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V. Kapitel: Wundstarrkrampf.
Band TU
von der subkutanen Injektion ab. Für die Beurtheilungdes Wertlies der Chloralbehandlung können daher nursolche Fälle herangezogen werden, welche sich wenigstenseinigermaassen an die Vorschriften des Entdeckers hielten.
Fischer fand es in einem Falle ganz wirkungslos, ineinem andern erzielte er durch dasselbe eine andauerndeNarkose, in einem dritten Heilung.
So ein, der es mit subkutanen Morphiuminjektionenverband, sah jedesmal Schlaf und dadurch Erschlaffung derstarren Muskeln eintreten. Einmal hatte er den Eindruck,dass diese Medikation zu der ungewöhnlichen Verlängerungder Krankheit und des Lebens wesentlich beitrug. Jedesmal,wenn es gelang, dem Unglücklichen ein grösseres QuantumChloral mit einem elastischen Rohr durch Mund oder Naseund, wenn dies nicht anging, per anum beizubringen, trateneinige Stunden Ruhe, selbst tiefer Schlaf ein. Beim Er-wachen konnten die sonst ganz fest auf einander gepresstenZahnreihen für kurze Zeit auf einige Linien geöffnet werden,was die Ernährung noch leidlich ermöglichte. Böttgerschaffte bei dem Musketier Lindenau (LXXX) zuerst durchinterne Anwendung von Chloralhydrat Erleichterung, späterbei Applikation in Form des Klystiers aber keine. Wirkungs-los war das Mittel in grossen Dosen in den Fällen XXV,CXXX1X, CXL1X von Kirchner. Trotz reichlicherDosen Chloral im Verein mit Morphium starben auch5 Verwundete im Reservelazareth Coblenz an Tetanus.Ein verwundeter Württembergischer Infanterist NamensGroesch erhielt zur Beseitigung des Starrkrampfs imLazareth zu Ems täglich 10. o G. Chloral und O.i G. Mor-phium, hatte aber auch in der Narkose Krämpfe und starb.Im 10. Feldlazareth IL Armeekorps, im 4. FeldlazarethIII. Armeekorps, im 2. Feldlazareth XL Armeekorps, imEtappenlazareth zu Coulommiers konnte man mit demChloral Nichts erreichen, ebenso nicht im Allerheiligen-Hospital zu Breslau, im Barackenlazareth Berlin.
Im Februar 1871 starb im 4. Feldlazareth X. Armee-korps zu Vendôme ein Tetanischer, dessen Leiden im An-schluss an eine Oberschenkelamputation sich entwickeltund bei verhältnissmässig gutem Wundaussehen 4 Wochengedauert hatte. Chloralhydrat per os et per anum hattezwar einen auffälligen aber immer nur einen vorübergehendenErfolg gehabt.
Derartige vorübergehende Besserungen wurden sohäufig beobachtet, dass sich fast allgemein die Erkenntnissgeltend machte, durch das Mittel könne wenigstens dasSymptom der tetanischen Starre, dessen Bedeutung zurGenüge besprochen ist, mit beinahe stetem Erfolg ange-griffen werden. Auch die Reflexkrämpfe erlitten durch Ein-tritt von Schlaf fast immer eine Unterbrechung, der Kranke' konnte sich erholen, der Nahrungszufuhr stand nichts imWege. Auf diese Weise gelang es, den raschen Eintrittdes Todes zu verhüten, die Schmerzen zu mildern, denUnglücklichen in ein erträgliches Dasein zu versetzen.Erweckte diese vorübergehende Besserung schon ein ge-
unbedeutende tetanisekeinzige Gabe Chlor.
wisses Zutrauen, so erwarb sich das Chloral durch euReihe von Heilerfolgen ein noch grösseres Ansehen.
