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VI. Kapitel: Erkrankungen des Nervensystems nach akuten Infektionskrankheiten.
Band Yl[.
Eine unbefangene Prüfung der Kasuistik dieses Kapitelsführt zu der Ueberzeugung, dass, abgesehen von dem schonangedeuteten Falle, die beiden ersten unter den Peroneus-lähmungen und mehrere unter den Paraplegien mitgetheilteKrankheitsfälle, insonderheit hier ein Theil der Nothnagel-schen Beobachtungen, der multiplen Neuritis angehören.Dafür spricht einmal die Doppelseitigkeit der Affektionund dann ihre Entwickelung unter schweren neuritischenErscheinungen.
Einzelne, aber nur wenige Lähmungen nach Typhussind rein myopathischen Ursprungs. Sie kommendurch die parenchymatöse Degeneration, die körnige undwachsartige Entartung der Muskelfibrillen und ihre Folgenzu Stande. Zu diesen Folgen gehört die Zerreissung derFasern, die Abszessbildung, die Blutung, oftmals inscenirtunter der Mitwirkung einer hämorrhagischen Diathese.Friedberg fasst die konsekutiven Muskelaflektionen inden meisten Fällen als lokale oder diffuse Myopathienauf, ganz im Gegensatze zu Gubler, welcher sie allevon neurotischen Ernährungsstörungen abhängig macht.Heute kann wohl als ausgemacht gelten, dass Fried-berg nur für die Minderzahl der Fälle Recht hat. Nacheiner aus dem Reservelazareth Diez stammenden Zähl-karte stellte sich bei dem Pionier des Pionier-BataillonsNo. 3 Robert Schulz in der Genesungsperiode des Typhuseine Blutung in dem m. rectus femor. sin. ein, welche zueiner passageren Lähmung des Muskels führte, v. Krafft-Ebing führt auf die sogenannte Zenker'sche Muskel-degeneration eine im Reservelazareth zu Rastatt beobachteteAdduktorenlähmung des> linken Oberschenkels bei einemvom Typhus genesenen Soldaten zurück, weil eine knolligeAnschwellung im mittleren Drittel des m. sartorius ganzden Eindruck einer hämorrhagischen Suffusion machte.
Ulnar islähmungkam als Folge des Kriegstyphus in fünf Fällen zur Beob-achtung Berger's und Nothnagel's. Von diesen gingenzwei in Besserung über, einer blieb ungebessert trotz längererelektrischer Behandlung, ob auch später, ist ungewiss, undeiner heilte. Berger giebt über den Verlauf seines Falleskeine Auskunft. Dreimal erstreckte sich die Lähmung aufden rechten, zweimal auf den linken Ulnaris. Die elek-trische Untersuchung ergab bei drei Kranken eine Herab-setzung, bei den beiden andern keine Verminderung derErregbarkeit. Qualitative Veränderungen des Zuckungs-gesetzes sind nicht notirt.
I. Ernst Jahnz, 26 Jahre, geboren zu Gramsdorf, KreisObornik, Unteroffizier beim Ersatz-Bataillon 1. Posenschen In-fanterie-Regiments No. 18. Patient erkrankte am 25.Dezember1870 an Typhus. In der Besserung, am 15. Januar 1871,Eingesehlafensein und Schwäche im kleinen und Ringfinger derrechten Hand. Das Taubheitsgefühl reichte bis zum Ellenbogen,dessen hintere Seite geschwollen war. Ausserdem Schwäche undTaubheit im linken Bein, doch schon vor dem Typhus. Späterreissendc Schmerzen in der linken Schulter. Beim Heueren der
Finger bleibt der kleine Finger V 4 Zoll von der Volarfläche derHand entfernt. Bei der Streckung wird der kleine Finger abnormweit von den übrigen entfernt. Händedruck rechts schwächerbesonders an den beiden letzten Fingern. Beugung des Klein-finger-Nagelgliedes wenig erschwert. Massige Hyperästhesie iKleinfingerballens, des kleinen und Ringfingers rechts. Elektro-muskuläre Kontraktilität in den paretischen Muskeln nicht |herabgesetzt. (Nach Berg er.)
