VI. Motorische Lähmungen.
Unter den Paralysen nach Typhus sind mit Ausnahmeder von Nothnagel erwähnten Stimmbandlähmung isolirteLähmungen der motorischen Hirnnerven im Feldzuge garnicht beobachtet worden. Sie sind überhaupt äusserst selten.Mit Sicherheit hat man sonst nur Akkommodationsstörungendes Auges als Folge des Typhus auftreten sehen. EinKranker Gubler's bekam eine doppelseitige Akkommoda-tionslähmung, besserte sich aber bald. Kittel behandelte, wieNothnagel erzählt, einen Patienten, welcher nach einemschweren Typhus von fünfmonatlicher Dauer weitsichtigwurde. Gleichzeitig war beträchtliche Abmagerung vor-handen. Der frühere Refraktionszustand stellte sich nachJahresfrist mit Zunahme des allgemeinen Ernährungszu-standes wieder her. Auch Scheby-Buch erwähnt einerAkkommodationslähmung, welche „bei einer Frau, die früherTyphus überstanden", auftrat. Ausserdem ist nach AngabeNothnagel's nur noch ein einziger zweifelhafter Fall vonFacialislähmung nach Typhus von G üb 1er berichtet.
Stimmbandlähmung.
Der erste, welcher auf Stimmbandlähmungen nachTyphus aufmerksam machte, war Türck. Er hatte siemehrmals gesehen. Die spärliche Ausbeute, welche späterbindie Litteratur über diese Klasse der Paralysen liefert, ist derbeste Beweis für ihre Seltenheit. In der neueren Zeit hatRehn einen Fall von Lähmung der Glottiserweiterer nachTyphus abdominalis publizirt. Dieser Autor schliesst aufmyopathische Lähmung aus Anlass der parenchymatösenMuskeldegeneration und glaubt, dass die m. cricoarytae-noidei postici ihrer unausgesetzten Thätigkeit wegen zuder Entartung besonders prädisponirt seien. Je angestrengterder Muskel in Funktion ist, um so eher soll er nämlich imAllgemeinen unter den Einfluss des Fiebers und des spezi-fischen Krankheitsprozesses der körnigen und wächsernenDegeneration verfallen, v. Ziemssen hält die Erklärung fürwenig beweiskräftig, da sonst die Postikuslähmungen beimTyphus erheblich häufiger beobachtet sein müssten.
Aus dem Feldzuge ist nur ein Fall von Nothnagelbekannt geworden.
I. A. K., 25 Jahre alt, vom 2. Schlesischen Grenadier-Regiment No. 11, erkrankte im Oktober 1870 an einem ziemlichintensiven Typhus. In der Rekonvaleszenz, als er nochim Bett lag, bemerkte er, dass seine Stimme, die bis dahin ganzlaut und klar gewesen war, heiser wurde, und diese Heiserkeitsteigerte sich im Verlauf weniger Tage zu vollständiger Aphonie.Bei der von Nothnagel vorgenommenen laryngoskopischenUntersuchung im August 1871 zeigte sich die Schleimhaut desRachens und Larynx ganz normal. Die Stimmbänder glänzend
weiss; bei der Inspiration stehen sie weit auseinander. BeimIntoniren bemerkt man nur ein leichtes Erzittern, imUebrigen aber bleiben die Stimmbänder in ihrer gan-zen Ausdehnung weit klaffend stehen, und es niarlirtsich kaum eine Andeutung zur Annäherung. Die Stimme istganz tonlos. Eine faradische und galvanische Behandlung blieb.wie schon früher versuchte Mittel, ohne Effekt.
Die Vermuthung, dass ein grösserer Theil derjenigenLähmungsform nach akuten Krankheiten, welche sich aufeinzelne Muskel- bezw. Nervengebiete beschränkt, unterSchmerzempfindung sich entwickelt und mitunter toeAnästhesie begleitet ist, auf peripherische neuritische Pro-zesse zurückzuführen sei, hat durch eine im 4. Bande desArchivs für Psychiatrie und Nervenkrankheiten veröffentlicht!-Beobachtung Bernhardt's eine wirksame Unterstützung!erfahren. Die anatomischen Details sind bereits obenwiedergegeben. Es lag eine durch die Sektion bestätigteNeuritis n. radialis vor. Der Kranke, welcher an Typhiexanthematicus gelitten hatte, bemerkte nach dem Abfall desFiebers plötzlich eine Lähmung des rechten Armes. DitBeweglichkeit im Schulter- und Ellenbogengelenk war frei.das Handgelenk volar flektirt und unbeweglich, die Fingernicht streckfäkig. Patient klagte über ein Gefühl des Ein-geschlafenseins auf der Rückenfläche der Hand und derFinger. Sensibilität objektiv normal. Nach dreiwöchent-lichem Bestände der Lähmung zeigte sich die elektrischeErregbarkeit im ganzen Gebiete des rechten Radialis sehrherabgesetzt bezw. erloschen, besonders für den induzirtenStrom, während bei direkter Reizung mit dem kon-stanten zwar auf beiden Seiten die gleiche Zahl der Ele-mente zur Hervorrufung der Zuckungen genügte, aber &rechtsseitigen Zuckungen träge und wenig ausgiebig war»Auch der in dem 6. Bande desselben Archivs von Eíb»lohr publizirte Fall einer Typhuslähmung im linkenIschiadikusgebiete rechtfertigt nach Ansicht des Beobachter;durch seine Entstehungsart, seinen Verlauf und sein elektri-sches Verhalten die Annahme einer Neuritis.
Ein anderer, ähnlicher, ebenfalls schon angedeuteter,doch nicht bewiesener Entstehungsmodus, welchem Noth-nagel das Wort redet, stellt einen Theil der Typhuslähnn»gen in Analogie mit der diphtherischen Lähmung, freflraauf eine blosse Vermuthung hin. Danach sollen sich auchim Typhus Zellinfiltrate verschiedener Dicke in den Nerven-scheiden an der Vereinigungsstelle der vorderen mit den