Druckschrift 
Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
Entstehung
Seite
165
Einzelbild herunterladen
 

Band VE.

Anhang zum V. Kapitel: Idiopathischer (rheumatischer) Starrkrampf.

165

150.0, um Stuhl zu erzwingen. Der Leib ist stark aufgetrieben,sonstige Erscheinungen dieselben. Pupillen sind übrigens un-verändert, Fieber massig, starke Transpiration, Schmerzen imNacken und in den Beinen.

24. November: Patient transpirirt fortwährend, Puls 110.Etwas Husten. Da noch immer kein Stuhl, Abends Ol. Ricini 50.omit 01. Crotonis 4 Tropfen, ein Esslöffel.

25. November: Noch kein Stuhl, daher noch ein Esslüffelder Mixtur, ebenfalls ohne Erfolg. Leib sehr gespannt.Puls 110 resp. sehr frequent. Zustand sonst derselbe. Inf.Sennae mit Mag. sulph.

27.November: Gestern ist reichlicher Stuhl eifolgt. HeutePuls 108. Resp. 30. Temperatur 37.6. Beständiger Schweiss.Die Muskeln des ganzen Körpers mit Ausnahme beiderArme sind so kontrahirt, dass der Kranke, wenn man ihn auf-richtet, wie ein Brett gehoben wird und auf den Fussspitzenitehen bleibt. Durch das Uebergewicht der Wadenmuskelnbefinden sich die Füsse in starker Equinusstellung. Die Zähnesind zusammengepresst, die untere Kinnlade zurückgetreten undnur nach Morphiuminjektionen lässt sich flüssige Nahrung ein-flössen, das Schlucken ist nicht behindert. Urin wird regelmässiggelassen. Yon Zeit zu Zeit fährt es wie ein elektrischer Schlagdurch den Körper, dann werden auch die Armmuskelnsteif. Diese Kontrakturen sind äusserst schmerzhaft. DerSchmerz strahlt noch immer von der Brust nach den Fuss-spitzen aus.

Täglich 34 mal Morph, mur. 0.03 subkutan und innerlichmachen den Zustand einigermaassen erträglich, so dass Patientbisweilen schläft.

30.November: Zustand unverändert derselbe. Die Tem-peratur schwankt zwischen 37.j und 37.8, reichlicher Schweiss,Sudamina über den ganzen Körper. Gestern wurde ein Versuchmit Chloralhydrat gemacht, 2 o pro dosi er. 4 mal. Dasselbewirkte jedoch so nachtheilig, dass es ausgesetzt werden musste.Patient bekam einige Minuten nach dem Verschlucken der Me-dizin Schüttelkrämpfe, die länger als sonst anhielten, ein Nach-lass der Erscheinungen nach dem Verbrauch von 8.o war nichtzu konstatiren. Es wird Morph, mur. 0.03 4 mal täglich sub-kutan eingespritzt mit wenigstens palliativem Erfolg.

1. Dezember: Im Zustand des Patienten hat sich nichtsverändert. Temperatur ist nicht erhöht, Puls sehriretjuent und klein, Schweiss reichlich. Patient geniesst nurMilch, Rothwein, Bouillon. Die Muskeln namentlich der Beinesind so kontrahirt, dass jeder einzelne sich scharf markirt.Die Unterarme sind frei, die Oberarme jedoch im Zustandeder Kontraktion. Die schmerzhaften Krämpfe bleiben einigeStunden nach dem Einspritzen fast ganz aus. Schlaf bisweilennach den Injektionen. Urinabsonderung ungestört.

Weitere detaillirte Nachrichten fehlen. Am 27. Dezemberwurde K. aus Boulzicourt evakuirt. Heilung.

111. Wilhelm Neugebauer, Kanonier der 1. schwerenBatterie 1. Fuss - Abtheilung Schlesischen Feld-Artillerie-Regi-ments No. 6, wurde am 6. Februar 1871 in das Feldlazareth zuAnion aufgenommen. Bisher angeblich gesund, will derselbe am°- leuruar früh ohne nachweisliche Veranlassung mit Mund-Jtlemme ohne initalen Frost erkrankt sein. Bei seiner AnkunftJrtratient durchaus besinnlich, vermag nur mühsam, mit steiferHaltung, besonders im Nacken, ins Bett zu gehen. Das Gesichtm schmerzhaft verzogen, die Zahnreihen können nur mühsam,etwa bis auf ] / 2 cm, von einander entfernt werden, der Nackenerscheint steif, auf Druck massig empfindlich, die Rückenmuskelnund besonders im Lendentheile krampfhaft gespannt, an derWirbelsäule keine auf Druck auffällig schmerzhaften Stellen,ausser am Nacken, entsprechend dem 5. bis 7. Halswirbel. Das

