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V. Kapitel: Wundstarrkrampf.
Band VII, ■ i
lazareth I. Armeekorps je eine Tetanuserkrankung ganzfieberlos. Dabei handelte es sich keineswegs immer umeinen Ausgang in Genesung, vielmehr starben drei Patienten,ohne dass selbst kurze Zeit vor dem Tode ein Ansteigender Temperatur nachgewiesen werden konnte. In 10 Fällenwurden Angaben über den Fieberverlauf ganz vermisst.
Ein Uebergreifen des Tetanus auf die Extremitätenfindet sich in der Krankengeschichte von Krause undNeugebauer erwähnt. Der erste dieser beiden Fälle zeich-nete sich ausserdem durch die ungewöhnlich gesteigerteReflexerregbarkeit aus. Periodische Anfälle der tonischenKrämpfe versetzten dem Kranken die heftigsten Stösse,so dass die Glieder, wie im Schüttelfroste, flogen. Beidiesen Reflexkrämpfen wurden auch die Muskeln der Ober-extremitäten steif. Der Kranke verspürte in den kontra-hirten Muskeln die allerheftigsten Schmerzen. In dem FalleMatschke (IV) liegt sogar die Möglichkeit vor, dass derTetanus in den Unterextremitäten begann.
Der Ausgang des Tetanus rheumaticus war währenddes Feldzugs bei Weitem günstiger als der des Wundstarr-krampfs. Von sämmtlichen 16 Fällen wurden 11geheilt, 5 endeten tödtlich.
Als äusserst seltener Folgezustand des Tetanus ist dieim Falle Matschke (IV) beobachtete langjährige Paraparesevon Interesse. Ihrer zeitlichen Entwickelung nach gehörtsie höchstwahrscheinlich dem Rekonvaleszenzstadium an.Sie erwies sich als sehr hartnäckig, verlor sich jedochallmälig. Derselbe Kranke zeigte ausserdem noch imJahre 1883 ausgesprochene vasomotorische Störungen.
Die Behandlung wich von der damals gebräuchlichennicht ab. Die Opiate wurden meist ohne befriedigendenErfolg versucht. Unter Chloralhydrat nahmen die Erschei-nungen häufig an Intensität ab bis zum endlichen Erlöschen,zumal wenn das Mittel nach den Angaben Liebreich'sin grossen Dosen zur Verwendung kam. Dies traf wieder-holt auch ein, nachdem Opium und Morphium wirkungslosgewesen waren. 4 Heilungen werden auf den Einfluss desChlorais von den Berichterstattern zurückgeführt. In demzu Gournay während des Dezembers 1870 etablirten 6. Feld-lazarett 1. Armeekorps verschwanden die tetanischenSymptome in einem Falle bei innerlicher Darreichung vonStibio-Kal. tartaricum und Morphium innerhalb 24 Stunden,die Rekonvaleszenz zog sich jedoch sehr in die Länge.Das 10. Feldlazareth IL. Armeekorps nahm im September1870 zu Habonville 2 Kranke mit rheumatischem Tetanusauf, welche beide ohne jede Therapie bei warmem Ver-halten heilten. Hier und da verabfolgte man auch warmeBäder, ohne übrigens einen nachhaltigen Nutzen von ihnenzu sehen. Während des Bades selbst und kurz nachhersoll zuweilen eine Erschlaffung der vorher tetanischen Mus-kulatur beobachtet sein.
I. Carl Heinrich Anton Richter L, Soldat der 5. Kom-pagnie 5. (Königlich Sächsischen) Infanterie-Regiments No. 104,kommt, nachdem er schon 14 Tage lang über periodische
ziehende Schmerzen in beiden Wangen geklagt und an8. November 1870 beim Getrcideabladen einen plötzlich«stechenden Schmerz in der Kreuzgegend verspürt hatte, ain16. November 1870 ins 1. Feldlazareth XII. Armeekorps zuAnnet.
