Druckschrift 
Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
Entstehung
Seite
206
Einzelbild herunterladen
 

206

VI. Kapitel: Erkrankungen des Nervensystems nach akuten Infektionskrankheiten.

Band VII.

Hemiplegia cerebralis.

Halbseitige Lähmungen mit Betheiligung der Hirn-nerven sollen als Komplikationen und als Nachkrankheitendes Typhus zu den Seltenheiten gehören. G übler be-richtete über eine auf der Höhe des akuten Krankheits-stadiums eingetretene rechtsseitige Hemiplegie mit Verlustder Sprache, welche in Genesung überging. Benedictsah im Zusammenhang mit Typhus eine rechts- und einelinksseitige Paralyse mit Artikulationsstörungen und Pareseim Facialisgebiete. Eulenburg erwähnt kurz, dass erzwei Mal rechtsseitige Hemiplegie mit Sprachstörung beob-achtet habe, welche günstig verlief. In dem Falle vonScoresby - Jakson entwickelte sich in der Rekonvaleszenzzuerst eine Parese des rechten Facialis mit Aphasie und amfolgenden Tage eine Paralyse der rechtsseitigen Extremitäten.Die Hemiplegie besserte sich allmälig. (Nothnagel.)Ein Patient Berger's war plötzlich am Ende der drittenWoche des Typhus an einer totalen Lähmung der linkenKörperhälfte erkrankt, angeblich nach heftiger Erkältung.Die Extremitätenlähmung' und die Parese des Facialiszeigte sich deutlich ausgeprägt, als Berger den Krankenvier Jahre später in Behandlung nahm. Schon die Hart-näckigkeit der Lähmung bewies, dass es sich um einenpalpablen Prozess im Gehini, mit grosser Wahrscheinlichkeitum Apoplexia sanguinea handelte. Dafür sprach auchdie gut erhaltene elektromuskuläre Kontraktilität. Grayvermuthete als die wahrscheinlichste Ursache des von ihmveröffentlichten Falles einer rechtsseitigen Hemiplegie undAphasie nach Typhus embolische Prozesse. DieserAetiologie gedenkt auch Leyden und sucht die Quelle derEmbolien in Thrombosen der Lunge und des Herzens.Rechtsseitig war die halbseitige Lähmung mit Aphasie, welcheGarlick bei einem siebenjährigen Knaben nach Typhusbeschrieb. Einen ebenso alten Knaben mit Hemiplegie ausder Rekonvaleszenz des Typhus stellte im Jahre 1883Henoch der Gesellschaft der Charité- Aerzte in Berlin vor,die sich nicht lange nachher wesentlich gebessert erwies.

Am ungezwungensten erklären sich diese cerebralenLähmungen nach dem Vorgange Nothnagel's wohl ausHämorrhagien in das Gehirn und die Gehirnhäute, wiesolche von Buhl, Griesinger, Hoffmann bei Typhus-leichen vorgefunden, übrigens auch bei der Dissolution desBlutes und der Erkrankung der Gefässwände im Typhuszu erwarten sind. Auch Erweichungsherde mögen an denLähmungen, namentlich wenn sie sich langsam entwickeln,ihren Antheil haben.

Mit Einschluss eines von Jung publizirten Falles hatdie Feldzugskasuistik neun detaillirte Beobachtungen halb-seitiger Typhuslähmung zu verzeichnen. Wir setzen dabeivoraus, dass Gerlach (LXX) und Grünenberg (LXX1) in derThat durch einen intrakraniellen Prozess erkrankt waren,worüber die Geschichtserzählung sich nicht bestimmt genugausspricht. Sodann ist zu bemerken, dass der Beginn der

Lähmung in den fünf ersten Fällen auf das Höhestadiumdes Typhus zurückverlegt werden musste. Sechsmal wardie linke, dreimal die rechte Körperhälfte getroffen.Einen plötzlichen Eintritt der Lähmung heben fünfKrankengeschichten besonders hervor, nur einmal fandanscheinend eine langsamere Entwickelung statt. Gerlachund Grünenberg wurden vollkommen hergestellt, Höft(LXIX) und Spörk (LXV1) erfuhren eine wesentlicheBesserung.

LXIII. Der Jäger im 4. Bayerischen Jäger - BataillonJohann Maier wurde am 15. September 1870 in Epernay anTyphus lazaretlikrank. Während des Krankheitsverlaufs, überwelchen Näheres nicht in Erfahrung gebracht werden konnte,trat angeblich in der zweiten Woche eine Lähmung derganzen linken Körperhälfte auf.

In dem Lazareth zu Darmstadt, wo der Kranke vom 7. No-vember 1870 bis zum 10. Februar 1871 behandelt wurde,besserte sich der Zustand derart, dass M. schliesslich den Armaktiv bis zur Horizontalen lieben und mühsam gehen konnte.Im August 1871 war die Beugung des Vorderarms im Ellen-bogengelenk nur theilweise möglich, das Handgelenk und dieFingergelenke Hessen sich aktiv nicht beugen. Die nach aus-wärts gerollte linke Unterextremität war im Fussgelenke wenig,in den Zehengelenken gar nicht beweglich. Der Gang schlürfend.Die Falten der linken Gesichtshälfte verstrichen. Empfindungund Temperatur der halbgelähmten Körperseite herabgesetzt.

Eine Notiz vom 25. Juni 1877 lautet:Halblähmung derlinken Unterextremität, mühsamer Gang. Erhebung des linkenArmes aktiv nicht ganz bis zur Horizontalen möglich. Vorder-arm in gebeugter Stellung, Handgelenk vollkommen unbeweglich,Daumen und sämmtliche Finger krallenartig gegen die Hand-fläche eingebogen, aus welcher Stellung sie aktiv nicht gebrachtwerden können."

LXIV. Karl K., 25 Jahre alter Soldat, erkrankte EndeAugust 1870 während des Feldzuges an Typhus abdominalisschweren Verlaufs. In der dritten Woche plötzlicheBewusstlosigkeit, etwa von einstündiger Dauer. Nach deinErwachen komplete Hemiplegia dextra, Sprachlosigkeit.Nach einer Stunde kehrte die Sprache wieder und rehabilitirte sichnach kurzer Zeit vollständig. Es scheint sich um eine Alaliegehandelt zu haben. Allmälige Besserung der Lähmung. Am31.März 1871 Aufnahme in die elektro-therapeutische Abtheihmgdes Breslauer Garnisonlazareths. Daselbst wird konstatirt: Paresedes rechten Mundfacialis: Zunge wird gerade, doch nur mitsichtbar grosser Anstrengung herausgestreckt, uvula deviirtnach rechts. Pupillen gleich weit, gut reagirend; Augen-muskeln intakt. Hochgradige Parese des rechten Arms, nament-lich im Schultergelenk, lebhafter Tremor der ganzen Extremitätbei Bewegungsversuchen. Das rechte Bein wird nachgeschleppt,alle Bewegungen von abnorm geringer Intensität und Extensität,besonders paretisch der nervus peroneus. Elektro - kutaneSensibilität und Farado-Kontraktilität der rechten Körperhälftenormal. Während mehrwöchentlicher Beobachtung und Be-handlung keine Besserung. (Nach Jung.)

LXV. Georg Drescher, 4. Bayerische Verpflegungs-Abtheilung, erkrankte am 22. September 1870 an Typhus. Inder zweiten Krankheitswoche trat plötzlich eine halb-seitige Lähmung auf. Obwohl Patient im Sommer 1871eine Badekur in Ludwigsbad gebrauchte, auch einer längerenelektrischen Kur unterzogen wurde, besserte sich die Lähmungnur wenig.