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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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VI. Kapitel: Erkrankungen des Nervensystems nacli akuten Infektionskrankheiten.

Band VII.

er stets heftiger auf, als bei Tage, und störte die Nacht-ruhe des Konvaleszenten auf sehr unangenehme Weise. Ererstreckte sich immer auf die Zehen und Metatarsalgegend,ging höchst selten bis zum Fussgelenk, war aber amstärksten an den sogenannten Ballen der planta pedis.Schon die leiseste Berührung dieser Theile war überausschmerzhaft, der Schmerz steigerte sich aber bei nur ganzvorsichtiger Bewegung der betreffenden Gelenke bis zumUnerträglichen; massige ödematöse Schwellung, leichteblasse Röthe und Temperaturerhöhung war in allen inten-siveren Fällen deutlich nachweisbar. Meist waren alleZehengelenke affizirt, am stärksten das Metatarsophalangeal-gelenk der grossen Zehe; desgleichen waren meist beideFüsse gleichzeitig, verschieden intensiv, befallen ; in 7 Fällenaber erstreckte sich die Affektion nur auf einen Fuss. Ineinem Falle waren gleichzeitig Andeutungen solcherSchmerzen in den entsprechenden Gelenken beider Händezu beobachten. Die von einigen Autoren hervorgehobenegleichzeitige bedeutende Hautabstossung" halte ich füreine ganz selbstständige, von unserer Affektion keineswegsabhängige Erscheinung, wie sie stets nach schweren Krank-heiten, besonders nach Typhus, zu beobachten ist und aufdemselben Vorgange beruht, wie das Ausfallen der Haareund die Erneuerung der Nägel. Zum Beweis hierfür derUmstand, dass in jenen 7 Fällen, wo nur ein Fuss affizirtwar, die Hautabstossung sowohl an dem affizirten, wie andem freien Fusse gleich stark vor sich ging. In Betreffder Therapie war ich dem Patienten gegenüber sehr ohn-mächtig; warme Umhüllungen vermehrten nur das Brennen,Einreibungen wurden ebenfalls schlecht ertragen; alsPalliativmittel blieb nur Chloral und Morphium anwendbar.Allein wirksam zeigte sich mir früher in meiner Stellungals Assistent an der inneren Klinik zu Leipzig der induzirteStrom, der mir leider im Feldzuge nicht zu Gebote stand,der mir selbst aber, als ich in der Konvaleszenz vonTyphus in Leipzig von diesem lästigen Uebel arg geplagtwurde, nach jedesmaliger Anwendung auf je 23 Stundenvolle Ruhe verschaffte. »

Alle diese Beobachtungen bestimmten mich zu derAnnahme, dass diese Affektion nicht als blosse Hyper-ästhesie anzusehen sei, dass wir es vielmehr mit einerGelenkaffektion zu thun haben. Uebrigens schliesse ichdie Möglichkeit einer Thrombose als ursächliches Momentnicht vollständig aus, und deutet darauf hin ein Fall, inwelchem sich einige Tage nach Bestehen der genanntenErscheinungen eine Gangrän der betreffenden Zehen aus-bildete."

Dass die Hyperästhesien in der Rekonvaleszenz ihrenhauptsächlichen Sitz in den Fusssohlen und Zehen haben,wird auch von Bäumler, Jürgensen, Hagenbach u.A. bestätigt. Hierdurch unterscheiden sie sich von dendie ersten Krankheitswochen begleitenden kutanen undmuskulären Sensibilitätsstörungen derselben Art. Zwar sind, auf der Akme der Krankheit auch häufig die Füsse äusserst

empfindlich, aber der Verbreitungsbezirk der Hyperästhesieerstreckt sich der Regel nach zugleich auf den grösstenTheil oder die Gesammtfläche der Unterextremitäten, wohlauch des Abdomens. Weniger häufig bleiben die Unter-extremitäten ganz frei. Man hat diese abnorme Empfind-lichkeit der Haut und Muskeln während des Krankhefeablaufs selbst mit einer Hyperämie des Centralnervensystemsund seiner Häute in Verbindung gebracht.

Von den Hyperästhesien lassen sich die Neuralgienoft nur schwer oder gar nicht differenziren, denn diese,welche im Beginne des Ileotyphus fast ausschliesslich dasGebiet des Trigeminus und des Occipitalnerven betreffen,haben in der Rekonvaleszenz ihren gewöhnlichen Sitzgleichfalls in den Nerven der Unterextremitäten. Namentlichwählen sie sich gerne den Ischiadicus aus. Doch berichtetRosen thai auch von einer Neuralgie des linken Radialis,welcher sich bei der Sektion unverändert erwies.

Es liessen sich elf hinreichend beschriebene Fälle ansdem Feldzuge zusammenstellen, von welchen neun als Ischias,einer als Lumboabdominalneuralgie, der letzte als Schenkel-neuralgie anzusehen sind.

Mehrfach wurden auch Gelenkneuralgien mit perio-dischen Exazerbationen und Remissionen, charakteristischenSchmerzpunkten, bedeutenden Funktionsstörungen und Haut-anästhesie beobachtet. Sitz dieser Neuralgie war vorzugs-weise das Schultergelenk.

Verschiedene Zählkarten mit der DiagnoseNeuralgienach Typhus" konnten für die Zwecke dieses Aufsatzesnicht berücksichtigt werden.

I. Valentin Gruehn, Füsilier der 6. Kompagnie Garde-Füsilier-Regiments, erkrankte im Oktober 1870 vor Paris anTyphus. Im Dezember 1870 heftige Schmerzen im Ver-laufe des linken nerv, ischiadicus mit charakteristi-schen Schmerzpunkten. Hinkender Gang. Behandelt vonNothnagel.

Am 12. Juli 1872 gesund.

II. August Schulz, Wehrmann im 1. Bataillon 4. Branden-burgischen Landwehr - Regiments No. 24 , zog sich AnfangsOktober im Felde eine Erkrankung zu, welche nach mehr-tägiger Behandlung in den Baracken zu Berlin als Typhuserkannt wurde. In der Rekonvaleszenz stellten sichSchmerzen in der linken Hinterbacke ein, welche in die Knie-kehle und in die Fusssohle ausstrahlten und durch Druckverschiedene Punkte des nerv, ischiadicus hochgradigsteigert wurden. Sie machten das Gehen unmöglich. Ungeachtetverschiedener Behandlungsweisen blieb das Uebel stationär undvergesellschaftete sich Anfangs 1871 mit einer massigen Muskel-atrophie am kranken Beine. Patient wurde hiermit als Invalilfim April des zuletzt genannten Jahres entlassen.

Im Juni 1872 waren alle subjektiven und (Krankheitserscheinungen verschwunden.

III. Friedrich Redlin, Ulan der 2. Eskadron 2. Brander-burgischen Ulanen-Regiments No. 11, meldete sich am 12. JamW1871 im Felde an Fieber und Diarrhöe krank und wurde denLazareth zu Chartres überwiesen. Hier lag er an einem mittel-schweren Typhus bis zum 15.Februar, an welchem Taget'nach Berlin evakuirt wurde. Als Rekonvaleszent fing er si