Band VII.
IL Abschnitt: Nervöse Erkrankungen nach Ruhr.
Krankengeschichten über die in der Ueberschrift namhaftgemachten Empfindungsanomalien vor, doch lassen diesummarischen Angaben verschiedener Lazarethberichte ihreHäufigkeit mit grosser Wahrscheinlichkeit vermuthen.Einzelne Patienten hatten in der 4. bis 5. Woche derErkrankung unter quälendem Kribbeln in den Füssen,besonders dem rechten, heftige, intermittirende von derKreuzbein- und Lendengegend bis in die Kniee, zeitweiseauch bis in die Fussgelenke und Zehen ausstrahlendeSchmerzen bekommen. Zuweilen zeigte sich zugleich einegewisse Schwerfälligkeit in den Bewegungen der Beine,vorherrschend wieder des rechten, und ein Schwächegefühl.Die Haut der Unterextremitäten war gegen äussere Ein-drücke sehr empfindlich, auch bestand mehrmals Unsicher-heit des Muskelgefühls bei geschlossenen Augen undRellexerköhung. In seltenen Fällen machte sich bei längeremBestände der Schmerzen eine leichte Atrophie der Muskelnbemerklich. Verschiedene Feldärzte fassten diese Zuständeals reflektorische Neuritiden auf. Auffallend häufig warenNeuralgien in dem Endbezirke des n. peroneus, aber nichtvon grosser Heftigkeit. Sparsamer sind Notizen über
Anästhesie an den Unterextremitäten, doch scheinen denposttyphösen ähnliche, auf cirkumskripte Stellen beschränkteFormen in einigen wenigen Reservelazarethen wirklichbeobachtet zu sein.
Eine ausführliche Schilderung eines Falles von Ischiasnach Ruhr wurde weder in den zugänglichen Invaliden-Akten noch in den Feldlazarethberichten gefunden, dagegenenthalten fünf Zählkarten die Krankheitsdiagnose „Dysenterieund Ischias". In einem Falle unter ihnen wird ausdrücklicherwähnt, dass die Neuralgie im Gebiete des Hüftnervendie Darmerkrankung von Anfang an begleitete.
IV. Wilhelm Heinrich G., Unteroffizier im Bran-denburgischen Feld - Artillerie - Regiment No. 3, erkrankte am22. September 1870 an Ruhr. Als die charakteristischenDarmausleerungen verschwanden, stellte sich ein halbseitigerGesichtsschmerz ein. Er betraf die Bahnen des erstenund zweiten Astes des n. trigeminus, trat paroxysmen-weise unter Mitwirkung äusserer Veranlassung, wie Zugluft,Niesen, Blick in grelles Licht, ein und ging mit starker Röthungdes Gesichts und reichlicher Tliränenabsonderung einher. Ver-schiedene Medikationen hatten auf die Prosopalgie keinen Effekt.Die Erkrankung bestand am 5. Oktober 1871 unverändert fort.Was weiter aus ihr geworden, hat nicht ermittelt werden können.
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II. Seh- und Sprachstörungen.
Amaurose des rechten Auges mit negativem ophthal-moskopischen Befunde fand sich nach dem Berichte Dr.Matthaei's bei einem Ruhr-Rekonvaleszenten in demReservelazareth zu Verden. Der Kranke beschuldigte dieDysenterie als Ursache der Erblindung. Was aus ihr ge-worden ist, wissen wir nicht. Dr. Reichardt führt ineiner tabellarischen Uebersicht seiner Lazarethkranken einenEall von linksseitiger Abducen spar ese bei einem Ruhr-kranken auf. Das ist Alles, was über die hier in Betrachtkommenden Augenaffektionen in dem zugänglichen Akten-material aufzutreiben war.
Eine schwere, mit Bauchfellentzündung komplizirteRuhrerkrankung führte neben einer Paraplégie zu voll-kommener Sprachlosigkeit. Die Lähmung des Mastdarmsund der Blase, die Schmerzhaftigkeit der Rücken- undLendenwirbelsäule bewies, dass die Extremitätenlähmung,welche wie die Stummheit im Jahre 1873 noch fortbestand,von einer Rückenmarkserkrankung abhängig war.
I. Bernhardt B., Musketier im 4. ThüringischenInfanterie - Regiment No. 72, 23 Jahre alt. Er gelangte am25. Oktober 1870 in das Lazareth zu Bernburg, woselbst erzuerst die Ruhr, sodann im November eine mit der Ruhr sichverbindende Peritonitis überstand. Während der letzteren
Krankheit schon zeigten sich Lähmungserscheinungen. ZurTrägheit der Unterleibsfunktionen (Stuhlverstopfung, hoch-gradige Auftreibung des Unterleibs, Urinverhaltung) geselltensich Sprachlosigkeit, Lähmung der unteren Extremi-täten, Schwerbeweglichkeit des ganzen Rumpfes, welche zudauernder Rückenlage zwang. Am 24. Juli 1871 in das Laza-reth nach Schönebeck verlegt, dauerten die Krankheitserschei-nungen fort, nur die Harnentleerung erfolgte von selbst. B.überstand daselbst einen Karbunkel am Schulterblatt undwurde am 11. September 1871 in das Garnisonlazareth Magde-burg verlegt. Hier war er bis April 1872 dauernd Gegenstandärztlicher Behandlung, welche zur Aufgabe hatte, die Läh-mung der unteren Körperhälfte zu beheben. Neben mancherleiinneren Mitteln und Bädern wurde das Hauptgewicht auf dieAnwendung der Elektrizität gelegt. Letztere wurde nahezu vierMonate lang methodisch angewendet, der Erfolg blieb indessein negativer. Während die Thätigkeit der Harnblase fast nor-mal zu nennen war, erfolgte die Darmentleerung nur durchdirekte Nachhülfe, dabei war der Unterleib sehr stark ausge-dehnt. Die Lähmung der bereits erheblich abgemagerten Unter-extremitäten, deren Sensibilität zugleich aufgehoben war, zeigtesich als eine fast totale. Ebenso bestand eine Schwerbeweglich-keit des ganzen Rumpfes und die Sprachlosigkeit fort.
Am 8. Juli 1873: Stummheit, totale Lähmung derbeiden unteren Extremitäten, Atrophie derselben, Auf-treibung des Unterleibs, Unvermögen, ohne Hülfsmittel Stuhlund Urin zu lassen, grosse Schmerzhaftigkeit bei Berührung derRücken- und Lendenwirbel, Schwäche des ganzen Körpers.
Sanitäts-Bericlit über die Deutschen Heere 1870/71. VII. Bd.
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