228
VI. Kapitel: Erkrankungen des Nervensystems nach akuten Infektionskrankheiten.
Band VII.
in den Fingern vorübergehend bezw. an drei Tage an-dauernden Krämpfen der Extremitäten" gelitten hatten.
Ein Beispiel von posttyphösem Tetanus mit Aus-gang in Genesung wird von Eulenburg sen. in derBerliner klinischen Wochenschrift, Jahrgang 1871, erzählt,besonders bemerkenswert)! noch deswegen, weil der Fall zurZeit einer verbreiteten Cerebrospinalmeningitis differential-diagnostische Schwierigkeiten zu bereiten im Stande war.Nach Ablauf eines Typhus blieben Schweisse und Schwer-
hörigkeit zurück. Vierzehn Tage später traten in Folgevon Erkältung Steifigkeit und Schmerz in den Nackenmuskelnein. Nächsten Morgens Opisthotonus, Trismus. Daraufreflektorisch - tonische Krämpfe. Sensorium frei. AnStelle des Opisthotonus entwickelte sich später Emprostho-tonus, in den Eeflexkrämpfen wurde der Kopf bis auf dieBrust gezogen. Während der ganzen Krankheit bestandmassiges Fieber. Mit der 7. Woche begann die Rekon-valeszenz.
X, Vasomotorische Störungen.
Auf das Vorkommen von isolirten Störungen der Ge-fässinnervation nach Typhus hat zuerst Nothnagel auf-merksam gemacht. Sein Kranker, ein Rekonvaleszent ausdem Feldzuge, zeigte die Symptome des arteriellen Gefäss-krampfes, Blässe und Temperaturabnahme der Haut, Herab-setzung der Sensibilität, ausschliesslich an beiden Händen.Ein zweiter hierher gehöriger Fall verlief unter dem Bildeder Angina vasomotoria.
I. F. L., 21 Jahre alt, vom 4. Garde-Kegiment, erkrankteim März 1871 am Typhus. Vordem war er stets gesund.
Nach circa (5 Wochen stand er auf, und es entwickeltensich da die Erscheinungen, welche, als ich Pat. das erste Malsah, 8 Tage bestanden. Ich bemerke ausdrücklich, dass derKranke sich noch im Lazareth befand und selbst das Zimmernoch nicht verlassen hatte.
Pat. klagt über eine eigentümliche kribbelnde Empfindungmit einem gleichzeitigen Gefühl von Erstarrung und Taubseiuin beiden Händen, namentlich in den Fingern. Daneben be-stehen noch eigentliche Schmerzen in den Händen, die sich
mitunter bis zum Ellenbogen hinauf erstreckten. Diese Em-pfindungen werden stärker, sowie Kälte auf die Hände einwirkt,sie lassen in der Wärme, namentlich wenn Patient die Fingerreibt, nach. Die Finger sind meist blass, weiss, und diese blasseFärbung steht in gradem Verhältniss zur Intensität der sub-jektiven Empfindungen; sie fühlen sich ausserdem kühl an.Die Sensibilität ist deutlich an beiden Händen vermindert.
Patient wurde durch Einreibungen mit Senfspiritus undden konstanten Strom (-j- Nacken, — Plexus brachialis, stabil)in drei Wochen wieder hergestellt. (Nach Nothnagel.)
II. Lieutenant Fr., früher gesund, bekam im Oktober 1870den Typhus. Er machte ein langes Krankenlager durchund konnte sich auch, nachdem er fieberfrei, nichtrecht erholen. Ein Gefühl von Angst, verbunden mit Herz-klopfen, Athemnoth, Schwindel, befiel ihn täglich mehrmals,dabei hatte er heftige Schmerzen in den Beinen, welche sichbei Bewegung steigerten. Die Füsse wurden blass, kalt undunempfindlich. Dieser Zustand hielt monatelang in abnehmenderStärke an, um alsdann für immer zu verschwinden.