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VI. Kapitel: Erkrankungen des Nervensystems nach akuten Infektionskrankheiten.
Bund VII.
hat die Mittelhand eine eigentümliche Form, ein dünneseckiges Ansehen gewonnen. Die Leistungen der Hand bezw.der Finger sind in jeder Hinsicht beeinträchtigt, ganz besondersaber im Sinne der oben speziell genannten Muskelgruppen(Adduktion der Finger, alle Bewegungen des Daumens etc.).Schmerzempfindungen irgend welcher Art hat H. nicht, seinAllgemeinbefinden und Ernährungszustand sind befriedigend."Nach Privatnachrichten ist H. völlig geheilt.
Paraplegien mit plötzlichem Auftreten und rascherBesserung, vergleichbar den von Ollivier und Collinymitgetheilten Fällen, wären nur in den Lazarethberichtenzu finden gewesen. Eine Einsicht in die vorhandenen hataber ein negatives Resultat ergeben. In Bezug auf diesefoudroyanten, prognostisch günstigen Fälle liest man beiNothnagel: „Ollivier sagt von seinem Kranken, dersich in voller Rekonvaleszenz von einem schweren undlangdauernden Typhus befand: un soir, après être descendude son lit et avoir fait quelques pas, il sent tout-à-coup un engourdissement très marqué dans les membresnférieurs, qui fléchissent sous lui et il tombe. Zugleichzeigten sich dann Fiebererscheinungen und galliges Er-brechen. In dem Falle von Colliny heisst es: le 30 juilletau matin, elle s'aperçut en voulant se lever que le mouve-ment des extrémités inférieures était aboli. Beide Maletrat die Genesung unter einer antiphlogistischen Behandlungziemlich schnell im Verlauf einiger Wochen, im letzterenFalle selbst in neun Tagen ein.
Ollivier nimmt eine „congestion rachidienne" alsUrsache der Paraplégie bei diesen Kranken an. Es istdies eine Hypothese, welche möglich, aber nicht bewiesenist. Vor Allem indess fehlt ihr der Beweis für die Voraus-setzung, dass eine einfache Hyperämie des Rückenmarksoder seiner Häute eine wochenlange Lähmung zu erzeugenim Stande sei. Unseres Wissens wenigstens ist dieserBeweis noch nicht stringent geliefert. — Das jedenfalls istsicher, dass in den beiden soeben citirten und analogenFällen eine tiefere organische Veränderung des Markesnicht vorliegen kann. Mit Rücksicht auf die für michwenigstens grosse Zweifelhaftigkeit der Ollivier'schenDeutung möchte ich auf eine andere hinweisen.
Aus den Befunden Griesinger's, Buhl's Hoff-mann's wissen wir, dass unter den anatomischen Ver-änderungen des Schädelinhalts im Typhus die „Meningeal-apoplexie" eine relativ häufige ist. Es wäre möglich,dass dieselbe in der Rückenmarkshöhle auch vorkommt —und diese glaube ich würde am ehesten geeignet sein, dasplötzliche Auftreten der Lähmung, die grössere odergeringere Ausdehnung derselben in aufsteigender Richtung,die relativ schnelle Heilung zu erklären."
An eine Blutung in die Substanz des Rücken-marks wäre auch in dem nächsten Falle zu denken. Hierwar ohne Vorboten plötzlich auf Vorposten eine
Lähmung sämmtlicher Extremitäteneingetreten, die nach Verlauf von zwei Tagen unter Zwerch-
fellslähmung zum Tode führte. Die Sphinkteren zeigten sichbetheiligt. Trotz der schweren Darmveränderungen hatteder typhöse Prozess als solcher den Befallenen scheinbarnicht affizirt. Mit Bezug auf den Befund am Rückenmarkeentbehrt das im Journalblatt notirte Sektionsprotokoll jederVollständigkeit. Nach einer Bemerkung im Monatsrapportesollte man freilich annehmen, dass die Untersuchung desSpinalmarks nur eine Erweiterung des Centralkaualsergeben habe.
LVIII. Bruno Kloss, Unteroffizier im WestfälischenFüsilier-Regiment No. 37, wurde am 21. Dezember 1870 dem5. Feldlazareth V. Armeekorps zu Versailles zugeführt. Er waran demselben Tage auf Vorposten erkrankt, indem er ganz plötz-lich die Herrschaft über seine Gliedmaassen verloren hatte. —Unterextremitäten total gelähmt, Oberextremitäten in ganz ge-ringem Grade bewegungsfähig. Schmerzhafte Nadelstiche werdenan den Beinen gar nicht, an den Armen als blosse Berührungwahrgenommen. Urin und Faeces gehen unwillkürlich ab. DieSensibilität erlischt alsbald auch in den Oberextremitäten, ehensodie Motilität. Kopf frei. Nach zwei Tagen Tod unter Lähmungdes Zwerchfells.
Sektion: Hyperaemia et oedema pulmonum. Ileotynhus.Mesenterialdrüsen stark vergrössert, markig geschwellt. Aus-gedehnte typhöse Geschwüre im Ileum, deren zwei bis auf dieSerosa reichen. Milz 7 1 /-' Zoll lang, 4 ^ 'j Zoll breit. Herz fett-reich, Klappenapparat intakt. Hyperaemia cerebri. Keine Herd-erkrankungen im Hirn und verlängerten Mark.
Mit weniger Recht vermuthete man auch in der schnelltödtlich verlaufenden Erkrankung des Grenadiers Wiederich(LIX) eine Myelitis kaemorrhagica. Die dem Eintritt derLähmung voraufgehenden Symptome, die ursprünglich ge-ringe Betheiligung der Sensibilität, das fast gänzliche Frei-bleiben der Muskeln der Blase und des Darms legen esnahe, diesen Fall als
Paralysis ascendens acutaaufzufassen, ein Schluss, dessen Bestätigung durch dieSektion leider wieder vermisst wird. Die sogenannteLan dry 'sehe Paralyse wurde häufiger im Gefolge detTyphus beobachtet.
LIX. Am 28. September 1870 wurde der Grenadier im3. Garde-Grenadier-Kegiment (Königin Elisabeth) Wiederichwegen eines „fieberhaften Magenkatarrhs" in das 8. Feldlazarethdes Gardekorps zu Louvres aufgenommen. Er hatte Kopfschmerzen,Frostgefühl, Diarrhöe, Appetitlosigkeit und fühlte sich abge-schlagen in allen Gliedern. Es bestand „ziemlich starkes Fieber".Am 11. Oktober war Patient fieberfrei. Nachdem er vier Tag«vollkommen wohl gewesen, fing er am 15. Oktober plötzlich an.über rheumatische Beschwerden zu klagen, welche sich mden nächsten Tagen über den ganzen Körper ausbreiteten. Am18. Oktober fand man ihn Morgens bei der ärztlichen Visite Uallen vier Extremitäten gelähmt. Die Unterextremitäten warenvöllig paralytisch. Die Oberextremitäten konnte Patient nur seit-lich auf dem Lager verschieben, aber nicht heben. An den Armenzeigte sich die Sensibilität vollkommen intakt, an den lieinenvon oben nach unten abnehmend, so dass eine Berührung ne'Zehen nicht gefühlt wurde. Temperatur an den Armen normal,dieBeine kalt. Alle Bewegungen des Rumpfes fielen dem Kranken
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