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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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VI. Kapitel : Erkrankungen des Nervensystems nach akuten Infektionskrankheiten.

Band VII.

in den Streckmuskeln und konsekutive Kontraktur derFlexoren ein. Zwei Jahre nach Beginn der Erkrankunggewährte die Lähmung keine Aussicht auf Besserung.

IX. Karl Peter Müller, Füsilier der 11. Kompagnie3. Hessischen Infanterie-Regiments No. 83, erkrankte am 7. April1871 im Fort Romainville vor Paris mit allgemeinen Fieber-erscheinungen und wurde dem Bayerischen 3. Feldlazarett inLagny zur Behandlung überwiesen. Es entwickelte sich eintyphöser Krankheitsprozess, woran er daselbst bis zum30. Mai behandelt und alsdann in das Keservelazareth zu Kasseltranslozirt wurde. Patient war bei seiner Ankunft in Kassel nochsehr schwach und angegriffen und konnte ohne Stock sich nurmit Mühe ein wenig fortbewegen. Zugleich klagte erüber allgemeine Abgeschlagenheit, Kraftlosigkeit,reissende Schmerzen in den unteren Extremitäten,sowie über lähmungsartige Schwäche der Vorderarmeund Finger, so dass er letztere nicht zu strecken ver-mochte.

Nach mehreren Wochen war eine wirkliche Parese derStreckmuskeln des Vorderarms ausgebildet, und trat konsekutiveKontraktur der Flexoren des Vorderarms hinzu. Im Oktober1871 stellte sich eine beträchtliche spontane Empfindlichkeitim Bereiche des letzten Halswirbels bis zum 4. Brustwirbel,welche M., wenn auch in geringem Grade, schon in den erstenFieberwochen seiner Krankheit verspürt haben wollte, ein.Dieselbe machte die Applikation von kräftigen Ableitungenetc. nöthig.

Die Schmerzen vergingen zeitweilig und kamen dann vonNeuem wieder; Druckempfindlichkeit war stets vorhanden.Alle Mittel, auch die lange Zeit fortgesetzte Anwendung deskonstanten Stromes in der Stärke von 20 Elementen auf dieStreckmuskeln der oberen Extremitäten, blieben ohne wesent-lichen Erfolg.

Die am 20. September 1872 vorgenommene Untersuchungergab von objektiven Symptomen: Die Streckmuskulatur derVorderarme ist schlaff und atrophisch, auf mechanische undelektrische Reize wenig reagirend. Finger, in die Handflächeeingeschlagen, können durch Willensimpuls nur 4 cm von ihrmit Mühe entfernt werden und sind auch durch passiveBewegungen wegen der Flexorenkontraktur nicht vollständigzu strecken. Der allgemeine Ernährungszustand des Körpersist sonst gut.

Juli 1873 fand sich der Zustand ohne Veränderung.

Lähmung des m. deltoideus.Die beiden aufgefundenen Fälle unterscheiden sich da-durch von einander, dass das Primäre bei Wittig (X) dieLähmung, hei Schubert (XI) die Atrophie war. DieAffektion war beide Male rechtsseitig und heilte innerhalbmehrerer Jahre im zweiten Falle.

X. Joseph Wittig, Gefreiter im Train-Bataillon No. 6,22 Jahre alt, geboren in Oppeln, erkrankt zu Breslau am30. Januar 1871.

Im November und Dezember 1870 machte Patient einenschweren Typhus durch. In der dritten Krankheitswochetraten Schmerzen in der rechten Schulter auf, denen totaleLähmung des rechten Arms in Bezug auf Erhebung folgte.M. deltoideus magerte kolossal ab. Nach hinten und vorn sinddie Bewegungen wenig ausgiebig, ebenso Rotation nach aussenund innen. Erhebung fast gleich Null. Finger frei, ebensoIlandbewegungen. Die Sensibilität ohne Störung. (Privat-Mittheilung Berger's.)

XI. August Schubert, Gefreiter im SchlesischenFestungs-Artillerie-Regiment No. 6, acquirirte im Oktober 1870vor Strassburg den Typhus. lieber die ersteLazarethbehaml-lung nach Ort und Zeit ist in den Akten nichts zu finden.Seh. wurde später über Frankfurt a. M. nach Berlin in dasKloster der barmherzigen Brüder evakuirt, und dort entwickeltesich ein Schwund des m. deltoideus der rechten Seite,wodurch derPatient unvermögend wurde, den rechtenArm bis zur Horizontalen zu erheben. Elektrizität ohnewesentlichen Nutzen.

Im Juli 1872 wesentliche Besserung und 1874 nichtsweiter, als fibrilläre Zuckungen einzelner Muskelbündel.

Von Atrophie und Lähmung der Handniuskelnsind drei Beobachtungen aus den Invalidenlisten aufgeführt,welche eine irgend zuverlässigere Diagnose auf den Sitz derLähmung nicht gestatten, doch scheinen auch hier, wenigstensin den beiden letzten Fällen, neuritische Prozesse in Fragezu kommen. Die untersuchenden Militärärzte glaubten heiGriffin (XII) und Flauaus (XIII) die Anfangserscheinungeneiner progressiven Muskelatrophie vor sich zu haben, einIrrthum, welcher sich im ersten Falle durch den Krank-heitsverlauf aufklärte. Die Muskelatrophie in Verbindungmit der Parese der Hand hatte sich zweimal rechter-, ein-mal linkerseits etablirt. Von einer späteren Heilung istnur bei Griffin die Rede.

Ob einer von diesen Fällen identisch ist mit einem imReservelazareth zu Hanau beobachteten, konnte nicht auf-geklärt werden. Auf der elektrotherapeutischen Stationdieses Lazareths wurde im März 1871 ein Typhusrekon-valeszent behandelt, welcher an Atrophie der Adduktorendes Daumens, der interossei und des Abduktors des fünftenFingers litt.

XII. Hermann Griffin, Einjährig-Freiwilliger im Leib-Grenadier-Regiment (l. Brandenburgischen) No. 8, meldete sielwährend der Belagerung von Metz am 1. November 1870 krank.Es stellte sich im Feldlazareth zu Pagny heraus, dass er anTyphus litt. In der Rekonvaleszenz traten die ersten Spureneiner Muskelatrophie an der rechten Hand, verbundenmit einer lähmungsartigen Schwäche in derselben, auf. Vergeblichwandte man die Elektrizität an. Am 18. April 1871 war derm. interosseus primus gänzlich, der m. inteross. sec.grösstentheils geschwunden. Die Atrophie und der paretischeZustand wurden später rückgängig und waren 1874 definitivbeseitigt.

XIII. Friedrich Flauaus, Füsilier im 2. ThüringischenInfanterie-Regiment No. 32, erkrankte am 15. August 1870 anTyphus. Seine Behandlung fand im Lazareth zu Lunevillestatt.In der Rekonvaleszenz klagte er über ziehende Schmerzenim rechten Vorderarm, welche sich namentlich Abends steigerten.Am 9. Januar 1871 fand er wegenlähmungsartiger Schwachedes rechten Vorderarms und der Hand mit Abmagerung dieserTheile" in dem Reservelazareth zu Gross-Gerau Aufnahme.Später wurde er in Frankfurt a. M. einer elektrischen Kurunterworfen.

11. Dezember 1871: Atrophie der Muskeln derrechten Hand insbesondere des Daumens und desrechten Vorderarms. Parese der Hand. Temperaturberali-Setzung hier und am Vorderarm.