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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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Band VII.

I. Abschnitt: Nervöse Nachkrankheiten des Abdominaltyphus.

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[II. Wilhelm L., 24jähriger Infanterist, war früher niewesentlich krank und stammt aus einer Familie, in welcherErkrankungen des Nerven- und Muskelsystems nicht vor-gekommen sind.

Nachdem Patient beim Beginne des Krieges im Jahre 1870nach Frankreich ausgerückt war, machte er die Strapazen desFeldzuges mit in ungetrübter Gesundheit bis zum 15. Oktober,wo er von einer akuten fieberhaften Krankheit befallen wurde,welche in dem mir von dem Königlichen Reservelazareth Hanaufreundlichst übermittelten Journalblatt aus dem Lazareth zuDaucortin als Febris gástrica bezeichnet ist. Klagen überKopfschmerzen und Schwindel, Appetitlosigkeit, grosse all-gemeine Schwäche, schmerzhaftes Epigastrium und geringeTemperaturerhöhung bei normalen Darmentleerungen werdenals die Symptome angeführt. Nachdem Patient acht Tage langwegen der genannten Beschwerden das Bett hütete, klagte erüber heftige, spannende Schmerzen im linken Beine, diedurch Druck und Bewegungen sehr gesteigert wurden. Esstellten sich nun die deutlichen Zeichen einer Thrombose dervena saphena magna der linken Seite ein : Unter dem Ligam.Poupart. fühlt man, entsprechend der Vene, einen harten, aufDruck schmerzhaften Strang, die oberflächlichen Venen kolossalerweitert, ausgebreitetes Oedem des linken Beines. Die Puls-frequenz betrug 80 90°, die Temperatur war nicht erheblicherhöht. Th.: Einreibung mit Ungt. einer. Watteeinwickelung.Infus. Digital, mit Kali acet. 8. November: Die Anschwellungder Extremität hat abgenommen. Gegenwärtig noch starkesOedem des Fussrückens. Patient noch sehr schwach, sehrbehinderte Gebrauchsfähigkeit des linken Beines. Patientwurde nach Hanau evakuirt. Unter dem 5. Februar 1871 findeich verzeichnet: Das linke Bein um ein Viertel des Volumensdicker als das rechte. Thrombosirte Vene deutlich zu fühlen;varizöse Erweiterung der Venen des linken Beines. Herztönenormal. 13. Februar: Patient klagt über Taubheit in den links-seitigen Zehen. Schmerz in der Tiefe der Schenkelbeuge. DieSchwellung des Oberschenkels hat nicht den Charaktereiner ödematösen Schwellung, nur am unteren Drittheildes linken Unterschenkels deutlich Oedem. Am 25. März d. J.sah ich den Patienten zum ersten Mal, der wegen Schwächeund Schmerzen im linken Beine der elektrischen Behandlungüberwiesen wurde. Er klagt über reissende, brennendeSchmerzen, die sich jetzt gleichmässig durch das ganze Beinbis zum Fussgelenk herab erstreckten, nicht mehr so heftigsind, wie in den ersten drei Monaten seiner Erkrankung, sichaber noch jetzt öfters, besonders durch Bewegungen, zu be-deutender Intensität entwickeln. Seltene Formikationen imlinken Bein. Die Schwäche desselben erlaubt ihm keine weitenFusswege wegen rascher Ermüdung, häufig verspürt er schmerz-lose Zuckungen in den Muskeln des linken Beines, besondersin der Wade. Patient ist von mittlerer Grösse, gesundemAussehen und kräftiger Konstitution. Gehirnnerven normal,keine Kopfschmerzen; Rumpf und obere Extremitäten, mitkräftigerund dem (V) eutsprechender Muskulatur ausgestattet,bieten in keiner Weise etwas Abnormes. Wirbelsäule aufDruck nirgends schmerzhaft. Dagegen scheint auf den erstenBlick das linke Bein sehr bedeutend voluminöser alsdas rechte, und zwar betrifft die Volumenzunahme besondersdie Wade, die mit scharf gezeichneten Konturen eine wahrhaftherkulische Muskulatur darbietet; sodann sind die Muskeln andervorderen äusseren Seite des linken Unterschenkelshochgradig verdickt; in etwas geringerem Grade, aber immerauffallend erheblich voluminöser erscheint der extensorquadriceps und die mm. glutaei. Abduktoren und Unter-

