Band VIL
I. Abschnitt: Nervöse Naclikraiikheiten des Abdominaltyphus.
205
schwer. Der Stuhl war retardirt, das Urinlassen nach langemPressen möglich. Am Kopfe fanden sich keinerlei Störungender Sensibilität und Motilität.
Folgenden Tages vermochte W. den rechten Vorderarm2 Zoll vom Lager emporzuheben. Er klagte über Luftmangel.Mittags hatte er spontan Stuhlgang und liess Urin.
20. Oktober: Grosse Angst der Gesichtszüge, geringe in-spiratorische Erweiterung des Thorax, kurze oberflächliche,häufige Respirationen.
Völlige Paralyse des Rumpfes und der Gliedmaassen.Sensibilität an den Unterextremitäten erloschen. Abends Tod.Sektion fehlt.
Weitere Beispiele von einer unter dem Bilde der akutenaufsteigenden Paralyse verlaufenden Lähmung, analog denBeobachtungen Leudet's, Kümmel's u. A., enthalten dieTyphusberichte aus dem Feldzuge nicht. Fraglicher er-scheint die nächste Beobachtung. Eine plötzlich ein-getretene
einseitige Extremitätenlähmunghatte die motorischen Funktionen des linken Armes undlinken Beines aufgehoben. Sieben Monate nach dem Unfallkoustatirte Burchardt eine fast völlige Lähmung desizases und einen erheblichen Schwächezustand des Armesnebst einer geringen Atrophie der Muskeln der gelähmtenSeite. In dem späteren Invaliditätsatteste ist aber nichts ver-merkt von dem Verhalten der Sensibilität an der afüzirtenund der motorisch freien Körperhälfte, nichts von vasomoto-rischen Begleiterscheinungen, nichts von Blasensymptomen,nichts von Veränderungen der elektrischen Erregbarkeit,nichts von dem Zustand der Reflexe. Für eine greifbareErkrankung spricht zwar der lange Bestand der Lähmung.Indessen macht der Umstand, dass die Affektion um dieMitte des Jahres 1872 fast beseitigt war und eine völligeHeilung in Aussicht stand, den intramedullären Sitzder materiellen Veränderung unwahrscheinlich. Es bleibtdaher, unter Berücksichtigung des plötzlichen Eintrittsder Lähmung, die Annahme einer intrameningealenBlutung erlaubt, welche den Symptomenkomplex in befrie-digender Weise erklärt.
Zum Unterschiede von diesem Falle war die Ent-wickelung der Extremitätenlähmung in den beiden nächstenfolgenden Beobachtungen eine allmälige.
La. Louis Becker, Kanonier der schweren Ersatz-Batterie Hessischen Feld-Artillerie - Regiments No. 11, wurdenach einem Atteste des Oberstabsarztes Burchardt am 23. März1871 als typh uskrank von Meaux in das Lazareth nachEpernaygeschickt. Am 30. April bekam er, angeblich plötzlich,eine Lähmung des linken Armes und linken Beinesohne Mitbetheiligung des Kopfes. Dieserhalb wurde er lautJournal im Garnisonlazareth zu Kassel vom 19. Juni bis 27. Juniund darauf im Revier elektrisch behandelt. Im Dezember 1871,zur Zeit seiner Entlassung, konnte B. trotz sichtlicher An-strengung die linke Fussspitze nur so weit heben, dass derFuss mit dem Unterschenkel einen Winkel von etwa 95 °bildete. Der linke Unterschenkel hatte einen grössten Umfangvon 33.5 cm, der rechte von 35 cm. Die linke Hinterbackewar abgeflacht, und die Falte zwischen Hinterbacke und Ober-
schenkel bedeutend kürzer, als auf der rechten Seite. Derlinke Oberarm maass im grössten Umfange 22.5 cm, der linkeVorderarm 24.5 cm, während die entsprechenden Maasse desrechten Armes 24 bezw. 26 cm betrugen. Alle Bewegungendes linken Armes zeigten sich erheblich kraftloser, als die desrechten. Im Jahre 1872 wurde dem B. eine sechswöchentlicheBadekur in Wiesbaden gewährt. Obwohl sie das Leiden nichtvollständig beseitigt hatte, war doch ein guter Erfolg von ihrzu ersehen, insofern die Lähmungserscheinungeu nur nochin unbedeutender Weise vorhanden waren.
LXI. N. N., von einem Preussischen Garde-Regiment, über-stand im November und Dezember 1870 einen ziemlichschweren Typhus. Als er schon in der Rekonvaleszenz warund noch im Bett lag, entwickelte sich im Verlauf von einigenWochen der noch jetzt bestehende Zustand. Stat. praes. im April1871: Kräftiger Mann. Keine Spur von Cerebralerscheinungen;alle Hirnnerven frei. Es besteht eine hochgradige Parese desrechten Armes und Beines, derart, dass die Bewegungen der-selben sehr schwach und auf ein geringes Maass reduzirt sind,und Patient mit Krücke und Stock gehen muss. Die Sensibilitätist am Arm und Bein etwas herabgesetzt, und gleichzeitig be-stehen in denselben diffuse, lanziiiirende Schmerzen mitneuralgischem Charakter.
Patient klagt ferner über dieselben Schmerzen in derganzen rechten Rumpfhällte, und die Sensibilität der Haut istan derselben ebenfalls vermindert. Zugleich lässt sich zweifel-los konstatiren, dass die rechte Thoraxhälfte beim Inspirirenhinter der linken zurückbleibt. Eine sorgfältige physikalischeUntersuchung lehrt, dass die Lungen vollständig intakt sind,speziell dass keine Residuen einer Pleuritis oder Verwachsungender rechtsseitigen Pleurablätter bestehen. Ebensowenig bestehteine im Thoraxbau begründete Differenz zwischen beidenSeiten. (Nach Nothnagel.)
LXII. Adam Gollub, Pionier der 3. Kompagnie Ost-preussischen Pionier-Bataillons No. 1, erkrankte im Felde angastrischem Fieber, wurde zunächst im Feldlazareth, dannim Reservelazareth zu Saarlouis, schliesslich im Garnisonlazarethzu Berlin behandelt. Nach der Beschreibung hat es sich höchstwahrscheinlich um eine leichte Form des Abdominal-typhus, um Abortivtyphus, gehandelt. In Berlin klagte erüber Schmerzen im Kreuz und der Wirbelsäule, war aber fieberlos.Es bildete sich eine vollständige Lähmung des linken Armes undein Schwächezustand des linken Beines heraus. Beides war nichtvon langem Bestände, denn schon im März 1871 konnte G.mit einem Stocke langsam gehen und den linken Arm ziemlichfrei bewegen. Im Juni 1872 gesund und felddienstfähig.
Muthmaasslich waren auch in den beiden letzten Fällenperipherische neuritische Vorgänge im Spiel.
Eine Zählkarte aus dem Garnisonlazareth Wiesbadengiebt ausserdem einen kurzen Bericht über den am 1. Mai1871 aufgenommenen Peter Potthof vom 2. HessischenInfanterie-Regiment No. 82. Er war typhuskrank. Alsam 2. Juni das Fieber aufhörte, begann er über Schmerzenim linken Arm und Bein zu klagen. Das Bein zeigte sichödematös geschwollen. Bei der Entlassung am 5. Oktoberfand sich „der linke Arm abgemagert, in den grossenGelenken beweglich, Hand und Finger aber gelähmt, letzterein halber Beugestellung, nur der Daumen gering beweglich;das linke Bein abgemagert, schwach; Sensibilität in beidenExtremitäten herabgesetzt".