Band VII.
V. Abschnitt: Behandlung.
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Die Elektrizität fand gegen den Wundstarrkrampfim Feldzuge nur eine spärliche aber sehr günstige Ver-wendung. Von den fünf aufgefundenen Beobachtungen en-deten drei mit Genesung:
LXXXIII. Wilhelm Wen dt, 25 Jahre alt, aus Kissenbrück,hatte das Unglück, sich am 8. Oktober 1870 mit dem eigenenGewehr durch die rechte Mittelhand zu schiessen. Ein Knochenwar nicht getroffen. Nach einigen Tagen ergriff ihn der Wund-starrkrampf. Besonders waren die Schlingmuskeln ergriffen, undes gelang nur mit grosser Mühe, ihm Flüssigkeiten beizubringen.Opium, Curare, warme Bäder zeigten sich erfolglos. Erst nach-dem mit der Anwendung der Elektrizität — anfangs induzirter,später konstanter Strom — begonnen war, machte sich eineallmälige Besserung bemerklich. Der Tetanus war nach 14-tiigiger Behandlung vollständig geschwunden. (GarnisonlazarethBraunschweig.)
LXXXIV. Nikolaus Wy s t r u p p, verwundet bei Strassburgam 24. August 1870, primäre Exartikulation der grossen Zehe.Tetanus. Heilung am 40. Tage. Es wurde die Elektrizität wäh-rend voller drei Wochen mit grosser Konsequenz fortgesetzt;unter allmäliger Abnahme der Starre und Seltenwerden derklonischen Krampfanfälle trat schliesslich Genesung ein. DerTetanus war mit grosser Heftigkeit am 10. Tage nach der Ver-letzung aufgetreten. Neben dem konstanten Strome, in auf- undabsteigender Bichtung applizirt, wurde auch Morphium subkutanund Chloral innerlich gegeben. (Soein.)
LXXXV. Dionys Lewandowicz. Fleischschuss derrechten Schulter. Erst am 48. Tage bemerkte man in der Um-gebung der fast vernarbten Wunde eine eigenthümliche Starr-heit der Muskulatur, zu welcher sich bald ohne KieferklemmeNackenstarre und hochgradige Rigidität der Bauchmuskeln hin-zugesellte. Dazu kamen nächtliche Anfälle von klonischenKrämpfen. Ganz allmälig trat bei galvanischer Behandlungdurch Professor Klebs völlige Genesung ein. (Socin.)
Klebs, welcher die angezogenen Socin'schen Fällein Karlsruhe behandelte, liess den konstanten Strom in anf-and absteigender Richtung auf das Rückenmark selbst ein-wirken; aus dem Garnisonlazareth Braunschweig ist dieMethode nicht näher angegeben. Wenn auch diese Beob-achtungen nichts beweisen, so darf man doch mit Socinerklären, dass der Iilektrizität ein Platz in der Reihe derheim Tetanus zu empfehlenden und näher zu prüfendentherapeutischen Maassregeln gebührt.
Schon im Jahre 1838 hatte Mat ten ci in einem Fallevon akutem traumatischen Tetanus die Elektrizität versuchtund, so lange der Strom wirkte, einen Nachlass der Krämpfekonstatirt; der schliessliche Ausgang war indessen ein un-glücklicher. Dieser Umstand und die Bedenken, die Du-liois-Reyniond gegen die Anwendung des elektrischenhtr-omes im Tetanus aussprach, — er glaubt, dass bei derLnzugänglichkeit des Rückenmarks für elektrische StrömeStromstärken zu diesem Erfolge nöthig sein würden, welchedas neue Palliativmittel zu einem keineswegs unbedenklichenmachen dürften, — waren wohl der Grund, dass von derAnwendung dieses Mittels bei Tetanus für die Folge ganza' 'gesehen wurde.
Sanitats-Bericht über die Deutschen Heere 1870/71. VII. Bd.
Im Jahre 1868 nahm Mendel die Versuche mit demkonstanten Strome wieder auf und konnte bei den beidenvon ihm behandelten Kranken einen glücklichen Verlaufbeobachten. Mendel liess den Strom nicht auf das Rücken-mark wirken, sondern setzte den positiven Pol auf die An-tagonisten der tetanisch kontrahirten Muskeln, die Kathodeauf die Wirbelsäule und liess jede Sitzung 15 Minuten dauern.Es zeigte sich sofort eine vollständige Erschlaffung der teta-nisch affizirten Muskeln; auch liess sich nach dem derSitzung folgenden Tage eine grössere Nachgiebigkeit in denMuskeln konstatiren. Mendel erklärt den günstigen Ein-fluss dieser Behandlung als hervorgerufen durch die be-ruhigende Wirkung des konstanten Stromes auf die sensiblenNerven. Die Bedenken Dubois' gegen die direkte Ein-wirkung auf das Rückenmark bestätigte Mendel. Er sahauch bereits bei schwächeren Strömen, 20 Elementen, beimAufsetzen der Elektroden zu beiden Seiten der Wirbelsäulemit Schluss der Kette heftige klonische Krämpfe eintreten.(Lentz.)
Von grossem Interesse sind die während des Feldzugesmitgetheilten Heilungen des Wundtetanus bei Hinzu-tritt einer Infektionskrankheit. Pyämie und Tetanusverliefen, wie bereits gesagt, ziemlich häufig nebeneinander;nur einige Male nahm man wahr, dass mit dem Eintrittder ikterischen Hautfärbung und dem Fortbestehen derDurchfalle die Muskelstarre nachliess, in einem Falle genasaber der Kranke völlig vom Starrkrampf und ging bei an-dauernder Pyämie einige Wochen später zu Grunde. Rechnetman die Pneumonie, wenigstens die einer bestimmten Form,zu den Infektionskrankheiten, so sind ausser dem im Ba-rackenlazareth zu Breslau durch Friedberg behandelten,auf Seite 153 aufgeführten Falle noch 2 Heilungen vonTetanus und Lungenentzündung, ferner 2 Heilungen vonTetanus und Ruhr, endlich 1 Heilung von Tetanus undMasern in den Berichten aufgezeichnet.
Dass Masern in ihrer Verbindung mit Wundstarrkrampfletal verlaufen seien, dafür enthalten die militärärztlichenBerichte aus dem Feldzuge keine Beispiele.
LXXXVI. Der Musketier Carl Voelmer — 3. PosenschesInfanterie-Regiment No. 58 — aus Posen wurde am 4. August 1870bei Weissenburg von zwei Kugeln getroffen. Die eine hatte dieMuskulatur des linken Vorderarms durchsetzt, die zweite warin den linken Oberkiefer gedrungen und in der Highmorshöhlesitzen geblieben. Von hier wurde sie am 10. August extrahirt.Gleich darauf stellte sich Starrkrampf ein. V. erkrankte nunnoch an einer Lungenentzündung, wurde aber sowohl vondieser als von dem Tetanus hergestellt.
LXXXVII. Aus dem Reservelazareth — Kaserne 6 — zuHannover geschieht von B od emey er eines mit einer Pneumoniekomplizirten Wundstarrkrampfs Erwähnung, welcher unterMorphiuminjektionen und der gleichzeitigen Verabreichung vonTinct. Aconiti glücklich verlief.
LXXXVIII. Ein Garde-Füsilier, welcher dem Reservelaza-reth Breslau mit Tetanus und einer Schussfraktur des Vorderarmszuging, erkrankte bald nach seiner Aufnahme an schwerer D\s-
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