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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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V. Abschnitt: Behandlung.

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einander stehend, konnten nur wenig geöffnet werden. Gesichts-farbe intensiv roth; Augenbindehaut injizirt; Pupille sehr gross.Zwischendurch traten heftigere Krampfanfälle unter dyspnoischenErscheinungen auf. In angegebener Weise zeigten sich diekrankhaften Symptome bis zum Schluss der ersten Woche desJanuar. Im Beginn des Leidens ward Morphium, O.ois Gr.pro dosi, 2 3 mal täglich je nach der grösseren In- und Exten-sität der krankhaften Erscheinungen, gegeben. Dieses Medi-kament hatte wohl Erleichterung, aber keine wesentliche Besse-rung der Krankheit im Gefolge; vom 24. Dezember an warddaher Chloralhydrat, 4 G. in 30 G. Wasser gelöst,auf 2 mal zunehmen" verordnet; nebenher wurden zwei 0.015 G. enthaltendeMorphium pul ver gereicht. Mit dieser Behandlung ward kon-bequent fortgefahren; Patient zeigte wahrhaftes Verlangen nachder Arznei; bei jeder Visite erinnerte er, dass ja die Wieder-bolung derselben nicht vergessen würde. Uebrigens bildetePatient trotz seiner unglücklichen Lage den Mittelpunkt desAmüsements für die übrigen Kranken der betreffenden Stube.Seine Hauptklage war, dass er bei erschrecklichem Hunger nichtsOrdentliches, um seine Worte zu gebrauchen, kauen und schlingenkönne; wenn er nur erst mal ein gehöriges Beefsteak herunter-bringen könnte, dann, meinte er, sollte sich die Krankheit schonbald machen.

Am 9. Januar trat nach vorheriger scheinbarer Besserungdes krankhaften Zustandes ein äusserst heftiger Anfall, ganzplötzlich, gerade bei der ärztlichen Visite auf; Gesicht blauroth,aufgedunsen ; heftiger Schüttelkrampf am ganzen Körper ; Schaumvor dem Munde; Kiefer schienen vollständig geschlossen; gänz-liche Bewusstlosigkeit. Man hätte versucht sein können, denaugenblicklichen oder wenigstens nahen Tod zu prognostiziren ;indess nach wenigen Minuten milderten sich die Erscheinungen,Patient kam bald wieder zu sich; der Mund konnte etwas ge-öffnet werden. Es ward nun mit der Gewichtsmenge des Chloral-hydrats gestiegen, man Hess 8 G. Chloralhydrat in 60 G. Wassertäglich auf viermal" nehmen; Abends wurde noch ein Schlaf-pulver gereicht. Den dritten Tag verordnete man dieselbeGewichtsmenge Chloralhydrat (8 G. in 60 G. Wasser), Hess indessdavon die Hälfte auf einmal nehmen. Es folgte ein intensiver,langdauernder Schlaf, bei dem es dem Beobachter ängstlichwerden musste; daher wurde das Mittel ganz ausgesetzt undnur ein Morphiumpulver Abends gereicht. Es zeigte sich baldeine sehr erhebliche Besserung; der Mund konnte bedeutendweiter geöffnet, der Kopf etwas aufgerichtet werden. Die Aende-rung und Besserung des Zustandes nahm von Tag zu Tag zu;Puls, der während der Höhe der Erkrankung meist 90 bis 100Schläge gehabt, ward und blieb ruhig. Der Körper fühlte sichnicht mehr so heiss an wie bisher; die thermometrischenMessungen, wegen Mangels genügender Anzahl von Instrumentenbei grossem Krankenbestande nicht täglich gemacht, ergabenauf der Höhe der Krankheit zumeist 3940°; die Temperaturfiel jetzt auf 37°. Endlich kehrte auch die bis dahin stets ver-grössert gebliebene Pupille zur Norm zurück und Patient konntemit dem Ende des Januar als geheilt betrachtet werden.

(Sitzungsprotokoll der miiitärärztlichen Gesellschaft zuOrleans vom 19. Februar 1871.)

