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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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V. Kapitel: Wundstarrkrampf.

Band VU

enterie. Warme Umschläge auf deu Leib, Morphiunisuppositorienund Rieiuusöl bildeten die Therapie. Der Kranke war 14 Tagedarauf von Ruhr und Starrkrampf genesen.

LXXXIX. Im Vereinslazareth Deutsche Flotte zu Köln gingder Unteroffizier Johann Georg Himmel OstpreussischesFüsilier-Regiment No. 33 zu, welcher bei Gravelotte am18. August 1870 von einer Kugel getroffen war. Der Schuss-kanal führte durch die Weichtheile des rechten Ober- und deslinken Unterschenkels. Am 9. September brach bei dem Ver-wundeten Tetanus aus. Er wurde mit Morphium behandelt undgenas, obschon oder vielleicht weil am 17. Septemberzu der schweren Erkrankung eine neue schwere, die Ruhr,hinzutrat.

XC. Carl Müller Preussischer Artillerist fandsich mit einer am 6. August 1870 durch einen Granatsplittererzeugten Fleischwunde des linken Oberschenkels in dem Reserve-lazareth zu Schwetzingen ein. Die ersten Symptome des Wund-starrkrampfs zeigten sich am 17. August. Am 4. Tage des Sep-tember traten bei dem Tetanischen die Masern auf, und am15. desselben Monats war die Genesung soweit vorgeschritten,dass M. das Bett verlassen konnte.

Ohne jegliche Behandlung genasen zwei Verwundetevom Tetanus, welcher in dem zweiten Falle ein leichtergenannt wird:

XOI. Anton Theobald Bayerisches Infanterie-Leib-Regiment bekam am 2. Dezember 1870 eine Schuss-fraktur des rechten Oberarms an der Grenze des oberen undmittleren Drittheils, zu welcher sich nach Anlegung eines Gyps-verbandes, während die Eiterung stark war, Tetanus gesellte.Derselbe verlor sich ohne den Gebrauch von Medikamenten."(X. Feldlazareth XI. Armeekorps. Chartres.)

XCII. Bei dem ausdrücklich als leicht bezeichnetenWundstarrkrampf eines mit einem Knochenstreifschuss in dieBehandlung getretenen Preussischen Grenadiers II. bildeten sichnacli dem Bericht Ebmeier's aus dem X. Feldlazareth desGardekorps die Krampferscheinungen, welche 17 Tage nach deram 16. August stattgehabten Verwundung sich zuerst gezeigthatten, innerhalb drei Tagen spontan zurück.

Das Kriegslazareth im College zu Pont à Moussonbeobachtete folgenden Fall aus dem September 1870, derwohl auch hierher gehört:

X(!IIT. Pierre Martagnet, vom 67.Französischen Linien-Regiment,') wurde wegen einer am 16. August 1870 durcheinen Granatsplitter erzeugten Verwundung des rechten Unter-schenkels zwei Tage später amputirt. Die Amputationswundeim unteren Drittel des Unterschenkels heilte unter guten Granu-lationen. Da trat unvorhergesehen Anfangs September Trismusund vier Tage nachher Tetanus auf. Den einzelnen Krampf-anfällen im amputirten Gliede ging eine Art Aura voraus, diejedoch M. nicht näher zu bezeichnen verstand. Dieser Aurafolgten nach einigen Sekunden die tetanischen Krämpfe, jedervon etwa einer Minute Dauer. Vom 13. September ab wurdendie Anfälle seltener. Die Therapie bestand in abendlichen Gabenvon O.oi bis 0.03 G. Morphium. Heilung.

l ) Vergl. V. Band dieses Berichtes, 8: 356, Fall 76.

Die Wichtigkeit der diätetischen Behandlung desTe tanas fand unter den Feldärzten die ihr gebührendeAnerkennung. Als Unterstützung derselben rühmte man dieChloroform- und Chloralnarkose, indem man während der-selben die Schlundsonde zum Einflössen von Nahrungsmittelnbenutzte; oft zeigte sich auch die ersteZeitnach dem Erwachenzur selbstständigen Nahrungsaufnahme günstig. Verdunke-lungen des Krankenzimmers, Vermeidung jeder unnöthigenBerührung, Ruhe der Umgebung, kurz das Fernhalten allerEinflüsse, welche irgendwie reizend auf die sensiblen Nervenund die Sinnesorgane einwirken konnten, verschaffte deiKranken überall die ersehnte Erleichterung ihrer Leiden,

Rekapitulation.

Ein Rückblick auf die Erfahrungen des Feldzuges überdie Aetiologie und Therapie des Wundtetanus ergiebtfolgende Sätze:

1) Begünstigend auf den Ausbruch des Wundstarr-|krampfs wirkten vor Allem die in den Wunden zurück-gebliebenen Fremdkörper: Kugeln, Knochenstücke, Kleider-fetzen, Steine, Verbandgegenstände.

2) Durch die mehr oder weniger leichte Retention Idieser Fremdkörper war für die Häufigkeit des Tetanusder anatomische Sitz der Verwundung entscheidend, insoferndie Schussverletzungen des Ober- und Unterschenkels den Ibei Weitem überwiegenden Prozentsatz der Erkrankungenausmachten.

3) Ausser der mechanischen Schädigung der Wunden, Ideren Folgen auch in der häufigen Erkrankung währenddes Transportes bemerklich waren, wirkten chemische nthermische Einflüsse (letztere nicht immer zweifelsfrei) aufdie Tetanusfrequenz begünstigend.

4) Der infektiöse Charakter des Wundtetanus fanddurch beweisende Beobachtungen eine genügende Basis nicht.

5) Der ad 1 aufgeführte Grund gebietet prophylaktischdie Entfernung der Fremdkörper. Auch nach dem Eintrittdes Starrkrampfs wurde wiederholt durch Wegnahme desNervenreizes die Krankheit direkt geheilt. Grössere Ope-rationen, welche den Zweck verfolgten, in der den Reiz Ileitenden Nervenbahn eine Unterbrechung herzustellen oderdiese Bahn ganz auszuschalten, hatten sehr schlechte Eesul-täte. Dies gilt bis jetzt auch für die neuerdings von Vogt Iund Kocher empfohlene Nervendehnung.

6) Ebenso sehr empfiehlt sich prophylaktisch eaimöglichst vollkommene Ruhigstellung des verletzten Gliedesund ein schonender Transport.

7) Die Forderung, die von der Wunde selbst au?- 1gehenden chemischen Schädlichkeiten für die Entstehnagdes Tetanus auszuschliessen, macht eine milde reizlose Be-handlung nothwendig. Die im Jahre 1870 übliche Wund-therapie erfüllte diese Indikation nicht. Grössere Hoffnungen