WM
Band VU.
Anhang zum V. Kapitel: Idiopathischer (rheumatischer) Starrkrampf.
163
darf man auf die aseptische Wundbehandlung setzen, da sieam zuverlässigsten die Zersetzungsprozesse in der Wundehemmt. Zugleich wird durch dieselbe der aus einem häufigenVerbandwechsel resultirende und für die Entwickelung desStarrkrampfs günstige, mechanische Reiz vermieden.
8) Wägt man die Zahl der behandelten Fälle und dieZahl der Heilungen bei demselben medizinisch-therapeutischenVerfahren gegen einander ab, so gebührt dem Chloralhydratin grossen Dosen per os et per anum der Vorzug. Dasselbeverschaffte gleichzeitig die grösste Schmerzerleichterungund die beste Euthanasie. Das Chloroform erwies sichunschätzbar, um die lokale Behandlung zu ermöglichen;Calabar und Curare waren nutzlos, die Opiate standen demChloral an Werth nach. Ausgezeichnete Erfolge hatte dieElektrizität, doch war die Zahl der Fälle zu klein, um eindefinitives Urtheil über ihren Werth abzugeben.
Mau ist bis jetzt gewohnt gewesen, den Tetanus alseine rein funktionelle Erkrankung ohne nachweisbarepathologisch-anatomische Basis zu betrachten. Die Sektions-
befunde während des Krieges haben Niemanden einesBesseren belehrt.
Die tonischen Muskelkrämpfe in den verschiedenenNervenbahnen beweisen, dass die die Krankheit be-dingende centrale Affektion in dem Rückenmarkzu suchen ist, wohin sie bei dem Wundtetanus durch denErregungszustand eines peripherischen sensiblen Nervenübertragen wird.
Welche Veränderungen ihr hier zu Grunde liegen,dies zu erkennen, scheinen die heutigen Hilfsmittel nichtauszureichen.
Die Unterscheidung verschiedener Formen des Tetanus,wie sie noch von einigen Chirurgen des Feldzuges beliebtwurde, ist in vorstehender Abhandlung weggefallen, da dieeinzelnen Formen nur Theilerscheinungen des Tetanus sind.Auch ist von einer Eintheilung in eine akute und chronischeForm Abstand genommen. Man kann nie voraussehen, obdie eine oder andere sich entwickeln wird; in den Symptomenlassen sie nur quantitative Unterschiede erkennen.
Anhang zum fünften Kapitel.
Idiopathischer (rheumatischer) Starrkrampf.
Das vorliegende Material aus dem Feldzuge lässt,was die Häufigkeit des idiopathischen Tetanus anlangt,allem Anschein nach ebenso genaue statistische Angabenzu als der Wundstarrkrampf. Es sind im Ganzen 16 Fällein den militärärztlichen Berichten aufgeführt, welche un-zweifelhaft hierher gehören. Unberücksichtigt mussteneinige Beobachtungen bleiben, in welchen beim Ausbruchdes Tetanus wahrnehmbare Wunden bestanden, obwohl dieAnnahme, dass ungeachtet dessen die Entstehung desTetanus von anderen Umständen abhängig war, viel Wahr-scheinlichkeit für sich hatte. 1 )
An ausführlicheren Krankheitsgeschichten sind aus demFeldzuge vier vorhanden. Dem Ausbruch des Tetanus ginghiernach dreimal eine heftige Erkältung vorher, für denvierten Fall (Krankengeschichte 111) ist ein ätiologischesMoment nicht angegeben. Während Richter (1) 14 Tagelang, Krause (II) 4 Tage lang vor dem Eintritt derKieferklemme, jener über ziehende Schmerzen in beidenbesichtshälften, dieser über Schmerz im Kopf, Nacken und
Siehe hierzu Anmerkung 1 auf S. 123 dieses Bandes.
Epigastrium geklagt hatte, war der Krankkeitsbeginnbei Neugebauer (III) ein ganz akuter, er konnte plötzlichden Mund nicht öffnen.
13 Kranke wurden in den Feldlazarethen, je einer inden Reservelazarethen Berlin, Görlitz, Stralsund behandelt.Der Zeit nach fiel das Auftreten des rheumatischen Tetanusin den
September 1870 ..... 2 mal
Oktober „ ..... 3 „
November „ ..... 3 „
Dezember „ ..... 4 „
Januar 1871 ..... 2 „
Februar „ ..... 1 „
März „ ..... 1 „
Aus dem klinischen Krankheitsbilde verdient das Ver-halten der Temperatur Beachtung. Ausser den hier be-schriebenen Fällen, in welchen keine oder nur eine sehrgeringe Erhöhung der Körperwärme konstatirt wurde, ver-lief im 10. Feldlazareth IV. Armeekorps und im 6. Feld-
21*