160
V. Kapitel: Wundstarrkrampf.
Band Vit I
dauert während des ganzen Tages; der innerliche Gebrauch desChlorais fortgesetzt. Abends 6 Uhr müssen wegen Zunahmeder Krampferscheinungen wieder drei Injektionen in Intervallenvon '/i Stunde und von O.75 G. gemacht werden, um Ruhe zu er-zeugen.
2. September: Nacht häufig durch Schmerzen beunruhigt.Morgens Krampf der Nackenmuskeln und Rückenstrecker. 9 UhrInjektion von 0.75; 9 ,fl von 0.- 5 ; 9 30 von O.75; 9 45 von O.tj;10 Uhr von O.75 G.
Nach der fünften Injektion tritt Ruhe ein. Auffallend istder Nachlass des Masseterenkrauipfes, so lange der Opisthotonussich ausgebildet hat. Abends : Patient hat fast beständig inOhloralnarkose gelegen und fast gar nicht über Schmerzen ge-klagt, er trinkt leicht und öffnet den Mund bis l'A" weit. DerOpisthotonus ist stärker hervorgetreten. Drei Injektionen von0.75 G. genügen, um die wiedererwachten Schmerzen und gestei-gerten Reflexparoxysmen zu mildern.
S.September: Nacht sehr unruhig; Patient hatte sich ent-schieden geweigert, das Chloral zu nehmen. Morgens dieselbenErscheinungen des schwachen Trismus und gesteigerten Opistho-tonus. Vier Injektionen verschaffen eine kurze Ruhe. Mund1 Vi" weit geöffnet; jeder Schlingversuch, fast jeder auf die Zungegebrachter Tropfen Wasser erzeugt starken Opisthotonus. DaPatient fortwährend das Einnehmen des Chloralhydrats wegendes ihm unangenehmen Geschmackes weigert, werden Nach-mittags wieder vier Injektionen bis zum Eintritt der Ruhe ge-macht. Ich bemerke noch, dass der Stuhlgang, der im Beginneder Erkrankung hartnäckig retardirt war, während des Chloral-gebrauches regelmässig später erfolgte.
4. September: In der durch häufige und sehr heftige Par-oxysmen beunruhigten Nacht traten mehrere epileptiforme An-fälle ein, die sich Morgens mehrmals wiederholten; um 10 Uhrtrat ein so intensiver Anfall ein, dass Patient in demselben ver-schied.
Den neueren Anschauungen über den eigentlichen Sitzdes Krankheitsherdes entspricht die Therapie mit Curareund Curarin nicht. Man könnte sie allenfalls symptomatischnur gelten lassen bei schmerzhaften Muskelkrämpfen undperipherischen Neuritiden. Im Feldzuge 1870/71 ist sie ab-solut nicht bewährt gefunden worden.
Das früher neben dem Opium gebräuchlichste Arznei-mittel gegen den Tetanus, der Tabak, fand im Kriege1870/71 nur in vier Fällen Verwendung. Davon genas einKranker in dem Reservelazareth zu Aachen, Mariahilf-Hospital. Dieser hatte am 1. September 1870 eine Schuss-fraktur des linken Unterschenkels erlitten. Der Beginndes Starrkrampfs fiel auf den 25. September, also in einerelativ günstige Zeit. Da in fünf anderen Fällen von Wund-starrkrampf in demselben Lazarethe durch Chloralhydratnur eine vorübergehende Wirkung erzielt war, so wandteman bei ihm Klystiere von Tabaksblättern à Es G. an.Er bekam deren 45 und war nach drei Wochen geheilt.
Curling hielt den Tabak für das beste Heilmitteldes Tetanus, da er von 19 damit behandelten Fällen 9 ge-nesen sah.
Das Lehrbuch von Canstatt-Henoch aus dem Jahre1855 bezeichnet den Tabak als das wirksamste Mittel inder Kur des Starrkrampfs.
Demme sagt, er habe wiederholt entschieden günstiJEinwirkungen von diesem Medikament gesehen, doch j-'nur in zwei der von ihm aus dem Italienischen Kriege zii[sammengestellten Fälle Tabak neben anderen Mittelnbraucht worden, ohne dass Heilung folgte.
Lentz spricht sich so aus: „Ich glaube, der Tabak Iist mit Recht mehr und mehr verlassen worden. Die BolBÎrung ist eine höchst unsichere wegen des ungleichmässigeJNikotingehaltes der Blätter: bei zu starken Gaben treta!wegen der ausserordentlichen Giftigkeit des Nikotin leicltlgrosse Gefahren für den Kranken ein, und endlich beslbei vielen Menschen eine ganz eklatante Idiosynkrasie gegen!dieses Mittel, in Folge dessen schon kleinere Dosen gefalirjdrohende Erscheinungen hervorrufen."
Ueber einige weitere, im Feldzuge nicht im Gebraucllgewesene Arzneimittel Folgendes: Bromkalium ist vPanthel zusammen mit Chloralhydrat mit gutem Résultaigegeben worden.
Durch Amyluitritinhalationen erzielte Pick eimlzwar grosse aber nur vorübergehende Erleichterung; audiCampbell vermochte damit den tödtlichen Ausgang nicht Iabzuwenden.
Tartarus stibiatus, Tinctura Aconiti, AconitinlTinctura Colchici gab man auch ganz vereinzelt nebeanderen Arzneien im Feldzuge, ja selbst in einem FallStrychnin.
Canabis indica, Arsenik und Blausäure gehörnlin der Tetanustherapie der Vergessenheit an.
Für die energische Anwendung der Kälte spsich von den Deutschen Kriegschirurgen Niemand aus. SJwiesen selbst die vorsichtigsten kalten Uebergiessungen iilwarmen Bade von der Hand, da durch die plötzlicheWirkung der Kälte heftige Konvulsionen ausbrachen.
Von Larrey wird ein Fall beschrieben, bei welchen!nach dem dritten Bade heftige Muskelkrämpfe erfolgten 1der Tod eintrat.
Morgan verlor einen Tetanischen im kalten BîElliotson einen anderen nach einer kalten Begiesswi?|Romberg will von der Kälte nichts wissen.
Auch die warmen Bäder erfreuten sich keiner ^«1ehrung. Sie beseitigten oder milderten weder die Muskel!starre noch waren sie schmerzstillend oder schlaferzeuge»|In Folge der Manipulationen mit dem Kranken machtesie dagegen die Reflexkrämpfe häufiger und verboten idann weiter von selbst.
De Haen und Hillary geben an, dass bei warmet|Bädern oft augenblicklich der Tod eintrete.
Rose erwähnt einen Fall, in welchem ein Kranke]dabei in der Wanne ertrunken ist.
Nur wenn die Reflexerregbarkeit nicht mehr gestrige«!ist und nur noch eine gewisse Steifigkeit in den Musketals Nachkrankheit besteht, kann man die warmenmit Nutzen anwenden. (Lentz.)