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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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Band VU.

I. Abschnitt: Nervöse Nachkrankheiten des Abdominaltyphus.

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giun der b. Woche stellte sich, während die genannten Be-schwerden unverändert fortbestanden, die Erscheinungen desTyphus ( Fieber, Durchfälle) bis auf grosse allgemeine Schwächenachgelassen hatten, zuerst am Unterschenli el und von dasich allmälig nach oben verbreitend, eine langsam wachsendeAnschwellung ein; das verdickte Bein fühlte sich derb undfest an und nur am unteren Unterschenkel - Drittheil und amFusse scheint nach den Angaben des Patienten ein massigesüedem bestanden zu haben, welches durch kräftig kompri-mirende Einwicklungen sich in kurzer Zeit verlor; der Unter-schenkel nahm dadurch au Umfang etwas ab, war aber immerhinnoch beträchtlich stärker, als der rechte. Das linke Beinwurde allmälig immer dicker, ohne daes jetzt Oedemvorhanden war, und abgesehen von der Schmerzhaftigkeitseiner Bewegungen, war es viel schwächer und steifer, alsdas rechte. Seit etwa zwei Monaten soll das Bein nicht mehrstärker geworden sein, während seine lähmungsartige Schwächezunahm. Patient lag im Ganzen sieben Wochen im Bette,nach welcher Zeit er sich allmälig in fortschreitender Rekonva-leszenz vom Typhus erholte, bis auf die Beschwerden imlinken Beine. Patient muss sich seitdem stets eines Stockeszum Gehen bedienen und vermag wegen sehr rascher Ermüdungdes linken Beines nur kleine Strecken ohne Anstrengung zugehen. Treppensteigen besonders abwärts fällt ihm sehrschwer. Da sowohl die Schmerzen des Patienten als dieSchwäche der linken unteren Extremität sich nicht besserten,so wurde derselbe am 20. März d. J. der elektrotherapeutischenAbtheilung des Garnisonlazarethes zur elektrischen Behandlungüberwiesen.

II. ist von mittlerer Grösse, kräftigem Knochenbau und ge-sundem Aussehen. Seine Intelligenz ist seinem Bildungsgradeentsprechend, Sinnesorgane intakt. Der Schädel ist massigdolichocephal, symmetrisch, gut gewölbt, auf Anklopfen nirgendsschmerzhaft; keine Kopfschmerzen. Im Gesicht keinerleiabnorme Erscheinungen. Die Muskulatur des Rumpfes undder oberen Extremitäten ist kräftig entwickelt,sämmtliche Aktionen derselben von entsprechender Kraft,ebenso wie die Bewegungen des Kopfes frei von statten gehen.Die elektrische Exploration sämmtlicher Muskeln des Ober-körpers ergiebt nirgends irgend eine auffallende Abweichungvon der Norm, verglichen mit den Reaktionsverhältnissen beigleichaltrigen und annähernd gleich kräftigen Männern.Patient klagt seit etwa drei Wochen nur über massigeSchmerzen in beiden Armen, besonders links, mit zeitweiligenFormikationen, angeblich in Folge einer Durchnässung. Diekutane Sensibilität ist hier allerwärts intakt und überhaupt inkeiner Weise irgend eine Anomalie am Überkörper zu kon-statiren. Dagegen fällt sofort die sehr bedeutende Vo-lumszunahme des linken Beines, gegenüber dem übrigensmit kräftiger Muskulatur ausgestatteten rechten, in die Augen ;dasselbe erscheint sowohl bei der Vorderansicht, als besondersin der Glutäen- und Wadengegend kolossal verdickt, sozwar, dass die Reliefs der Muskeln, besonders der ext ens.quadriceps, die Glutäen und der triceps surae linker-seits sich mächtig emporwölben; in geringerem Grade die ander vorderen und äusseren Seite des linken Unterschenkels ge-legenen Muskeln, sowohl auch diese sofort sich dem Auge be-deutend voluminöser darstellen, als die rechtsseitigesymmetrische Muskulatur; am wenigsten scheinen die Adduk-toren und die Unterschenkelbeuger an Umfang zugenommen zuhaben, immerhin aber nicht unbeträchtlich.

