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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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VI. Kapitel: Erkrankungen des Nervensystems nach akuten Infektionskrankheiten.

Band VU.

Wolle zupfen". Gleichzeitig mit den Bewegungen der Fingermachte er nach einer Beschreibung des Journalblattes leichteBeugebewegungen im Hand- und Ellenbogengelenke.Im Schlafe und bei intendirten Bewegungen fehltedas Zittern. Später setzte es sich auch auf das rechteBein fort und bestand ungeachtet aller therapeutischen Be-strebungen noch im Jahre 1873.

IV. August K., Kanonier des Niederschlesischen Feld-Artillerie - Regiments No. 5, machte Januar 1871 im Feldeeinen schweren Typhus durch. Nach demselben entwickeltesich zuerst in den Oberextremitäten, dann in den Beinen und amRumpfe ein fortwährendes Muskelzucken, welches beiintendirten Bewegungen und im Schlafe aufhörte.Später nahm auch der Kopf an den Schüttelkrämpfen Theilund war in einer fortwährend wackelnden Bewegung. Diesewurde durch Druck auf die Halswirbelsäule verstärkt. UnterFortbestand des Muskeltremors verschlechterte sich das All-gemeinbefinden auffallend rasch. Eine genauere Untersuchunglieferte nun den Nachweis, dass der Kranke zugleich anZuckerharnruhr litt.

V. Rudolf S., vom 3. Garde-Regiment z. F., erkrankteEnde April 1871 zu Villiers le Bel an einer fieberhaften Krank-heit, welche in dem Lazarethjournal alsfebris gástrica"bezeichnet ist. Höchst wahrscheinlich handelte es sich aber umeinen regelrechten, mit niederen Temperaturen verlaufendenTyphus, zumal schwere nervöse Erscheinungen denAblauf des Leidens begleiteten. Als Rekonvaleszentklagte Patient über Schmerzen in Brust und Rücken, hatteeinen unsicheren Gang, einecoupirte" Sprache und eineneigenthümlich ängstlichen Blick. Unter Fortbestand dieserSymptome bildete sich allmälig ein Zittern zuerst der Musku-latur der rechten, später auch der linken Körperseite aus,welches bereits im August 1871 mit lähmungsartiger Schwächein den Extremitäten verbunden war und als Paralysis agitansbezeichnet wurde. Auch im Schlafe setzten die schütteln-den Bewegungen nicht aus, in Rückenlage zeigten sichhauptsächlich die Oberschenkelmuskeln affizirt.

1874 war der Zustand unverändert. S. lebte nach einemVermerk in den Invaliden-Akten 1879 noch.

Eine der gewöhnlichsten Erscheinungen in der Re-konvaleszenz des Typhus ist das Zittern, welches beiintendirten Bewegungen in den Muskeln des Armesund der Pinger eintritt. Es beruht aller Wahrschein,lichkeit nach im Wesentlichen auf einer Schwächung derinnervirenden Apparate, wahrend die Ernährungsstörungder Muskeln nur eine untergeordnete Rolle spielt. Auchin der Ruhe sieht man nicht selten ein unaufhörlichesMuskelspiel in den Oberextremitäten. Eine nicht unbe-trächtliche Zahl von Typhusrekonvaleszenten wurde diesesZitterns wegen nach dem Feldzuge noch lange Zeit be-handelt, etliche Kranke gelangten auch dieserhalb zur In-validisinuig. Trotz des Gebrauchs von Bädern und derElektrizität hatte das Zittern nicht weichen wollen. Geistigeund körperliche Anstrengung, Aufregung, Schreck ver-stärkten es. Die Unterextremitäten nahmen nur selten andem Tremor Theil und immer in geringerem Maasse,hauptsächlich dann, wenn sie in Gebrauch gesetzt wurden.Durch das Zittern der rechten Hand und des Vorderarms

bei dem Versuche zu schreiben, kam es gelegentlich auchzu der tremorartigen Form des Schreibekrampfs.

Nothnagel erinnert an ähnliche Beobachtungen vonBenedict, Rilliet und Barthez und theilt selbstfolgenden Fall aus dem Kriege mit:

VI. P.E., 25 Jahre alt, vom 4. Garde-Regiment, erkrankteim Juni 1870 an einem schweren Typhus und lag fünfWochen unter heftigen Erscheinungen. In der beginnendenRekonvaleszenz traten die noch jetzt vorhandenen unten zuschildernden Erscheinungen auf. Dieselben gingen nach einigenWochen wieder zurück, so dass Patient funktionsfähig war.Ende Oktober stellte sich Reissen in beiden Beinen ein, und dieGegend der Fussgelenke schwoll etwas an. Damit zugleich tratauch der Tremor wieder auf.

April 1871: Der grosse, sehr kräftige und muskulöse Mannklagt etwas über Kopfschmerz und Sausen auf beiden Ohren.Die Hirnnerven vollständig frei, die Zunge wird gerade undruhig herausgestreckt. Der ganze rechte Arm ist in beständigzitternder Bewegung, und zwar sind alle Muskeln vom Schulter-gelenke abwärts davon ergriffen ; am stärksten zittern die Finger.Bei intendirten Bewegungen wird der Tremor sofort stärker.Der Händedruck ist rechts schwach, obwohl eine Abmagerungder sehr kräftigen Muskulatur nicht zu bemerken ist; im Uebrigensind alle Bewegungen des Armes möglich. Die Tastschärfe istan demselben etwas herabgesetzt. Der linke Arm zittert nursehr wenig. Der Kopf steht ruhig, und ebenso ist der Rumpfruhig. Wenn Patient Bewegungen macht, so zittern auch beideBeine etwas, und zwar das rechte mehr als das linke. Die obenerwähnte Anschwellung der Fussgelenke soll noch jetzt etwaswiederkehren, wenn Patient geht. Urin eiweissfrei. Herznormal.

Eine länger fortgesetzte galvanische Behandlung (Rückeu-

marksströme erst I , dann I , und lokale Behandlung des rechtenArmes) blieb ohne Erfolg.

In den Benedict'schen Fällen handelte es sich ein-mal um einen Tremor und ein seitliches Schwanken desKopfes, das andere Mal um Kreuzschmerzen, Schwäche undKrämpfe in den Beinen. Auch 0. Bruns theilte in einerDissertation aus der v. Frericks'schen Klinik einen Fallmit, bei welchem neben Parese in den Händen ein Tremorartuum bestand.

So häufig die Chorea dem akuten Gelenkrheumatismusnachfolgt, so selten scheint sie sich im Anschluss an andereakute Krankheiten auszubilden. Dies gilt zunächst für daskindliche Lebensalter. Nur von Bouchut wird angegeben,dass auch der Scharlach das Auftreten des Veitstanzes be-sonders begünstige. Dem gegenüber hat aber Henochbloss zwei Fälle in Verbindung mit dem Scharlachfiebergesehen. Auch nach dem Ablauf der Diphtherie kon-statirte dieser Autor Chorea bei einem achtjährigenanämischen Knaben. Als Nachkrankheit des Ab-dominaltyphus kennen wir einen von Rilliet undBarthez bei einem Kinde beschriebenen Fall.

Folgendes Beispiel wurde in den Invalidenlisten auf-gefunden.

VII. Conrad S., Vizekorporal im Bayerischen Infan-terie-Leib-Regiment, wurde im 12. Feldlazareth XI. Armee-

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