Druckschrift 
Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
Entstehung
Seite
224
Einzelbild herunterladen
 

224

VI. Kapitel: Erkrankungen des Nervensystems nach akuten Infektionskrankheiten.

Band VII.

VIII. Tabes. Multiple Sklerose.

Wohl allgemein bekannt ist die Thatsache, dass sichzuweilen im Anschluss an den Typhus die Erscheinungender Tabes entwickeln. Die näheren Beziehungen zwischenden beiden Krankheiten sind aber keineswegs erforscht.Möglich, dass die Ernährungsstörungen in den Hinter-strängen schon bestanden, als der Typhus einsetzte, möglich,dass dieselben durch den Typhus in erkennbarer Weiseverschlimmert wurden, möglich endlich, dass sie zu denInfektionskeimen oder ihren Produkten in direkte Ab-hängigkeit zu bringen waren. Eine ungefähre Aufklärungdieser Zweifel lässt sich nur erwarten, wenn unter Berück-sichtigung der vervollkommneten Untersuchungsmethoden,namentlich nach Prüfung der Sehnenreflexe und derSensibilitätsverhältnisse mit einem höheren Grade vonWahrscheinlichkeit als bisher, die Anfangsstadien der grauenDegeneration vor dem Beginn des Typhus ausgeschlossenwerden konnten. Man wird die Erledigung der noch be-stehenden Zweifel einem glücklichen Zufall überlassenmüssen, falls man nicht mit systematischen Untersuchungenvorgehen will. Viel wäre schon gethan, wenn die Militär-ärzte die so leicht zu handhabende Prüfung des Patellar-reflexes in gewissen t Zwischenräumen bei den Soldatenihres Truppentheils vornehmen wollten.

In dem zweiten der hier angeführten beiden Fälle vonposttyphöser Tabes aus dem Feldzuge ist eine sichereEntscheidung über die primäre Erkrankung nicht wohlmöglich. Die im Anschluss an die ganz ungewöhnlichgrossen Strapazen geklagten Beschwerden können eben-sowohl als die ersten Symptome einer spinalen, speziellin den Hintersträngen lokalisirten Veränderung wie als Er-scheinungen rein funktioneller Schwäche gedeutet werden.

I. Jakob Eberle, Gemeiner im 1. Bayerischen Artillerie-Regiment, kam typhuskrank am 12. März 1871 aus dem Feldezunächst ins Grossherzoglich Hessische Reservelazareth Baben-hausen, dann ins Garnisonlazareth Würzburg und schliesslichals Konvaleszent ins Lazareth Fürstenfeld. In letzterem wurdeer an Parese der Unterextremitäten behandelt. Eine genauereBeschreibung dieses krankhaften Zustandes ist nicht vorhanden.Am 23. August 1872 fanden sich eine bedeutende Schwächeder Unterextremitäten, am 23. September 1875 die charakte-ristischen Symptome der Tabes: Ataxie, Sensibilitätsstörungenohne Veränderung des Ernährungszustandes. Zeitweise befielenden Kranken epileptiforme Anfälle.

E. starb am 25. Juni 1878.

II. Hauptmann D., geboren am 18. November 1836, neuro-pathisch nicht belastet. Syphilis?

Im Januar 1871 machte er die ausserordentlich anstren-genden forcirten Märsche im Jura mit und klagte während der-selben über Abspannung, Ermüdungsgefühl und Schmerzen inden Beinen, bekam Frostgeschwüre an beiden Füssen.

Gleich darauf erkrankte er an Typhus und wurde daranwährend der Monate Februar und März im Garnisonlazareth zuMetz behandelt. Die Krankheit wird als eine schwere be-

zeichnet. Im Verlaufe derselben traten die vorher geklagtenSchmerzen ganz zurück. Nach Eintritt in die Rekonvaleszenzkamen aber die Schmerzen und das Schwächegefühl in denBeinen von Neuem in verstärktem Maasse und führten den nachWesel evakuirten Kranken in die Behandlung des praktischenArztes Dr. Tacke. Ungeheilt nahm Patient im Mai 1871 seinenDienst wieder auf. Der Zustand verschlechterte sich. Im Jahre1872 bezogen sich seine Beschwerden auf kribbelnde Schmerzenin den Beinen, Gefühl von Pelzigsein, Taubheit und Unempfind-lichkeit der Fusssohlen, Unsicherheit beim Gehen, leichte Er-müdung.

1874 gebrauchte er 6 Wochen lang ohne Erfolg die Bäderzu Wiesbaden. Das Uebel schritt fort und führte 1875 zurDienstunbrauchbarkeit. Es bestanden: Ataxie, Kälte und Ge-fühllosigkeit der Unterschenkel und Füsse, Parästhesien in denUnterextremitäten, Brach'sches Symptom, periodische Anfällevon Hitze, Gürtelgefühl.

Dasselbe, was von der Tabes gesagt ist, gilt auch vonder multiplen Sklerose. Ihr Vorkommen nach Typhusist von Westphal behauptet und von Ebstein durch dieSektion bestätigt, ihr Abhängigkeitsverhältniss vom Typhusaber nicht genügend klargelegt. Es giebt aber auch einenach Typhus auftretende allgemeine Neurose,welcheweder in ihren Symptomen noch in ihrem Verlaufe vondem am häufigsten vorkommenden Symptomenkomplex dermultiplen cerebro -spinalen grauen Degeneration unter-schieden werden kann". Das lehrt eine Beobachtung We s t-phal's, welche sich im Archiv für Psychiatrie und Nerven-krankheiten Bd. 14 findet. Für das durch die motorischeParese, die Rigidität der Muskeln, das Intentionszitternund die Sprachstörung gekennzeichnete Krankheitsbild gabdie sorgfältigste anatomische Untersuchung des Central-nervensystems keine Begründung. Einen klinisch wohlcharakterisirten Fall von multipler Sklerose nach Typhusstellt der folgende dar. Von der gewöhnlichen Form weichter nur durch die Ataxie der Unterextremitäteu ab, docliist daran zu erinnern, dass mangelhafte Koordination derBewegungen an Armen und Beinen bei multipler Skleroseauch von andern Seiten beobachtet wurde.

III. Bernhard Strohecker, Füsilier der 9. KompagniePommerschen Füsilier - Regiments No. 34, machte den Feld-zug bis in den Januar 1871 ohne Gesundheitsstörung mit. VorBeifort wurde er krank. Er bekam den Typhus. Die Krank-heit verlief schwer. An dieselbe schloss sich eine langsameKonvaleszenz. Als S. am 26. Juli 1871 entlassen wurde, fandman ärztlicherseits ein starkes Zittern beider Hände bei in-tendirten Bewegungen mit hochgradiger Schwäche.Leichte Ermüdung der Beine. Skandirende Sprache. Ende1871 klagte der Invalide über Schwindelgefühl und Kopf-schmerz. An den Unterextremitäten zeigte sich ausgesprocheneAtaxie. Die Sprache war undeutlich. Bei Versuchen, mitder Hand einen Gegenstand zu fassen, trat Schütteltremorein. Eine Atrophie der Gliedmaassen war bis zum Jahre 1874,in welchem am 5. Juni die letzte militärärztliche Untersuchungstattfand, nicht nachzuweisen.