LXXV. Im Reservelazareth I. (Kriegsschule) Hannoveram 20. Dezember 1870 ein Tetanuskranker (Ulan) Aufnahme,welcher am 12. Dezember ejd. bei Orléans einen Fleischicliibdes rechten Vorderarms erlitten hatte und während der Eisenbahnfahrt vom Starrkrampf befallen war. Nach Einführuu:eines flachen Holzkeils zwischen die Zahnreihen gelang es, detPatienten dauernd kräftig zu ernähren. Er wurde durch Chlordin Tagesdosen von 15—20G. fast ununterbrochen in Sehtgehalten. Die krampfhaften Erscheinungen hatten bereits nach-gelassen, als am 4. Januar 1871 zwei Tuchfetzen aus derWunientfernt wurden. Am 7. Januar war Patient, welcher das Chloralin denselben Gaben weiter gebraucht hatte, nicht recht zuBewusstsein zu bringen. Daher vertauschte man nun die Medkation mit geringen subkutanen Morphiumdosen, O.oi zweimitäglich. Die darauf folgende Nacht mehrte sich aber die Unrnkdes Verwundeten, und am 8. Januar war eine bedeutende VaStärkung des Wundstarrkrampfs nachzuweisen, weswegenfrühere Therapie wiederum in Anwendung kam. Eine Hypo-narkose mit Athemnoth erforderte am 12. Januar von XeueiAussetzen des Chlorals und den Gebrauch von ExcitantkKampher, Wein. Die Besserung war indess soweit vorgeschrittidass nur noch am 13. Januar einigeZufälle wiederkehrten und durch einebeseitigt wurden. Der Kranke konnte, nachdem auch seine Y\ munter feuchten Kompressen und ein durch das Chloralhydratvozirter schwerer Magenkatarrh beseitigt war, am 20. Jaraii1871 als völlig geheilt betrachtet werden.
LXXVI. Heinrich Rühling, Füsilier im Braunschittgischen Füsilier-Regiment No. 92, ward am 10. Dezember Kbei Beaugency durch eine Kugel in den rechten Vorderarm gltroffen. Das Geschoss drang in der Volarseite zwischen beidaVorderarmknochen unterhalb des Ellenbogengelenks ein und |ziemlich entsprechender Stelle, mehr nach der Ulnarseiteaus. Der Ulnarknochen ward gestreift; beide Wunden, besoudie der Ausgangsöffnung ziemlich gross, ziemlich heftige Blutawie Patient angiebt; ängstlich ob der Blutung, eiltenach kurzem Verbleiben auf dem Schlachtfelde nach der'/a Stunde davon entfernt gelegenen Stadt. In einem Haiangekommen, fiel er ohnmächtig nieder; ein Französischerstillte die Blutung und liess gekühlte Charpie auflegen,nächstfolgenden Tage verliefen im Ganzen günstig, ausgenommein massiges Gefühl von Brennen an der verletzten Stelle,Patient über nichts zu klagen, guten Appetit und Schlaf.15. Dezember ward er auf Französischem Karren nach Orlé«in die Caserne de l'Etappe transportirt; der Transportca. 8 Stunden; Patient empfand weder Schmerzen noch FroäIm Lazareth angekommen, fühlte er sich wohl; die Wunde eitelmassig; ein kleiner Knochensplitter kam aus der Ausgan*Öffnung des Schusskanals; das Einzige, was Patient empwar, dass er mehr als gewöhnlich, besonders zur NachtzeitUriniren genöthigt ward. Leicht bedeckt stand er daher nmais zur Nachtzeit auf und öffnete das Fenster, um durch die-hinaus zu uriniren. Dies Moment dürfte um so erhehlic«'!sein, als Patient sein Lager gerade nahe dem geheizttiOfen hatte. DieNächte waren damals bereits ziemh'|kühl; der Wechsel der Temperatur musste sich um so fühlbamachen.
Am 18. Dezember, also 8 Tage nach der Verletzung, f¡Patient leichte Beschwerden beim Kauen und Schlingen; be:am folgenden Tage stellte sich Trismus, darauf TetanusOpisthotonus ein; Kopf nach hinten gezogen, Kiefer start