II. Friedrich Naehring, 24 Jahre alt, Füsilier der |10. Kompagnie Kaiser Alexander Garde-Grenadier-RegimentsNo. 1, erkrankte am 14. Februar 1871 während eines Marsches,indem er angeblich bewusstlos umsank. Ins Lazareth zu Mitrybefördert, lag er daselbst an einem sehr schweren Typhusdanieder. Am 13. April wurde er nach Metz evakuirt und willsich dabei eine Erkältung zugezogen haben, die einen Rück-fall des Typhus zur Folge gehabt haben soll. Vom 11. bis |31. Mai wurde er im Etappenlazareth zu Köln a. R. und dibis zum 10. August im dortigen Garnisonlazareth behandelt,Darauf befand er sich acht Tage im Regimentslazareth zu Berlin,Schon Anfang März, als er Rekonvaleszent war, entwickeltesich eine Schwellung und Steifigkeit im rechten Ellenbogen-gelenk mit später hinzutretenden ziehenden Schmerzen.
Nothnagel, der in der genannten Abhandlung des Falles IErwähnung thut, konstatirte im August 1871 eine unvollkom-mene Lähmung der Sensibilität und Motilität im Ge-biete des nerv, ulnaris des rechten Unterarmes, sowie |rheumatoide Muskelschmerzen in beiden Oberschenkeln. Er 1schreibt den Zustand wie folgt: „Die Sensibilität im Bereiche Idieses Nerven ist vermindert. Die Bewegungen des kleinen IFingers sind fast ganz aufgehoben, auch die des vierten, nament- [lieh die Flexion, sind beschränkt. Die elektrische Erregbarkeit |ist bei direkter wie indirekter Reizung sehr vermindert.
Patient giebt ferner an, dass in der Rekonvaleszenz iden genannten Erscheinungen gleichzeitig Schmerzen in beiden IWaden mit einer Gefühllosigkeit in den Füssen auftraten. Diese Iverloren sich aber nach einigen Wochen. An ihre Stelle trateine Schmerzhaftigkeit an der äusseren Seite des rechten Ober-schenkels ohne Motilitätsstörung; die Schmerzen haben einenneuralgischen Charakter und fehlen zeitweise ganz.
Anfänglich wurde der konstante Strom angewendet, nach14 Tagen dann der induzirte. Die Schmerzen verschwände!vollständig, die elektrische Erregbarkeit wurde normal, und alsPatient entlassen wurde, war auch die Motilitätsstörung fast |ganz zur Norm zurückgekehrt."
Das Invaliditäts-Attest de dato 1. Februar 1872 lautet:!„N. ist massig gut genährt, seine Muskulatur indess durch- 1gehend noch sehr schlaff und wenig umfangreich, ja in einzelne« IBezirken, wie z. B. den Muskeln des Daumens, geradezu atro- [phisch. Ebenso ist die Kraftäusserung der Muskeln eineringe, und fällt beim Druck der rechten Hand eine grossSchwäche gegenüber der linken auf. Die Sensibilität ist längs |des äusseren Randes des kleinen Fingers, sowie längs deinneren und an der äusseren Seite des vierten Fingers ijetzt bedeutend herabgesetzt, ebenso längs der ganzen Ulnar- 1seite der betreffenden Hand. Sonstige Lähmungen bestehen Inicht mehr. Zeitweilig, namentlich bei Witterungswechsel.ftreten rheumatische, ziehende Schmerzen längs der Aussenwitllbeider Oberschenkel auf. Der Gesammteindruck, den der p, * fmacht, ist somit der einer noch grossen allgemeinen Körper- 1schwäche, verbunden mit Sensibilitätslähmung im Bereich dftjnerv, ulnar, dexter." Allmälig trat eine Besserung der Sensibit rtätsstörung ein, und im Jahre 1875 war von ihr keine Spur Imehr vorhanden. — Vervollständigt nach den Invaliden-Akt»!