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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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Band VII.

I. Abschnitt: Nervöse Nachkrankheiten des Abdominaltyphus.

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Gekreuzte Bxtremitätenlähmuug

nach Typhus hat nur Nothnagel bei einem Rekonvales-zenten aus dem Kriege wahrgenommen, doch drängt sichbei der Durchsicht der Krankengeschichte ganz unwillkür-lich die Frage auf, ob nicht die Armlähmung des FüsiliersBrusch (XXXIX) am wahrscheinlichsten als Folge desKrückendrucks anzusehen sei. Der Leserartheilen.

möge selbst

XXXIX. Wilhelm Brusch, Füsilier im 2. Garde-Regi-ment z. F., 21 Jahre alt, erkrankte am 16. August 1870 amTyphus, welcher, der Beschreibung nach, von mittelschwererIntensität war. In der zweiten Hälfte des September war erwieder hergestellt, doch bemerkte er zugleich mit Beginn derRekonvaleszenz ein Gefühl von Abgestorbensein und Kriebelnim linken Bein, welches ihn indess anfänglich nicht hinderte.Es entwickelte sich dann allmälig eine Lähmung der linkenunteren Extremität, die Ausgang September schon ausgebildetwar. Im November bemerkte Patient, dass dieses selbe Gefühlvon Abgestorbensein im rechten Arm sich einstellte, doch konnteer denselben noch bewegen, bis dann plötzlich eines Tages aufder Strasse auch die rechte Hand gelähmt wurde, so dassPatient die Krücke verlor, mit welcher er wegen derLähmung im Bein gehen musste. Vier Tage später tratauch eine Parese des linken Armes ein, doch hat sich dieselbeallmälig wieder gebessert. Das rechte Bein ist immer frei ge-wesen.

Anfang April bot Patient folgenden Zustand dar: Etwasschwächlicher Mann mit massiger Muskulatur und blasser Ge-sichtsfarbe. Im Bereich der Hirnnerven nichts Abnormes. Dierechte Hand hängt schlaff herunter und kann, ebenso wenigwie die Finger, durchaus nicht gestreckt werden; passive Ex-tension ist ganz leicht ausführbar. Auch die Flexion der Handund der Finger ist fast aufgehoben, von einem Händedruck istdeshalb kaum die Bede. Die Bewegungen im rechten Schulter-gelenk sind ganz frei. Der Gang ist hinkend, Patient schlepptdas linke Bein nach. Die Bewegungen der Zehen und im Fuss-gelenke sind nicht aufgehoben, aber entschieden geringer undschwächer, als normal, die im Hüftgelenk sind frei. An derlinken Oberextremität sind alle Bewegungen ausführbar undfrei; ebenso ist die rechte Unterextremität ganz normal.

Die Sensibilität (Tastsinn, Temperatursinnj ist an denaffizirten Extremitäten etwas herabgesetzt. Schmerzen hatPatient nicht. Die Erregbarkeit für den induzirten Strom istan den paralytischen und paretischen Muskeln bei direkter,wie indirekter Reizung nicht ganz aufgehoben, aber erheblichvermindert; auch bei Stromwendungen mit dem konstantenström (30 E.) erfolgen am rechten Unterarm erlieblichschwächere Zuckungen, als am linken.

Eine längere Zeit fortgesetzte Behandlung mit dem in-duzirten und konstanten Strom erzielte keine Besserung.

Rabl-Rückhard konstatirte 1872 eine Paralyse derHand und eine Parese des Beines.

Ende des Jahres war aber eine entschiedene Besserungnachzuweisen. Der Ernährungszustand der früher gelähmtenMtremitäten war ein vortrefflicher. Im Arme trat beim HebenZittern ein. Weiterer Verlauf unbekannt,

Paraplegic

Lähmungs- und Schwächezustände in den verschiedenstenAbstufungen auf zwei gleichnamige, vorzugsweise aber aufdie unteren Extremitäten vertheilt, stellen das grössteKontingent zu den nervösen Nachkrankheiten des Typhus.Graves war gewillt, sie insgesammt durch myelitischeProzesse zu erklären. Er stiess aber auf Widerspruch.Auf die zahlreichen in der Litteratur niedergelegten Bei-spiele dieser Lähmungsform einzugehen, dürfte hier nichtder Ort sein, zumal die Hinterlassenschaft aus dem Feld-zuge schon durch eine reiche Kasuistik ausgezeichnet ist.

Diese Kasuistik gebietet mit Einrechnung eines Fallesvon Lähmung dreier Extremitäten mit konsekutiver Atrophieund Kontraktur (XLVI) über 17 Fälle. Nur einer von ihnengewährt eine klare Einsicht in den Entstehungsmodus derParaplegic Krug (XL) litt an einem tiefgreifendenDekubitus, welcher den zwölften Brustwirbel blosslegtc Deräussere Entzündungsprozess kroch auf die Dura und dasextrameningeale Zellgewebe fort; es kam zu einer Peri-pachymeningitis. Daher zunächst die Schmerzen in derWirbelsäule und den Beinen, dann die Zuckungen in denMuskeln der Unterextremitäten und endlich mit demWachsen des Exsudats die langsame Ausbildung einertotalen Paraplegic Auch die allmälige Besserung sprichtzu Gunsten der Diagnose. Dass entzündliche Vorgängeder Dura mater bei den Typhuslähmungen häufiger auchohne das Verbindungsglied des Dekubitus im Spiel sind,scheint nach den Beobachtungen Berger's wahrscheinlich.Er behandelte einen Typhusrekonvaleszenten, welcher ohnenachweisbare Veranlassung mit äusserst heftigen Schmerzenim Nacken und vollkommener Steifheit des Halses er-krankte. Die Schmerzen strahlten in die Arme bis zu denFingerspitzen aus. Etwa drei Wochen nachher entwickeltesich eine ödeniatöse Anschwellung des Handrückens undeine exzessive Hyperidrosis der Hände mit Taubheitsgefühl.Acht Tage später bestand eine fast koruplete Lähmungbeider Arme. In einem zweiten Falle sah derselbe Autoreinen 18jährigen Jüngling im Genesungsstadium des Typhusan sehr bedeutenden Schmerzen in der Lendenwirbelsäulemit Steifigkeit und Druckschmerzhaftigkeit, an nicht minderheftigen neuralgiformen Schmerzen der Beine und antonischen Krämpfen dor Oberschenkelmuskeln erkranken.Berger glaubt beidemal die Diagnose einer Pachymenin-gitis spinalis hypertrophica vertreten zu können (Schmidt'sJahrbücher). Sollte der Fall Piel (XL1I) hierher gehörenoder lag hier eine Spondylitis vor?

Die Zusammengehörigkeit der Lähmung des Train-soldaten Loeffler (XL1) mit dem Typhus wird durch diegleichzeitig vorhandene Affektion der Harnwerkzeugezweifelhaft. Es kann sich eben so gut um eine sogenannteParaplegia urinaria gehandelt haben.

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