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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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VI. Kapitel: Erkrankungen des Nervensystems nach akuten Infektionskrankheiten.

Band VII.

und Berger aus den Jahren 1871 und 1872 her und be-trafen Soldaten, von denen einer die Anfange der Krank-heit in den während des Feldzuges überstandenen Typhuszurückverlegte, während ein zweiter sein Leiden für dieFolgen einer im Kriege durchgemachten Febris gástricahielt. Den Beweis für die echte Hypertrophie erbrachtendie Autoren durch die mikroskopische Untersuchung derdurch Harpunirung bezw. Schnitt aus den erkranktenTheilen gewonnenen Muskelstücke. Ohne Spur einerinterstitiellen Fett- oder Bindegewebswucherung sah mandie wohlgebildeten Muskelfasern auf das Doppelte ihresQuerdurchmessers verbreitert. Als ein wichtiges ätio-logisches Moment für die Entstehung der Hypertrophieführt Berger einmal die Venenthrombose an und die durchsie bedingte Störung in der Zirkulation,welche anfangs alsausgebreitetes Oedem, später durch Alteration der Blut-bewegung auf die tiefliegenden Venen da ja die venasaphena magna mehrfach mit den innerhalb der Fascie derunteren Extremität gelegenen venis profundis durch per-forirende Zweige anastomosirt zu schweren Gewebs-veränderungen Veranlassung zu geben wohl im Stande ge-wesen sein dürfte". Nach solchen Worten sollte man an-nehmen, dass er den primären Sitz der Ernährungsstörungenin den Muskeln zu suchen geneigt schiene. Das ist abernicht der Fall. Berger zählt vielmehr die Muskelhyper-trophie in die Klasse der Trophoneurosen. Dazu bestimmenihn vorzüglich die in seinen Fällen stets konstatirtenFunktionsstörungen der sensiblen Nerven der erkranktenExtremität: neuralgiform e Schmerzen, Parästhesien, Anäs-thesie. Das Verhalten der Sensibilität ist in dem FalleDrippe (IV) mit Stillschweigen übergangen. Aber auchhier hatte eine Thrombose der linken Femoralvene denTyphus erschwert, in dessen Rekonvaleszenz die Hyper-trophie des linken Beines zu rascher Entwickelung kam.Eine mikroskopische Untersuchung der hypertrophischenMuskeln wurde bedauerlicherweise nicht vorgenommen.Damit entbehrt die Diagnose des einzig maassgebendenBeweismittels, obwohl das Beschränktbleiben der Affektionauf eine Extremität mit grosser Wahrscheinlichkeit einewahre Hypertrophie voraussetzen lässt. Eine Volums-zunahme der Muskulatur einer Unterextremität nach vor-angegangener Venenthrombose kann überhaupt nicht ganzselten sein. Dem Verfasser dieser Zeilen sind im Laufedes letzten Jahres 'in seiner dienstlichen Thätigkeit unteranderen drei Kranke zu Gesicht gekommen, welche vor18, 8 und 4 Jahren an Typhus und komplizirender Venen-thrombose darnieder gelegen hatten. Alle drei zeigtenneben einer massigen cylindrischen Erweiterung der Haut-venen eine Dickenzunahme des linken Beines auf Kostender Muskulatur, so dass die betreffende Unterextremität4 bis 10 cm an Umfang gewonnen hatte. Die gesammteübrige Körpermuskulatur war unverändert. Zu der An-nahme einer echten Hypertrophie drängte aucli in diesenFällen die Einseitigkeit der Affektion, die Steigerung der

mechanischen und die Integrität der elektrischen Erreg-barkeit sowie die geringe Funktionsstörung der befallenenMuskeln. Auch die Arterienverschliessung scheint ähnlicheFolgen herbeiführen zu können. Wenigstens erzahltBurlureaux von einem Soldaten, welcher in der Rekon-valeszenz eines Typhus an Thrombose der arter. femov.nut Schwellung und Schmerzen im rechten Fuss und inder Wade erkrankte. Einige Monate später hatte sicheine Hypertrophie in toto des ganzen Beines ausgebildet.Der Umfang betrug 2 bis 3 cm mehr als links. Das ver-stopfte Gefäss konnte unterhalb des Leistenkanals als harterStrang gefühlt werden, in der Leistengegend erschien esals ein Rohr von viel geringerer Weite als das der andernSeite. Die art. tibial, postica war rechts gar nicht, dieart. dorsal, pedis dagegen auffallend weit zu fühlen.(Virchow-Hirsch, Jahresbericht.)

Es folgen nun die beiden Berger'schen Fälle und derFall Drippe als Beispiele

1. wahrer Muskelliypertrophie.

II. Franz Heimann, 28 Jahre alt, z. Z. Trainsoldat, sonstTagearbeiter, stammt von gesunden, noch lebenden Eltern ab,seine Geschwister sind gesund, hereditäre Prädispositionen zuMuskel-oder Nervenkrankheiten sind in keiner Weise vorhanden.Patient erinnert sich nicht, irgend eine erhebliche Krankheitfrüher überstanden zu haben und ist Vater mehrerer gesunderKinder. Im August d. J. 1870 als Reservist zum Militär einge-zogen, machte er die Strapazen des Feldzuges ohne Beschwerdeumit bis zum 22. Oktober desselben Jahres, an welchem er unterden Erscheinungen einer rechtsseitigen Pneumonie erkrankte.Nach zwölftägigem Aufenthalt im Lazareth zu Chateau Thierry,wo sich nach der Applikation von Schropfköpfen u. a. M. dieBrustbeschwerden gebessert hatten, kam Patient in das Lazarethnach Chalons, wo sich nach 5 Tagen ziemlich guten Allge-meinbefindens neue Krankheitserscheinungen einstellten, diesich bald zu dem Bilde eines intensiven Ileotyphus ent-wickelten. Patient giebt an, etwa 14 Tage meist ohne Be-wusstsein gewesen zu sein, welches nur ab und zu auf kurzeZeit wiederkehrte. Bereits um diese Zeit klagte er über heftigreissende Schmerzen im linken Bein. Die Angaben deszuverlässigen Patienten lassen keinen Zweifel darüber, dass erin der That an einem heftigen Ileotyphus von Neuem erkranktwar, auch weisen seine Papier übrigens nach, dass er achtWochen lang in Chalons am Typhus behandelt wurde. AlsPatient in der dritten Woche der Erkrankung wieder bei klaremBewusstsein war, bestanden seine Hauptbeschwerden in fastkontinuirlichen, bisweilen exacerbirenden Schmerzen in derlinken unteren Extremität, die meist heftig reissend, oft brennendwaren und nicht selten eine solche Intensität erreichten, dassPatient laut aufschrie. Sie erstreckten sich von der Hüftebis hinab zum Fuss , an der vorderen und hinteren Seite desBeines, und waren besonders heftig in der Wade; durchBewegung wurden sie gesteigert, Berührung und Drücken desBeines soll äusserst empfindlich gewesen sein. Zu denheftigen Schmerzen gesellte sich bald Taubheit des linkenBeines, Patient wusste nicht,ob er ein linkes Bein besitze .Formikationen waren nur selten vorhanden, dagegen häufigleichte, nur wenig Sekunden anhaltende, schmerzlose Zuckungenin den Waden und Oberschenkelmuskeln. Etwa im Be-