17. November: Kann den Mund nicht soweit öffnen, dasein Theelöffel zwischen den Zähnen durchgeführt wird. Kla«tüber heftige reissende Schmerzen in den Backen und Steche«in den Schultern. T. etwas erhöht, Pulsfrequenz weui;vermehrt. Haut schwitzt; Chloroformeiureibungen.
18. November: Morphium subkutan.
19. November: Nachlass der Schmerzen. Schlaf. StarkerSchweiss. Mund kann etwas weiter geöffnet werden.
20. November: Patient spricht besser.
23. November: Tetanus in einzelnen Anfällen; warmes Ell
25. November: Knötchenartiges Exanthem über Rumpfund Extremitäten.
26. November: Wenige tetanische Anfälle.
I. bis 4. Dezember: Trismus stärker.
5. Dezember: Tod in einem Anfall von Tetanus.
II. Hermann Krause, Grenadier vom Regiment Kron-prinz, 29 Jahre alt, kam am 19. November 1870 in das Feld-lazareth zu Boulzicourt.
Patient, ein kräftiger, bis dahin gesunder Mann, fühlt sie«nach einer heftigen Erkältung im Biwak seit 4 Tagen un-wohl, klagt über starke Schmerzen im Nacken und im Epigastrium,ausserdem über Kopfschmerz, Hitze und Durst. Er ist nicht imStande zu gehen und hat ein Gefühl von Taubheit in den unterenExtremitäten, die er auch liegend nur schwer flektiren kam.Den Mund vermag er nicht zu öffnen, beim Versuch dazu bringter die Zähne 2 Linien weit auseinander. Die m. masset. ettemporal, fühlen sich hart an. Der Nacken ist steif, der Patientkann ihn nur mit vieler Mühe unter Schmerzen drehen. Druckauf die Nackenwirbel ist sehr schmerzhaft. — Die Arme siniifrei, dagegen sind die Muskeln des Bauches und des Rückensgespannt und können nicht erschlafft werden, auch die Muskelider unteren Extremitäten sind etwas kontrahirt. V<Zeit zu Zeit ergreift ein heftiges Zucken den ganzen Körper desKranken wie beim Schüttelfrost; Patient hat dabei aber keinGefühl von Kälte, sondern nur ein heftigeres Schmerzgefühl imEpigastrium. Umdrehen kann er sich nur, wenn er sich mitden Händen fest an die Bettstelle klammert und dann de«ganzen Körper um die Längsaxe wälzt. Nach solchen Be-wegungen oder auch nach passivem Aufrichten erscheinen dieSchüttelkrämpfe sofort und dauern ca. 5 Minuten. Das Gesieltist geröthet, die Zunge belegt, Puls 100, voll, Temperaturetwas erhöht, Stuhl fehlt.
Ord. : Schröpf köpfe, Spanische Fliege in den Nacken, ChininO.i mit Opium O.Oo zweistündlich.
21. November: Zustand derselbe, die Krämpfe erscheinenaber häufiger und mit so heftigen Schmerzen im Epigastriumund Nacken, dass Patient laut schreit. Patient kann Flüssig-keiten gut schlucken, feste Speisen aber nicht, Stuhl ist nachzwei Löffeln Oleum Ricini nicht erfolgt, die Nacht war schlechtund ohne Schlaf. Ord.: Calomel O.i zweistündlich pro dosi. Suh-kutane Morphium-Injektionen 3—4 mal pro Tag à O.oii prod«
22. November: Calomel 0.5 mit Jalappe. 1 Pulver.
23. November: Zustand noch etwas verschlimmert, bisweik«Nieskrämpfe. Heute klagt der Kranke, dass auch die Ai*anfangen den Dienst zu versagen. Noch kein Stuhl. Hat mder Nacht geschlafen. Bei täglich 3 maliger Injektion von Mor'phium 0.0-' G. lassen die Schmerzen und die Krämpfe sehr nachPatient geniesst eine Kleinigkeit Milch. Er hat etwas Kopi-schmerz. Ord.: Infus. Sennae (l5.o) mit Magnes, sulph. (3ftl|