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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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V. Kapitel: Wundstarrkrampf.

Band VE

v. Beck, als das souveränste Mittel, indem es doch zeit-weise Ruhe verschaffte, Wirkungen, die er dem Chloralabsprach. Eine Heilung unter dem ausschliesslichen Ge-brauch von Morphium sah er bei einem Turko, welcheram 7. Tage nach einer Granatverletzung der Schulter mitFraktur und Verletzung der Hand Tetanus bekam. DerVerlauf gestaltete sich bei Morphiuminjektionen chronisch;es bildeten sich nach 3 Wochen die Erscheinungen zurück.Die folgende Beobachtung stammt aus dem 6. Feld-lazareth IV. Armeekorps.

LXXXI. Musketier Mathias 1. Thüringisches Infan-terie-Regiment No. 31 hatte am 22. November 1870 einenHaarseilschuss an der linken Bauchseite erlitten. In den erstenTagen des Dezember begann der Starrkrampf. Der Patient er-hielt von vornherein häufige subkutane Morphium-injektionen. Die Krankheit verlief, obgleich die Masseteren,die Nacken- und Rumpfmuskeln bretthart waren und die Starreauch auf die Extremitäten übergriff, bis zur Heilung fieberlos.

Der bei Weitem grösste Theil der Feldärzte sprachsich nach üblen Erfahrungen gegen die Opiate aus.

Curling gab in 84 Fällen Opium in verschiedenerForm und in Verbindung mit anderen Mitteln. 45 genasen.

Mac Grigor hält nach seinen reichen Erfahrungendas Mittel für unwirksam, Travers dasselbe sogar fürschädlich.

Demme ist ein grosser Verehrer des Opiums. Unterseinen 5 Heilungen ist aber kein Fall, in welchem Opiumausschliesslich angewendet war. Im Gegentheil sind nocheine ganze Reihe anderer Heilmittel gegeben worden, denenvielleicht ein grösserer Antheil an dem guten Erfolge, alsdem Opium, beizumessen ist: Bäder, Begiessungen, Bella-donna, Quecksilberfriktionen etc. (Lentz.)

Dass ungeachtet enormer interner Opium- und Mor-phiumgaben keine Narkose erzielt wurde, konnte häufigbestätigt werden.

Es lässt sich diese Erscheinung dadurch erklären, dasseinmal grössere Dosen Opium an sich erforderlich sind,um den Erregungszustand des Grosshirns zu beseitigen undandererseits dadurch, dass das Opium sehr bald die Magen-schleimhaut so abstumpft, dass es nicht mehr resorbirtwerden kann, daher ungelöst bleibt.

Friedrich, Rose und Neudörffer citiren eine grosseAnzahl von Fällen, in denen ohne Intoxikationserscheinungenkolossale Quantitäten Opium verwendet wurden. Murraygab 600 G. Opium, ohne Schlaf und Krampfminderungzu erzielen, Mackey in 24 Stunden 100 G., B alleystündlich O.i G. Opium. (Lentz.) Verfasser reichte inb' Tagen einem Tetanischen lO.s G. Opium und 1.6 G.Morphium, letzteres subkutan, und sah nur kurz dauernden,periodischen Nachlass der Reflexkrämpfe und kurzen Schlaf.

In der Litteratur existirt eine ziemliche Anzahl vonAngaben über Heilungen durch Morphium, aber eine nochgrössere von Misserfolgen. Fick und Demarquay hatten

positive, Rose negative Resultate, nur einer seiner Patientengenas, aber dieser hatte bloss O.oi G. Morphium bekommen,

Wenn es wahr ist, dass im Tetanus die Resorptions-kraft der Magenschleimhaut herabgesetzt ist, so liegt dieMöglichkeit nahe, dass mit dem Nachlass des Starrkrampfsdurch die nun erfolgende Resorption des Narkotikums eintVergiftung eintritt. Lentz meint, dass sich so vielleichtmanche Fälle erklären lassen, die unter den Erscheinungendes Kollapses schliesslich zu Grunde gehen. Er verwirftdeswegen die Darreichung von Opium und Morphium, welcheMittel sich schon ihrer anfänglich excitirenden Wirkungwegen wenig empfehlen, ganz und gar.

Betreffs ihrer allgemeinen Wirkung stimmen die Opiate,Chloroform und Chloralhydrat im Grossen und Ganzenüberein. Das Chloralhydrat hat vor den übrigen den Vor-zug, dass das Erregungsstadium in den meisten rallengänzlich fehlt, sonst aber viel kürzer ist als bei jenen,Dagegen hat das Chloralhydrat, obwohl es einen längerdauernden Schlaf, als das Chloroform herbeiführt, den Nach-theil, dass die Sensibilität bei dem so erzeugten Schlafweniger herabgesetzt ist, als beim Chloroformschlaf. AlsUnterstützungsmittel des Chloroforms und Chlorais wird mitVortheil das Morphium verwandt. (Lentz.)

Das Chloralhydrat wird von der Magenschleimhautauch im Tetanus resorbirt, wenigstens sind gegentheüigeBeobachtungen nicht bekannt, und kann bei starker Kiefer-klemme mit Vortheil als Klysma eingeführt werden.

Sehr gefährlich sind aber intravenöse Einspritzungennach dem Vorgange von Oré und müssen verdammt werden,

Eine grosse Beliebtheit hatten bereits vor dem Beginnedes Krieges 1870 die Präparate der Calabarbohne in derTetanustherapie gefunden. Watson, welcher das Calaharin 6 Fällen traumatischer Herkunft in Gebrauch zog, hattegeradezu erstaunliche Erfolge. Er erreichte nämlich bei5 Kranken Heilung; dem sechsten Kranken konnten nurmit Mühe wenige Tropfen Calabartinktur beigebracht wer-den, ehe er starb.

Bis zum Jahre 1871 waren nach Husemann von 12in der Litteratur verzeichneten Fällen 9 durch Calabar inGenesung übergeführt worden.

Ausser durch Lücke, Fischer, Stoll fand das Cala-barextrakt im Feldzuge 1870/71 noch in mehreren Laza-rethen in Feindes- und Freundesland Verwendung. Nirgendsist von einer Heilung des Tetanus durch das Mittel dieRede; die meisten Autoren sprechen ihm sogar trotz kon-sequenten Gebrauchs jede symptomatische Wirkung ab.

Eilert, welcher es später versuchte, setzt grosses Ver-trauen in das Calabarextrakt und räth zu einer Kombinationdesselben mit Chloralhydrat, in der Hoffnung, dass dieCalabarinjektion die durch das Chloralhydrat hervorgerufeneWirkung fixiren werde, ähnlich wie Morphium die Chloro-formwirkung fixirt. Von den Alkaloiden der Calabarbohnekönnte dasPhysostigmin oder Eserin nach den Untersuchungenvon Binz, Hesse, e in Dosen von O.ooi G. und mehr bei