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VI. Kapitel: Erkrankungen des Nervensystems nach akuten Infektionskrankheiten.
Band VII.
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Blut- und Saftbahnen des Körpers aus auf die einzelnenAbschnitte des Nervensystems einwirken kann, ohne dieNervenbahnen allein als Weg zu benutzen". Auch denexperimentellen Untersuchungen von Klemm, Tieslerund Feinberg, deren bei den sekundären traumatischenLähmungen *) des Näheren gedacht wurde, ist von manchen
') Vergl. 2. Abschnitt III. Kapitel dieses Bandes S. 63 u. ff.
Seiten eine Beweiskraft nicht beigelegt. Die Art undWeise, wie diese Versuche angestellt sind, soll nicht aus-schliessen, dass die injizirte chemische Substanz und be-sonders das später entstandene septische Gift, an welchemja viele Versuchsthiere starben, „von den Blut- und Saft-bahnen aus sowohl verschiedene Theile der Nervensubstanzals auch andere Körpertheile in einen entzündlichen Zu-stand versetzen, ohne dass wesentlich die Nervenbahnenselbst als Entzündungsbahnen betreten werden".
I. Epilepsie. — Hyperästhesien. — Neuralgien. — Anästhesien.
Unter Beibehaltung der für den ersten AbschnittgewähltenAnordnung des Stoffes sei mit der Epilepsie begonnen.
Diese Erkrankungsform kam unter 36 272 Ruhr-Rekon-valeszenten in fünf näher beschriebenen Fällen zur Be-obachtung. Durch das Zeugniss der Heimathbehörde warfestgestellt, dass die Kranken in ihrer Jugend vor Eintrittin den Militärdienst an Krämpfen niemals gelitten hatten,und dass weder die Eltern noch die sonstigen Familien-glieder von Epilepsie heimgesucht waren. Nach schwererDysenterie trat bei dem einen 29jährigen Manne in derdritten Woche der Genesung, als er noch zu Bette lag, derei'ste Insult auf. Die Anfälle wiederholten sich häutig undhatten 1873 zu bedeutendem geistigen und körperlichen Ver-fall geführt. Zuletzt wurden sie 1876 konstatirt. Der zweiteKranke, 23 Jahre alt, bekam die ersten Attacken schon zueiner Zeit, als die Darmausleerungen noch nicht ihre normaleBeschaffenheit angenommen hatten, sondern noch mit Eiterdurchsetzt waren. Die Form der Epilepsie war von Anfangan ebenfalls eine schwere und blieb es auch bis 1874, inwelchem Jahre die letzte militärärztliche Untersuchung desInvaliden stattfand. Um einen Zustand akuter Epilepsiehandelte es sich bei S. — Infanterie-Regiment No. 57 —,welcher im September 1870 an Ruhr erkrankte. DieRekonvaleszenz verzögerte sich bis in den Anfang Dezember.Zu dieser Zeit traten im Reservelazareth zu Lüneburg„eklamptische Anfälle" mit nachfolgender Taubheit undHalblähmung der ganzen rechten Seite ein. Dieser Zustandwar Mitte Januar 1871 beseitigt, so dass S. zu seinemTruppentheil zurückgeschickt werden konnte. In zweiFällen lässt sich der Verlauf der Epilepsie gar nicht über-sehen. Der Füsilier M. hatte als Ruhr-Rekonvaleszentim Lazarethe vom 20. September bis 5. Oktober 18707 Krampfan fälle, ebensoviele in der Zeit vom 2. bis 21. No-vember 1870 der Gefreite V., welcher, von Dysenteriegenesen, anämisch und abgemagert an erstgenanntem Tagedem Garnisonlazareth Altenburg zugegangen war.
Dass die Anzahl der Fälle von Epilepsie im Gefolgevon Ruhr auf diese fünf Erkrankungen nicht beschränkt
gewesen ist, geht unzweifelhaft aus einer Durchsicht derZählkarten hervor. Unter ihnen finden sich noch 13 mitder Krankheitsdiagnose „Ruhr und Epilepsie".
Auf eine schon bestehende Epilepsie übte eine inter-kurrente dysenterische Erkrankung für gewöhnlich insoferneinen modifizirenden Einfluss aus, als während des akutenDarmleidens die Anfalle aussetzten, um im Rekonvaleszenz-¡ stadium wiederzukehren, ohne übrigens dann immer anIntensität und Frequenz zuzunehmen. Indessen wurdenauch, während die Entleerungen noch blutig waren undder Kranke fieberte, Krämpfe mit Bewusstlosigkeit inmehreren Fällen beobachtet.
I. Carl Wilhelm K., Grenadier im Grenadier-RegimentPrinz Carl von Preussen (2. Brandenburgisches) No. 12,hatte am 15. und 21. September 1870 je einen epileptischenAnfall.
Am 26. September Dysenterie.
Am 4. Oktober epileptischer Anfall.
Evakuirt am 10. Oktober.
II. Ernst K., Füsilier im Westfälischen Füsilier-Regi-ment No. 37. Vater und eine Schwester epileptisch. Patient,selbst seit 1868 krampfkrank, bekommt am 7. Januar 1871 dieRuhr. Am 8. und 12. Januar epileptischer Anfall.
III. Hugo E., geboren am 8. November 1845, Füsilierim 2. Magdeburgischen Infanterie - Regiment No. 27, wurdewährend eines Marsches epileptisch. Im Lazareth zu Magnyhatte er die Krampfanfälle täglich 2 bis 3 mal. Kurz nachseiner am 21. November 1870 erfolgten Aufnahme in das lO.Feld-lazareth IV. Armeekorps bekam er die Ruhr. Während desAblaufs dieser Krankheit hatte er angeblich nur einen epi-leptischen Anfall. Erst in der Rekonvaleszenz, welche er zumgrösseren Theil in dem Reservelazareth zu Quedlinburg ver-brachte, nahm die Zahl der einzelnen Krampfattacken wiederzu. Um diese Zeit stellte sich aucñ doppelseitige Schwerhörig-keit ein. Sie war, wie eine spätere Untersuchung lehrte, aufeine Verkalkung der Trommelfelle zurückzuführen. Dieserhalbwurde E. auch im Jahre 1877 für dauernd theilweise erwerbs-unfähig erklärt. Die Epilepsie war seit Mitte 1873 geheilt.
Sensibilitätsstörungen während und nach der Ruhrwaren nicht selten. Zwar liegen mit Ausnahme einer post-dysenterischen Trigeininusneuralgie (IV) keine ausführlichen