Sitzen im Bette ist sehr erschwert, da Patient immer das Be-streben hat, nach hinten über zu fallen. Kopf frei. Pupillenbeiderseits gleich von mittlerer Weite, gut reagirend. Antwortenpräzise. Die Zunge, welche nur mühsam durch die fast ge-schlossenen Zahureihen hervorgebracht wird, ist feucht belegt;Haut feucht, mit Schweiss bedeckt; Respiration normal; in deneinzelnen Organen nichts Abnormes nachweislich, ebensowenigirgend eine Wunde oder Narbe aufzufinden. Puls voll, 72. Stuhl-und Harnentleerung angeblich normal. Der Kranke wird inwollene Decken eingehüllt, erhält reichlich warmen Thee und5.0 G. Chloral, worauf etwa '/z Stunde später tiefer Schlaf eintritt,der bis zum nächsten Morgen anhält.

Am 7. Februar früh fühlt sich Patient insofern erleichtert,als die Steifigkeit im Nacken etwas nachgelassen hat. Dagegenbesteht die Mundklemme unverändert fort, sowie auch hie undda Stösse in den unteren Extremitäten auftreten. Diese werden¡ bei Rückenlage mühsam in die Höhe gehoben; die Rücken-muskeln bis zum Kreuzbein gleichmässig hart, brettartig gespannt,ebenso die Bauchmuskeln, der Stamm erscheint nach hintenübergebogen, die Reflexerregbarkeit bis jetzt anscheinend nichterhöht. Der Stuhl ist retardirt, Harn ebenfalls, wird mit Ka-theter entleert, derselbe ist sauer, frei von Eiweiss und Zucker.Patient erhält wieder 5.o G. Chloral, nachdem er zuvor in einlauwarmes Bad von 28 bis 30° R. und 10 Minuten Dauer ge-bracht und darauf in wollene Decken eingepackt wird. Ohnedass nun irgend welcher Schlaf eintritt, schwitzt der Krankereichlich. Gegen Abend ist insofern eine Besserung zu ver-zeichnen, als der Mund etwas weiter geöffnet wird und sämint-liche Muskeln etwas weniger gespannt sind. Patient erhält nunnochmals 2.0 G. Chloral, worauf die Nacht über ununterbrochenerSchlaf eintritt. Puls 72.

8. Februar früh: Puls 70. Temperatur 36.5° C. Der Mundwird besser geöffnet, doch ist seit heute das Schlingen etwaserschwert. Rücken- und Bauchmuskeln stark gespannt. Stuhlretardirt. Ol. Ricini. Harn wird mit Katheter entleert. Lau-warmes Bad von der gestrigen Dauer, und früh und Abends einesubkutane Injektion von 0,03 G. Morph, acet. Während nach derMorgeninjektion wenigstens zwei Stunden Schlaf folgt, bleibtdie Abendinjektion ohne jeden Effekt, so dass am

9. Februar früh eher eine Verschlimmerung zu konstatirenist. Puls klein und beschleunigt, 84. T. 37.2° C. Patient siehtetwas kollabirt aus. Es treten jetzt häufiger Reflexkrämpfe,besonders in den Rückenmuskeln, auf. Klagen über Oppression.Die Mundklemme hat wieder zugenommen, Schlingen äussersterschwert; Patient wird durch Chloroform narkotisirt; die Nar-kose wird mühsam erzielt, hält etwa eine halbe Stunde an;während der Narkose wohl Remission aller krampfhaften Er-scheinungen, nach beendeter Narkose jedoch der alte Zustand;dasselbe beschränkte Resultat wird durch eine wiederholte Chloro-formnarkose im Laufe des Nachmittags erreicht.

11. Februar: Puls 76, ziemlich klein. T. 37.5° C. Vongestern Abend 7 Uhr ab erhielt Patient die Nacht hindurch indreistündlichen Zwischenräumen je 2.0G. Chloral; etwa 10 Mi-nuten nach der einzelnen Dosis tritt tiefer, nahezu 1 l /i Stundenanhaltender Schlaf und Remission aller Krampferscheinungenein; in den Intervallen, wo Patient wach ist, sind die Bauch-,Rücken- und Nackenmuskeln ziemlich entspannt; kleine MengenFlüssigkeit werden leidlich gut heruntergeschluckt; die unterenExtremitäten, welche sonst steif waren, sind ebenfalls schlaff,das Gesicht komponirter, der Opisthotonus, welcher gestern häufig,ist heute seltener, Mund kann etwas weiter geöffnet werden ; Kratzenim Pharynx massig, reichliche Salivation. Urin wird währenddes Schlafs unwillkürlich entleert, Stuhl retardirt; von heutefrüh ab, bis wohin Patient 12 zweistündliche Dosen zu je 2.o G,

^^^^^^n