Die linke Gesässfalte steht l 3 /4 Zoll tiefer, als die rechte,der linke Fuss bei ruhigem Stehen des Patienten in leichterE<iuinus-Stellung. Die Haut des linken Beines zeigt eine

Menge erweiterter Hautvenen, die besonders an der hinterenFläche des Oberschenkels und in der Wadengegend vielfachverzweigte bläuliche Netze darstellen; sonst zeigt sie keine ab-norme Färbung und fühlt sich auch allenthalben gleich feuchtund warm wie am rechten Bein an. Thermometrische Messungenan verschiedenen Stellen der linken unteren Extremität ergabenniemals eine irgend erhebliche Temperaturdifferenz, sondernstets nur auf äussere Umstände zurückzuführende minimaleUnterschiede, die übrigens bald zu Gunsten der einen, bald deranderen Seite ausfielen. Die Pulsation in der Cruralis undPoplitea bietet linkerseits nichts Abnormes, bezw. nichts vonden Arterien des gesunden Beines Abweichendes.

Bei der Palpation überzeugt man sich auf das Evidenteste,dass die Volumszunahme in der That die Muskulatur betrifft.Dieselbe fühlt sich fest, hart, straff an, bietet bei Druckeinen kräftigen Widerstand; die gegenwärtig nirgends eine Spurvon Oedem zeigende Haut kann nur schwer über den prall-gespannten Theilen in eine Falte erhoben werden, wobeiübrigens der panniculus adiposus sich nicht merklich verdicktanfühlt. Weder Haut noch Muskeln sind bei Berührung undDruck empfindlich (während nach den Angaben des Patienten,wie oben erwähnt, in der ersten Zeit ein gewisser Grad vonHyperalgesie bestanden zu haben scheint). Von den Köpfendes extensor cruris quadriceps ergiebt sich bei näherer Unter-suchung besonders der äussere (vastus externus) als deram hochgradigsten verdickte. Die Knochen erscheinen nirgendsverdickt, sondern in ihren fühlbaren Konturen denen der an-deren Seite entsprechend. Vergleichende Messungen des rechtenund linken Beines ergaben:

Rechtes Bein: Linkes Bein:

dicht unter dem Trochanter . . 52 cm,

Mitte des Oberschenkels ... 472 Zoll oberhalb des oberen Randes

der Patella....... 41

2 Zoll unterhalb des unteren Ran-des der Patella...... 34 '/a

stärkste Wadenstelle . . . . 37

3 Zoll oberhalb des Tibiotarsal-gelenks........ 28

59 cm,

56

47

3944'/2,,

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Die peripheren, der Untersuchung zugänglichen Nervenerscheinen auf Druck nirgends schmerzhaft, ebensowenigeine Stelle der Wirbelsäule.

Die Prüfung der kutanen Sensibilität ergiebt: Sehrbeträchtliche Herabsetzung derselben in der ganzen Aus-dehnung des linken Beines. Ganz besonders gestört ist daskutane Gemeingefühl, so zwar, dass tiefe Nadelstiche, die stärk-sten Ströme der sekundären Induktionsspirale u. a. m. als nurwenig schmerzhaft empfunden werden. Unterschenkel, Fussund Zehen erscheinen fast vollständig analgisch, während anHüfte und Oberschenkel noch geringe Schmerzempfindungenausgelöst werden können. Analog der Störung des kutanenGemeingefühls ist der Tastsinn theils in geringerem Grade(Hüfte und Oberschenkel), theils sehr hochgradig (Unterschenkel,Fuss, Zehen) herabgesetzt, wie wiederholte Untersuchungen desDruck- und Temperatursinnes, sowie des Ortssinnes, inbekannter Weise angestellt, ergaben. Leichte Störungen derHautsensibilität lassen sich übrigens auch innerhalb einer Zone,die sich bis etwa 3 Zoll oberhalb der crista oss. ilei sinistr.erstreckt, nachweisen.

Die Reflexerregbarkeit ist allenthalben herabgesetzt,fast völlig aufgehoben am Unterschenkel und Fuss.

Die Anästhesie erstreckt sich auch auf die Muskulatur,indem die elektromuskuläre Sensibilität in allen ver-dickten Muskeln beträchtlich herabgesetzt ist, besonders im

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