Band Y II.
I. Abschnitt: Nervöse Naclikrankheiten des Abdominal typhus.
korps vom 4. bis 26. September 1871 in Sedan an Typbusbehandelt. Nach Ablauf der Krankheit beobachtete man beidem Rekonvaleszenten neben hochgradiger Körperschwächekonvulsivische Zuckungen in verschiedenen Nerven-gebieten, namentlich im Gebiete der nn. faciales.Anderthalb Jahre später Hessen sich bei gebessertem Ernährungs-zustande Zuckungen im Gesicht beim Sprechen, welches mitschwacher Stimme geschah, wahrnehmen. Der Kranke klagtedaneben über Salivation. 1874 im Februar: „Gute Ernährung;Verschlimmerung des Nervenleidens, indem sich die Hyperkinesisauch auf die Muskeln des Halses und der Schulter ausgedehnthat. Patient schneidet unaufhörlicb Grimassen, zucktmit der Schulter." Juni 1875: „Konvulsionen des Gesichts,der Halsmuskeln, der überarmmuskeln, bereits übergehend aufdie Brustmuskeln. Abschreckender Anblick." Juni 1877:„Gute Ernährung. Die steten konvulsivischen Zuckungen desGesichts, der Schulter- und oberen Brustmuskulatur, sowie derArme und Hände dauern fort. Im Schlafe allgemeine Muskel-ruhe."
Von Ley den wird als Typhuslälimung mit spinalemCharakter eine durch Hyperästhesie und Bildung von Kon-trakturen ausgezeichnete Form erwähnt, welche meist inden Uiiterextremitäten ihren Sitz hat, aber durch Ver-breitung des Prozesses nach aufwärts auch die oberenGliedmaassen mitbetheiligen kann. Eine solche Kontrakturim Knie sah aber Leyden auch einmal doppelseitig, einanderes Mal einseitig, ohne dass anderweitige Sym-ptome von Lähmung vorhanden waren. Der Verlaufdieser Fälle war meist günstig. Doch kamen ihm aucheinige Fälle alter, unheilbarer Kontrakturen eines oderbeider Beine zu Gesicht, welche schon seit Jahren unver-ändert fortbestanden. Für den Ausgangspunkt dieser Pro-zesse hält Leyden bei dem Mangel von Sektionserfahrungenmit Wahrscheinlichkeit eine Neuritis, „welche sich aufdas Rückenmark verbreitet und mit Betheiligung derMeningen zu verlaufen scheint. Diese Analogie giebt sich,so fährt er fort, auch darin zu erkennen, dass ich die nachoben fortschreitende Parese mehrmals in der Form dergekreuzten spinalen Lähmung auftreten sah."
Aehnliche Beobachtungen, wie die Ley den'sehen,sind im Feldzuge nicht gemacht worden. Wenn, wie inden früher beschriebenen Fällen, Kontrakturen gefundenwurden, so waren gleichzeitig Lähmungen und Atrophiennachzuweisen.
Dagegen hat Berg er einen Fall (VIII) notirt, inwelchem sich ohne voraufgegangene Lähmung, ohneSchmerzen und ohne objektive Sensibilitätsstörungen nachTyphus eine Kontraktur im Ellenbogengelenke entwickelte.Ob auch die beiden anderen Krankengeschichten mit Rechthier unterzubringen waren, wagen wir nicht zu entscheiden.
VIII. Wilhelm S., 22 Jahre, geboren in Rothschloss,Kreis Nimptsch, vom 51. Infanterie - Regiment. Im Oktober1870 eine fieberhafte Krankheit (Typhus?). Nachderen Ablauf trat eine Krümmung des rechten Armes imKubitalgelenk ein (130°) ohne Schmerzen. In der Beuge trittdie Bicepssehne scharf hervor. Oberarm an der Vorder- undHinterseite abgemagert. Beugung bis zum normalen Winkel
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trotz der Bicepskontraktur nicht möglich. Bewegung langsamund kraftlos. Flexoren der Hand und Finger auch wenigerkräftig funktiouirend. Bewegungen im Schultergelenk normal.Sensibilität an der vorderen und hinteren Fläche des Vorder-arms und Oberarms, ebenso wie Faradokontraktilität, normal.(Nach Berger.)
IX. Der 25jährige Musketier der 5. Kompagnie Braun-schweigischen Infanterie - Regiments No. 92 August A. er-krankte Ende November 1870 auf dem Marsche zur Loire anTyphus und blieb dieserhalb bis Mitte Januar 1871 in ver-schiedenen Feldlazarethen. Als er nun dem Ersatz - Bataillonüberwiesen wurde, zeigte sich, dass der 4. und 5. Finger derrechten Hand in krampfhafter und passiv nicht völlig zu hebenderFlexionskontraktur standen. Diese Kontraktur fand sich auch am20. September 1872. Weitere Untersuchungen fehlen, dochscheint aus hier nicht zu erörternden Gründen Heilung ein-getreten zu sein.
X. Josef H., vom 11. Bayerischen Infanterie-Regiment,wurde Anfangs September 1870 in Bar le Duc vom Typhusbefallen. Als Rekonvaleszent ging er am 17. Oktober1870 dem Vereinslazareth Oeterkofen zu, wurde von dort abergleich beurlaubt. Am 22. Februar 1871 fand von Neuem seineLazarethaufnahme in dem Garnisonlazareth zu Regensburg stattund zwar wegen „Lähmung der linken Hand nach Typhus".Das Invaliditätsattest vom 2. April desselben Jahres erwähnt„eine vollständige Kontraktur des Ring- und kleinenFingers der linken Hand, so dass dieselben an der innerenHandfläche anliegen und jeder Streckversuch vergeblich ist".
1874: Derselbe Befund.
Allgemeine tonische Krämpfe der gesammten Körper-muskulatur ohne Intermission und mit Betheiligung derKaumuskeln (Trismus) führten während des Kriegeszweimal in der zweiten Woche des Typhus innerhalb24 Stunden zum Tode. Dass eine äussere Verletzungnirgends zu sehen war, wird einmal noch besonders bemerkt.Eine Sektion wurde nicht ausgeführt. Von dieser Krampfformunterschieden sich die tetanischen Anfälle, welche zweiRekonvaleszenten bald nach der Deferveszenz befielen.Sie waren zwar auch auf die Muskulatur des Rumpfes undder Oberextremitäten verbreitet, Hessen aber die Masseterenunberührt, lösten sich nach einer gewissen, in einem Fallenach einer halbstündigen Dauer, hinterliessen eine grosseSteifheit und Abgeschlagenheit und wiederholten sich nacheinem Intervall von einem oder mehreren Tagen. EinKranker hatte zwei, der andere drei Rückfälle. Die be-handelnden Aerzte beschränkten sich auf diese kurze Mit-theilung. Es dürfte sich um eine der Tetanie ähnlicheoder mit ihr identische Krampfform gehandelt haben. IhrVorkommen nach Typhus wird von Erb bestätigt. Ver-wechslungen mit den Muskelspannungen bei Meningitisspinalis, welche zuweilen den Typhus komplizirt oder ihmnachfolgt, sind möglich und oft schwer zu vermeiden.
F. Schultze, welcher bei einer blatternkranken Frauund einem typhuskranken Manne während des Fieber-verlaufs Anfalle von Tetanie zu Gesicht bekam, stellte fest,dass beide Patienten schon vor ihrer schweren Erkrankung„an leichten Abnormitäten der Sensibilität und Motilität
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