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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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Band Vu.

V. Abschnitt: Behandlung.

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dem Suchen nach Kugeln 1 ) dürfte vielleicht für die Pro-phylaxe des Tetanus wenigstens etwas Gutes haben, kannjedoch selbstredend anderer deletärer Polgen wegen nichtgebilligt werden. Die Gefahren der Reizung der Wundendurch Vielgeschäftigkeit scheinen aber von manchen Chi-rurgen in Bezug auf die Aetiologie des Starrkrampfs zuhoch angeschlagen zu sein. Nur äusserst wenige Tetanus-falle des Feldzuges lassen der Vermuthung Raum, dass siein einen Zusammenhang mit den nicht glücklich gewähltenBehandlungsweisen zu bringen seien.

Die chirurgische Behandlung des Tetanus hat in denletzten Jahren noch eine Bereicherung durch die Nerven-dehnung erfahren.

Kocher dehnte bei einer Verletzung des linken grossenZehen durch eine in der Cutis 7-> cm tief steckende Kiefer-nadel am ö. Tage des Tetanus den n. tibialis posticus.Danach erschlafften die Muskeln des betreffenden Gliedesbei andauernder tonischer Spannung der Muskeln desEumpfes und der anderen Seite. Die Anfalle, zuerstseltener, nahmen am nächsten Tage wieder zu, und 2 Tagedarauf erfolgte der Tod.

Voigt' s Kranker hatte durch Auffallen eines Steineseine Verletzung der rechten Mittelhand erlitten. 15 Tagespäter Trismus und 2 Tage darauf Tetanus, später nochklonische Krämpfe. Am 10. Tage nach Ausbruch desStarrkrampfs fand Voigt eine frische wulstige Narbe inder rechten Hohlhand, auf dem Handrücken eine gutgranulirende Wunde. Weder Narbe noch Wunde, nochderen Umgebung, noch die Nervenstämme am Vorder- undOberarm bei Druck empfindlich. Am Halse dagegen wardie Gegend des plexus brachialis auf Druck sehr schmerz-

! ) Vergl. hierzu III. Band dieses Berichtes, Allgemeiner Theil,I S. 36.

haft, so dass Patient zusammenzuckte und gleichzeitigtonische Krämpfe der Nackenmuskeln sich einstellten.

Voigt trennte nun die Hohlhandnarbe durch Kreuz-schnitt, umschnitt den Narbenrand auf dem Handrückenund dehnte den plexus brachialis. Als Patient aus derNarkose erwachte, war der Tetanus beseitigt und blieb esauch, nachdem noch zweimal vorübergehende kurze Krämpfein den Nacken- und Rückenmuskeln dagewesen.

Dehnung verursacht bekanntlich eine Herabsetzung derErregbarkeit des Nerven. Kocher glaubt, dass durch dieDehnung Adhäsionen zerrissen werden, welche eine be-ständige mechanische Reizung des Nervenstammes unter-halten. Voigt ist der Ansicht, dass durch die Dehnungeine Lockerung und Verschiebung des Nerven in seinerUmhüllung bedingt wird, welche mit einer Veränderungin der Gefässverbreitung am Nerven verknüpft ist, die sichnach einigen Wochen wieder völlig ausgleicht. (Lentz.)

Bardeleben, Küster, Hahn u. A. haben von derNervendehnung nur Misserfolge gesehen.

Dennoch wird sie von Müller und Ebner warmvertreten.Eine Vitalindikation zur Nervendehnung",sagen sie,giebt der traumatische Tetanus ab. Bei ihmwerde die Operation möglichst frühzeitig vorgenommen,und zwar schon bei den allerersten Reizungserscheinungen,nicht erst als ultimum refugium, nachdem Opium, Chloral-hydrat, Morphin und Bromkali vergeblich versucht wurden.Man beherzige das:Carpe diem, quam minimum crédulapóstero." Es können ja ganz gut trotz und neben derfrühen" Nervendehnung auch die genannten Medikamenteverabreicht werden, wozu wir sogar rathen möchten.Bei frühzeitiger Vornahme der Dehnung grosserNervenstämme dürften sich auch beim traumatischenTetanus die bisherigen Misserfolge verringern."

II. Medizinische und diätetische Behandlung.

Von der medizinischen Behandlung des Wundtetanus|un Felde sagt Eilert im Hinblick auf seine Erfahrungenifährend des Krieges 1870/71:Ebenso ist es wahrhaftI erstaunlich, wie verschieden man den Tetanus an ver-schiedenen Orten auch in diesem Feldzuge wieder behan-delte. Uebereinstimmende Behandlungsmethoden findet|nian kaum irgendwo."

Es kann nicht Wunder nehmen, wenn man eine Wund-komplikation, welche mit Fischer eher eine Todesart alseme Krankheit der Verwundeten genannt werden darf,unter Obenanstellung des therapeutischen Grundsatzesnonnocere", mit allen erlaubten Hilfsmitteln der Therapie zubekämpfen versucht. Den Feldlazarethen in Frankreich ging

1870 ein Separatabdruck des Artikels von Liebreich inder Berliner klinischen Wochenschrift desselben JahresNo. 43 zu, in welchem von dem als direktes Heilmittelbei Strychninvergiftung erprobten Chlor alhydrat auchfür den Tetanus sichere günstige Resultate erhoift wurden.Begreiflicherweise bemächtigte man sich mit grosser Er-wartung des neuen Medikaments, und es kam, entgegender E il er t'sehen Vermuthung, eine Zeitlang zu einer viel-fach übereinstimmenden Behandlung des Wundtetanus.Dabei war nur zu bedauern, dass man sich in Bezug aufdie therapeutische Methode wenig um dieLiebreich'schenVorschriften bekümmerte. Er verwarf ausdrücklich einekleine Dosis und ein stundenweises Einnehmen, rieth auch

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