LXXYII. Zu einer am 26.November 1870 erlittenen Schuss-traktur der Fusswurzelknochen gesellte sich bei dem Musketierkngeler 6. Rheinisches Infanterie-Regiment No. 68 zehnläge nachher Tetanus. Die Kur bestand zuerst in Darreichungvon Morphiuminjektionen und warmen Vollbädern. Der Zu-stand blieb zehn Tage lang unverändert, dann gab man Chloral-hydrat in bedeutenden Dosen und es ermässigten sich jetztdie Krampfanfälle und nahmen, während die Wunde heilte,schliesslich ganz ab.

LXXVI1I. Chloralhydrat in sehrgrossenGaben erwiessich auch hilfreich im 6. Feldlazareth VIII. Armeekorps bei einemVerwundeten mit Schuss in den Unterleib und Bildung einesanus praeternaturalis, bei welchem der Tetanus am dritten Tagenach der Verwundung ausgebrochen war.

LXXIX. Chloralhydrat per o s et per an um erhielt derKanonier Anton Als Rheinisches Feld-Artillerie-RegimentNo. 8, als in der zweiten Woche nach seiner VerwundungFleischschuss des Unterschenkels Tetanus auftrat. Er wurdegerettet.

Das in seiner Wirkung dein Chloralhydrat «ehr nahestehende Chloroform, welches sich durch seine für einenTetanischen besonders bequeme Aufnahme durch die Lungenin der Behandlung des Starrkrampfs eines guten Rufs er-freute, kam im Ganzen selten während des Krieges in Ge-hrauch. Einige Male äusserte es absolut keine Wirkung,war trotz fortgesetzter Einathinung nicht im Stande, Ruheund Nachlass der Krämpfe herbeizuführen.

Andere Male versetzte es den Kranken schnell in Nar-kose, in welcher die Reflexkrämpfo aufhörten und die Starrewich. Mit dem Erwachen war aber gewöhnlich die Chloro-formwirkung vorbei und die Anfälle kehrten wieder, oftmit verstärkter Intensität. In ganz sparsamen Fällen hör-ten die klonischen Krämpfe und die Starre sogar eher auf,als vollständige Anästhesie eintrat.

Auch von Heilungen durch Chloroforminhalationenwird berichtet. In einem Feldlazareth heilte der Tetanus,welcher einen unerheblichen Muskelschuss des Unterschen-kels komplizirte, nachdem der Verwundete zwei Tage langununterbrochen durch Morphium und Chloroform in Narkosegehalten war.

LXXX. Der Musketier Friedrich Wilhelm Lindenauaus Königsberg erhielt einen Schuss in den Fuss. Vier Wochennach der Verletzung trat ein Anfall von Trismus und Tetanusein. Eine Woche später wurde die Kugel entfernt. Tags daraufwiederum Wundstarrkrampf. Zuerst Chloralhydrat. Als dieswirkungslos, Chloroforminhalationen. Patient verbrauchte in24 Stunden 240 G. Chloroform und setzte dies 12 Tage ununter-brochen fort, so dass beinahe 2900 G. in Anwendung kamen.Er wurde von seinen Leiden geheilt. (Bericht des LazarethsDessau.)

Ausser den angeführten scheinen kontinuirliche tage-lange Chloroforminhalationen im Feldzuge nicht in Ge-brauch gewesen zu sein.

v. Dusch räth, die Kranken Tage, selbst Wochen langim Rausche zu erhalten. Simpson that dies bei einemKinde 13W T ochen lang und verbrauchte 3000 G. Wagnersah einen Fall von Tetanus mitis nach 38 Inhalationenheilen.

Gegen die von anderer Seite vermutheten Gefahreneiner chronischen Chloroformvergiftung erklärt sich v. Nuss-baum entschieden. (Lentz.)

Nächst dem Chloralhydrat waren die Opiate bei denDeutschen Kriegschirurgen als Mittel gegen den Tetanusam meisten in Gebrauch. Das Morphium erwies sich, sagt