, von epi-leptischen Zufällen und von einer Parese des rechten Beinsergriffen. Er genas vollständig.

I. Johannes P., Militär - Krankenwärter des 2. Feld-lazaretts IX. Armeekorps, musste am 22. September 1870 wegenRuhr in das in Gravelotte etablirte Lazareth rezipirt werden.Ende des Monats wurde er evakuirt und dann in dem Reserve-lazareth Bernau noch als Ruhrkranker bis zum 24. Novemberbehandelt. An diesem Tage konnte er als geheilt betrachtetwerden. P. wurde deshalb nach Hamburg evakuirt und kamin dem dortigen Lazaretb mit einem Rezidiv seiner Krankheitan. Das Journalblatt aus Hamburg gedenkt unter dem 21. De-zember 1870 einer Lähmung des Armes (welcher Seite?),gegen welche an diesem Tage eine Kur mit dem konstantenStrome begonnen werden sollte. Das Glied konnte nur mühsamund nicht völlig gehoben werden. In dem Ellenbogen-gelenke und den Fingergelenken bestanden Kontrak-turen, au Vorderarm und Hand Anästhesie und Anal-gesie. Bei fortgesetzter Elektrizität vermochte P. am 20. Fe-bruar den Arm leicht zu heben, auch die Kontrakturen warenbeseitigt. Dagegen hatte sich an der Anästhesie nichts geändert,

trotzdem gleich anfangs stärkere labile Nervenströme excentri-sche Empfindungen in den Fingern erregten. Auch in denspäteren Jahren klagte P. über Gefühllosigkeit undSchwäche und zwar in beiden Armen. Bei Bewegungenzitterten die Arme, doch arbeitete der Invalide, wie dieschwieligen Handteller bewiesen, mit den Händen. Die Muskulaturder Arme war leidlich kräftig und straff.

II. Der Feldapotheker des 12. Feldlazareths III. Armee-korps Carl S. zog sich bei Boncourt vor Metz im Sep-tember 1870 ein Darmleiden zu, welches seiner Beschreibungnach anfangs die Ruhr war. Es ist später in den Attesten alschronischeDiarrhöe" bezeichnet worden. An dieser Diarrhöelitt er noch im Januar 1871. Von Februar bis April 1871wurden bei ihm Anfälle von Geistesabwesenheit beobachtet, welcheden Charakter der Manie trugen. Gleichzeitig bestand Schmerz-haftigkeit einiger Rücken- und Lendenwirbel und eineHalblähmung der rechten Unterextremität. Der Kranke wurdemit Blutentziehungen, Einpinselungen von Jodtinktur und demkonstanten Strom behandelt. Alle Symptome besserten sich.Seit April 1871 blieben die psychischen Insulte aus. Auch dieParese des Beines verlor sich. Oberstabsarzt Dr. Rabl-Rück-hard konnte am 24. März 1872 keine objektiven Störungenmehr nachweisen.

Paraplégie.

Diese Form der Lähmung nach Ruhr kam fünfmalzur Beobachtung. Ihren Anfang machten dreimal neuri-tis che Symptome in den Unterextremitäten. Ein Kranker W. (VI), bei welchem möglicherweise eine multipleNeuritis vorlag, wurde vollständig gesund. F. (V) bessertesich. F. (111) ging im Jahre 1874 an den Folgen derLähmung zu Grunde. Zu der Paralyse gesellten sich beiL. (IV) epileptische Krampfanfälle, und S. (VII) war an-fänglich an allen vier Extremitäten gelähmt.

Aphoristische Angaben über eine weitere hierher ge-hörige Beobachtung macht im Monatsberichte für November1870 das Reservelazareth Bonn IL Scheinbar handelte es sichhier um eine in der Rekonvaleszenz von Ruhr entstandeneMeningitis spinalis, als deren Folgen eine Lähmung derBeine bestehen blieb, welche erst nach Applikation desFerrum candens in Besserung überging.

111. Moritz F., Gefreiter im Magdeburgischen Feld-Artillerie-Regiment No. 4, erkrankte im September 1870 vorMetz an der Ruhr. Die Krankheit nahm einen chronischenVerlauf, denn im März 1871 waren die charakteristischenDiarrhöen noch nicht beseitigt. Von da ab datirten auchheftige rheumatoide Schmerzen in beiden Unter-extremitäten, an welche sich zunächst eine lähmungsartigeSchwäche, später eine fast vollkommene Paralyse der Beine