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VI. Kapitel: Erkrankungen des Nervensystems nach akuten Infektionskrankheiten.
Band VII.
Monoplegia cerebralis.Diese seltene Lähmungsform entwickelte sich bei einemOffizier nach Überstandenein Typhus, nachdem längere Zeithalbseitige Kopfschmerzen, motorische Reizerscheinungenin der betreffenden Extremität und epileptische Krampf-anfälle voraufgegangen waren. Die langsame Ausbildungder Erscheinungen spricht pathogenetisch für eine Ge-schwulst, und zwar, soweit die Monoparese in Verbindungmit der Art der einzelnen epileptischen Anfalle einenSchluss erlaubt, mit dem Sitze an der vorderen Convexitätdes Grosshirns.
LXXII. Lieutenant P. wurde, 27 Jahre alt, im November1870 zu Pompey in Frankreich krank. Er klagte über Schwerein den Gliedern, Ohrensausen und Verdauungsstörungen, hatteDiarrhöe und hohes Fieber. Nachdem er ins Lazareth auf-genommen, stellten sich Delirien ein. Sein Leiden wurde alsTyphus bezeichnet. Im Januar 1871 trat er in das Kon-valeszenzstadium. Obgleich noch schwach und über Kopf-schmerzen klagend, begab er sich Ende des Monats wieder zuseiner Kompagnie und kehrte mit derselben Ende März 1871nach Deutschland zurück. Die permanenten linksseitigen Kopf-schmerzen hatten ihn nicht verlassen. Im April verspürte eröfters unwillkürliche zuckende Bewegungen in der rechtenHand und den Fingern und fiel eines Tages, als er an derArbeit sass, bewusstlos vom Stuhl. Gleich nach diesem Anfallblieb ein Gefühl der Schwäche und des Eingeschlafenseins imrechten Daumen und Zeigefinger zurück, welches allmälig immermehr zunahm und sich auch dem Mittelfinger mittheilte. DieAnfälle von Bewusstlosigkeit, stets eingeleitet von heftigenZuckungen im rechten Arme, befielen ihn auch im Jahre 1872mehrmals. Dabei verschlechterte sich der Zustand der rechtenHand. Die Finger stellten sich in Streckstellung und konntenaktiv nicht gebeugt werden. Versuchte mau passiv dieselbenin die Hohlhand einzuschlagen, so traten Zuckungen im Arm,zuweilen auch eiu ausgesprochener epileptischer Anfall ein. Ander Ulnarseite der Hand hatte P. konstant Schmerzen. Diesezogen sich bis zur Achselhöhle hinauf. Allmälig breitete sichdie Lähmung auf die ganze Hand aus. Sie stellte sich inBeugestellung. Patient versuchte durch Kuren mit Jod- undBromkalium, durch Bäder, seinen Zustand zu verbessern. Esgelang nicht. Im Jahre 1876 liess er die Hand eingipsen, be-hielt sie zwei Jahre in dem Verband, und erreichte hierdurch,dass er von epileptischen Zufällen verschont blieb.
Verfasser untersuchte den Kranken 1883. Er fand: „Kräftiggebauter, gut genährter Manu mit leidenden Gesichtszügen.
Hautfarbe blass. Lähmungserscheinungen finden sich nur amrechten Arm. Er trägt denselben in einer Schlinge an derBrust. Aktive Bewegungen im Schulter- und Ellenbogen-gelenk sind frei. Das Handgelenk wird flektirt gehaltenkann aber aktiv und passiv leicht extendirt werden. Sämmt-liche Finger stehen in Streckstellung und zeigen sich an denGelenkenden verdickt, die dritte Phalanx zugespitzt. Siekönnen von dem Patienten gar nicht, von dem Untersuchendennur unvollständig gekrümmt werden. Die Hand fühlt sich kaltund feucht an. Sensibilität — gröbere Untersuchung — in ihrund dem Arm erhalten. Bei passiven Bewegungen der Fingeräussert P. Schmerzen, die auch spontan zu Zeiten von denFingern längs der Ulnarseite des Armes bis in die Schulterziehen. Elektromuskuläre Erregbarkeit am Oberarm erhalten,am Vorderarm nicht geprüft.Umfang der Mitte des Oberarms . . rechts 28, links 28 cm,
„ der dicksten Stelle d. Vorder-arms.......... „ 25, „ 25V2CU1,
„ der Hand........ „ 19, „ 20 cm.
Klagen über linksseitige Kopfschmerzen. Perkussion der linkenSchläfengegend empfindlich. Epilepsie seit 1878 in 4 bis 5Anfällen konstatirt.
Kleinhirnaffektion.Man vermuthete eine Kleinhirnaifektion bei Pilgrim(LXXIII). Angesichts der Summe von krankhaften Er-scheinungen, welche bei dem Patienten zur Beobachtungkamen, kann man dieser Vermuthung eine gewisse Berech-tigung nicht absprechen. Insonderheit wird sie durch denSitz der Kopfschmerzen im Hinterhaupt, die Koordinations-störungen und das Erbrechen unterstützt.
LXXIII. Leopold Pilgrim, Kanonier im Westfälischen Feld-Artillerie - Regiment No. 7, fand als Typhusrekonvaleszentam 30. April 1871 Aufnahme in dem 7. Feldlazareth IL Armee-korps. Er klagte über Hinterkopfschmerzen, Schwindelund hatte mitunter Erbrechen, besonders beim Aufrichten imBette. Die Temperaturen waren normal, der Appetit gut. Späternahmen die Schmerzen ausschliesslich die linke Seite des Hinter-kopfes ein, der Schwindel blieb bestehen, Schwäche in denBeinen, schwankender Gang und Sprachstörungen tratenhinzu. Der rechte Fuss wurde nachgeschleppt, der Kopf fiel zurrechten Seite.
Im Jahre 1875 fand man bei P. eine grosse Erregbarkeitder Herzaktion, einen schlechten Ernährungszustand und eine ge-störte Verdauung. In der motorischen und sensiblen Sphärefehlten sonst objektiv nachweisbare Störungen.