hinteren Wurzeln bilden, welche entweder auf dem Wege derfettigen Degeneration resorbirt werden, in welchem Fallbaldige Heilung der Paralyse eintritt, oder eine Entwicke-lung im Bindegewebe eingehen, wobei sich die Verhältnisseungünstiger gestalten. Im letzteren Falle erfahren dieNervenbündel durch die bindegewebige Retraktion einebald mehr bald weniger vollständige Einschnürung unddie Nervenerscheinungen verharren so lange, bis die Binde-gewebsverdichtung sich wieder lockert. Thut sie das nichtin genügendem Maasse, so bleibt die Lähmung angeheilt,löst sie sich unvollkommen, so kann Besserung eintreten.
Solche Infiltrationsprozesse kommen vielleicht auchweiter abwärts in den Scheiden der peripherischen Nervenvor. Je nach der Lokalisation, dem Verbreitungsbezirke,dem Grade der Kompression offenbaren sich so die nervösenStörungen entweder an mehreren grossen Nervengebietenoder einem isolirten Stamm; je nach diesen Umständen istdie Funktion eines ganzen Gliedes aufgehoben oder nur dieKraft in gewissen Muskelgebieten, ja selbst eines einzelnenMuskels, herabgesetzt.
Da in der Mehrzahl der aus dem Feldzuge stammendenFälle eine genaue und übersichtliche Beschreibung derEntwickelungsgeschichte jener Lähmungen fehlt, so lässtsich heut zu Tage schwer darüber urtheilen, ob und welcheursächliche Beziehung etwa eine „multiple Neuritis"zu ihnen haben könnte. Dass diese in der neueren Zeitvon so vielen Forschern unter der Führung Leyden's mitErfolg studirte Affektion zum Verständniss der Lähmungennach akuten Infektionskrankheiten einer grossen Beachtungwerth ist, scheint gewiss.
„Was ihre Aetiologie betrifft", sagtLeyden in seinemVortrage auf dem dritten Kongress für innere Medizin, „sotritt die multiple Neuritis in einem Theil der Fälle spontan auf,gewöhnlich nach einer intensiven nachweisbaren Erkältung.Die nahe Beziehung zur rheumatischen Erkrankung undbesonders zum Gelenkrheumatismus ergiebt sich daraus,dass rheumatische Gelenkaffektionen öfters den Fall kompli-ziren, wie auch beim Gelenkrheumatismus Muskellähmungenund Atrophien ganz ähnlicher Art vorkommen. Auch derprotrahirte Verlauf, der Charakter des Fiebers, der starkeSchweiss und endlich die mitunter eklatante Wirkung derSalicylsäure beweist eine innige Beziehung der multiplenNeuritis zum akuten Gelenkrheumatismus. Die spontaneForm ohne Gelenkaffektion, ohne Fieber schliesst sich alsrheumatische Erkrankung hier an, zumal öfters eine Er-kältung als Ursache nachweisbar ist.
Aber auch andere Infektionskrankheiten setzeneme Disposition zur multiplen Neuritis, ich nenne dieDiphtherie, den Ileotyphus; auch nach Recurrens sah ichähnliche Lähmungen. Vor Kurzem beobachtete ich eine,freilich nur einseitige Neuritis mit Muskelatrophie in Folgeeiner schweren Wundinfektionskrankheit, zu der sich einErysipel des Beines gesellt hatte; auf dieses folgte dieNeuritis. Zu den Infektionskrankheiten gehören auch Syphilis
und Tuberkulose, welche beide zur multiplen Neuritis inBeziehung zu stehen scheinen."
Aus dem klinischen Krankheitsbilde der multiplenNeuritis findet sich in dem unter den Radialislähmungenaufgeführten Falle Müller eine Reihe von Erscheinungenwieder, die es nicht unwahrscheinlich machen, dass hierdie zur Lähmung und Atrophie führende Erkrankung miteiner Polyneuritis identisch war. Sämmtliche vier Extremi-täten zeigten sich ergriffen, es bestanden auf Entzündungder Nerven deutende Schmerzen, die Vorderarme undFinger — also die peripherischen Endpunkte der Ober-extremität — waren gelähmt, Krankheitssymptome all-gemeiner Art: Abgeschlagenheit, Schwäche fehlten nicht,schliesslich persistirte die Lähmung in einem von der mul-tiplen Neuritis vorzugsweise auserkorenen Nervengel déte.Man vergleiche die vonLeyden entworfene Symptomatologie.Als den Typus der Affektion betrachtet er das akute odersubakute Auftreten von Lähmungen, welche die Extremi-täten, in der Regel symmetrisch, häufig alle vier, zuweilennur zwei befallen. Diese Lähmungen sind meist — dochnicht ausnahmslos — nach dem Ende der Extremitäten zuam stärksten und führen häufig, aber nicht immer, zurMuskelatrophie. Die sensiblen Zeichen können der In-und Extensität nach verschieden sein. Auf Druck sind dieNervenstämme in der Nähe der Gelenke — der Prädilektions-stellen — ebenso wie die affizirten Muskeln empfindlich.„Am wichtigsten und mannigfaltigsten sind die motorischenSymptome insofern leicht zu beurtheilen, als sie in ihremVerhalten und Verlauf ganz den traumatischen peripherischenLähmungen entsprechen. Die Disposition der motorischenLähmung schliesst sich gewöhnlich der Verbreitung derNeuritis an, die Intensität der Lähmung ist nicht immereine vollkommene oder hochgradige, die gelähmten Muskelnsind schlaff, weich, die Reflexe in der Regel erloschen.Die elektrische Erregbarkeit, anfangs intakt, erfahrt bald eineAbnahme, ganz entsprechend den peripherischen Lähmungen.Mit dem Abfallen der elektrischen Erregbarkeit geht einezuweilen langsame, zuweilen rapide eintretende Atrophieder Muskeln einher, wobei die Muskeln schlaff und weichbleiben. In einigen Fällen wurde im späteren VerlaufeRigidität der Muskeln und Bildung von Kontrakturenbeobachtet." Dazu kommen die bekannten trophischenStörungen an der Haut, den Knochen, den Gelenken,welche aber keineswegs zu den Regelmässigkeiten gehören.Nicht zu vergessen ist endlich, dass die Krankheit schnellentstehen und, wie in dem bekannten Eichhorst'sehenFalle, unter dem Bilde der Landry'schen Paralyse schnellzum Tode führen kann. In anderen Fällen geht sie inunheilbare Atrophie oder nach kurzem resp. jahrelangemBestände in völlige Genesung über. Auch die Möglichkeitihres Uebergreifens auf die Nervencentra ist durch eineBeobachtung Duménil's — s. Leyden: „Ueber Polio-myelitis und Neuritis", Zeitschrift für klinische Medizin,Band I, S. 408 ■— bewiesen.
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