schenkelbeuger sind zweifellos auch verdickt, wenn auch relativam massigsten. Die verdickte Muskulatur fühlt sich allent-halben derb und prall an, die Haut erscheint kaum verdickt,ebensowenig zeigen die Knochen irgend eine Differenz ihrerDimensionen von denen des rechten Beines. Der Umfang deslinken Beines beträgt in der Mitte der Wade 44 cm, rechts 35 cm,dicht unter der Spitze der Patella 39 cm links, 31'/¡¡cm rechts,Mitte des Oberschenkels rechts 44 cm, links 51cm, im oberenDrittheil rechts 52 cm, links 57 cm, in der Mitte der Kniekehlerechts 33 cm, links 39 cm. Erweiterte Hautvenennetze aminneren Theile des Fussrückens, in der Wade und besonders ander inneren oberen Fläche des linken Oberschenkels, auch inder Regio hj'pogastr. Die Haut bietet keine Temperatur-differenz von dem gesunden Beine dar, die Pulsation dergrossen Arterienstämme des linken Beines zeigt nichts Abnormes.Die peripheren Nerven auf Druck nicht schmerzhaft. Die venasaph. mag. sinistr. ist noch jetzt als cylindrischer, harter,auf Druck massig schmerzhafter Strang zu fühlen. GeringesOedem am linken Fussrücken. Die Untersuchung der kutanenSensibilität ergab eine beträchtliche Herabsetzungderselben in allen ihren Qualitäten, an der vorderenund hinteren Fläche des linken Beines und hinten und obenbis zur crista oss. ilei sinistr. Vollständig aufgehoben ist sienirgends, am hochgradigsten gestört am Unterschenkel.Patient vermag alle Einzelbewegungen mit dem linkenBeine ziemlich gut auszuführen, allein sie zeigen eine sehrgeringe Energie und Kraft, so dass sie bei Weitem nicht soprompt wie rechts erfolgen, sondern nur allmälig, unter sicht-barer Willensanstrengung des Kranken von statten gehen unddurch einen massigen Widerstand vollständig aufgehalten werden.Am hochgradigsten ist die Parese im triceps surae und imtibial, antic. Passive Dorsalflexion des linken Fusseswegen Widerstandes des triceps surae erschwert. Bei demVersuche, auf dem linken Beine allein zu stehen, geräth Patientsofort in lebhafte Schwankungen. Nach längerem Stehen nimmter, angeblich wegen Spannung in der Wade, eine leichtePes equinus-Stellung mit dem linken Fusse ein, während manbei ruhigem Gehen nichts Abnormes bemerkt; bei angestrengtemLaufen jedoch tritt Patient bald mit dem linken Fusse nur inseiner vorderen Hälfte auf.

Die elektrische Untersuchung ergiebt eine beträcht-liche Herabsetzung der Farado- und Galvanokontraktilitätin sämmtlichen verdickten Muskeln; am hochgradigsten ist dieelektrische Kontraktilität herabgesetzt im triceps surae, tibial.ant., mm. peronei, am geringsten in den Unterschenkelbeugernund den Abduktoren. Die Erregbarkeit der motorischenNerven des linken Beines erscheint ebenfalls sehr herabgesetzt,besonders im n. tibialis und n. peroneus, ohne irgendeine qualitative Abweichung von derBrenner'schen Zuckungs-formel. Die elektromuskuläre Sensibilität ist ebenfalls,namentlich in der Muskulatur des Unterschenkels und im extens.quadriceps, herabgesetzt. Das linke Bein leitet den kon-stanten Strom besser als das rechte.

IV. Hypertrophie des linken Beines nach einem mitThrombose der linken Femoralvene komplizirten Typhoid.

Karl Drippe, Musketier der 3. Kompagnie 5. Branden-burgischen Infanterie-Regiments No. 48, erkrankte, nachdemschon längere Zeit reisseude Schmerzen in der linken Unter-extremität voraufgegangen waren, während der Belagerung vonMetz an Ileotyphus. Die Diarrhöen waren häufig, der Pulsschwankte zwischen 100 bis 112.

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