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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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Band VIL

I. Abschnitt: Nervöse Naclikrankheiten des Abdominaltyplins.

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IX. Ataxie. Paralysis agitans. Tremor. Chorea. Kontraktur.

Tetanus und Tetanie.

Als akute Ataxie beschreibt Leyden eine Krank-heit, deren hervorragendes Symptom in einer akut ent-standenen Koordiuationsstörung in den harmonischen Be-wegungen der Extremitäten besteht. Sie war schon früherenAutoren im Gefolge der Diphtherie aufgefallen. Insbe-sondere wird in der Litteratur der Eisenmann'schenBeobachtungen gedacht. Neuerdings versuchte Rumpfgelegentlich der Beschreibung eines diesbezüglichen Fallesnach Diphtherie die Leyden'sche Theorie der Ataxie zubekämpfen. Ein neunjähriges Mädchen hatte nach über-standener Diphtherie beim Mangel der Patellarsehnenreflexeeinen ausgesprochen taumelnden Gang. Dieser verlor sich,die Sehnenreflexe kehrten aber erst vier Wochen späterzurück.Wäre eine Sensibilitätsstörung in Sehnen undMuskeln, die sich durch das Fehlen der Sehnenreflexe cha-rakterisirt, die Ursache der Ataxie, so müssten vor demSchwinden der koordinatorischen Störung die Sehnenreflexeentschieden zurückgekehrt sein." Die geringe und raschvorübergehende Schwäche der Unterextremitäten machte eszugleich unwahrscheinlich, dass der Verlust der Sehnen-reiiexe durch eine Störung in den motorischen Bahnenverursacht wurde. Rumpf nahm deswegen zur Erklärungbeider Erscheinungen, der Ataxie und der verloren ge-gangenen Reaktion des Quadriceps auf den mechanischenBeiz seiner Sehne, eine Affektion der grauen Substanz an.

in den beiden hier reproduzirten Fällen aus dem Kriegebeherrschte die Ataxie das Krankheitsbild. Die Sensi-bilität war dabei einmal gar nicht, das zweite Malin ganz untergeordneter Weise alterirt. Die Koordi-nationsstörungen verloren sich bei beiden Kranken.

I. Gerhard K., Füsilier im 6. Westfälischen Infanterie-Regiment No. 55, lag im Oktober und November 1870im Lazareth zu Mont de Langue an Typhus schwer-krank. Auf der Evakuationsfahrt als Rekonvaleszent zoger sich ein neues Leiden zu. Dasselbe verrieth sich besondersdurch so hochgradige Schwäche in den Beinen, dass Patientnicht mehr gehen und stehen konnte, obwohl er hierzu nachüberstandenem Typhus schon im Stande gewesen war. ImLazareth zu Emden, wo er am 23. Dezember 1870 Aufnahmefand, konstatirte man Folgendes:Patient leidlich genährt,vermag im Bette liegend mit den Unterextremitäten alle Be-wegungen nur zappelnd auszuführen, kann auch mit geschlosse-nen Augen stehen, taumelt aber und fällt, wenn er sich umzu-drehen versucht. Der Gang ist unsicher, die Füsse werden umeinander geschleudert. Sensibilität nirgends gestört."

Behandlung mit Argentum nitricum und Leberthran, späterBadekur in Norderney.

8. September 1871: Ataxie der Unterextremitäten nochimmer vorhanden.

1873: Sicherer, normaler Gang.

Sanitáts-Bericlit Über die Deutschen Heere 1870/71. VII. Bd.

II. Ludwig G., Sergeant im 1. Hannoverschen Dragoner-Regiment No. 9, machte vom 4. September bis Ende Ok-tober 1870 in den Lazarethen zu Marange und Elberfeldeinen schweren Typhus durch, erholte sich nur lang-sam und klagte bereits im November als Rekonvaleszentüber Schmerzen in beiden Beinen und im Kreuz, hatte einenataktischen Gang. Im November 1871 schleppte er dasrechte Bein nach, beide Unterextremitäten zitterten, beimGehen wurden die Beine geschleudert und stampfendaufgesetzt, im linken Arm zeigte sich eine Abnahmedes Muskelgefühls. G. klagte über Taubheit und Ameisen-laufen in den Unterextremitäten. Bald trat jedoch Besserungein, die so rasch vorwärts schritt, dass bereits im April1872 seine Anstellung bei der Eisenbahn als Schaffner erfolgenkonnte.

Diesseitigen Wissens sind Fälle von Paralysis agi-tans als Nachkrankheit des Typhus bisher noch nicht be-schrieben worden. Nur Benedict deutet an, dass er einähnliches Bild, wie bei der Schüttellähmung, mit grosserSchwäche komplizirt in einem Falle nach Typhus gesehenhabe. Es ist darum von Interesse, aus den Invalidenaktendrei hierher gehörige Fälle zusammenstellen zu können. Amdeutlichsten markirt sich das klinische Krankheitsbild beiM. (III). Aber auch in dem mit Diabetes komplizirtenFalle (IV) lassen sich Gegengründe gegen die Natur derErkrankung nicht w T ohl vorbringen. Zweifelhaft erscheintdie letzte Beobachtung (V). Sie würde mit in die multipleSklerose eingereiht worden sein, wäre nicht von dem denInvaliden zuletzt untersuchenden Militärarzt aus eigenerAnschauung die Krankheit S.'s (V) ausdrücklich als Para-lysis agitans bezeichnet worden. Beobachtungen von un-komplizirtem Diabetes nach Typhus sind von Heine,Schmidt-Rimpler, Zimmer, Kernig u. A. gemacht.Unter 400 Diabetes - Fällen sah v. Frerichs dreimal Gly-kosurie und Diabetes nach Typhus.Bei einem Krankenhatte sich gleichzeitig Atrophie der Annmuskeln und derRückenmuskeln der rechten Seite entwickelt, ein Beweis,dass der Typhus auf die Ernährung der Nervencentra seinenEinfluss ausgeübt hatte."

III. Bernhard M., Husar im 1. Westfälischen Hu-saren-Regiment No. 8, erkrankte während des Feldzuges am7. Oktober 1870 in Ars Laquenexy vor Metz an Typhus ab-dominalis und wurde sofort per Eisenbahn in das 2. Reserve-lazareth des Königlich Sächsischen XII. Armeekorps, SchlossPleissenburg in Leipzig, geschafft. Hier verblieb er bis zum1. November 1870, um dann zur weiteren Pflege in seine Iloimathgeschickt zu werden. Gegenstand der Behandlung war ausserdem allgemeinen Schwächezustand ein nach dem Typhuszurückgebliebenes habituelles Zittern des rechtenArmes. Es war, als müsse er unaufhörlich mit den Fingern

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