Band VIL
IV. Abschnitt: Symptome-und Verlauf.
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Demnach starben in den ersten 4 Tagen 118 und nachdem 4. Tage 65, in den ersten 8 Tagen 159 und nachdieser Zeit 24 von 183 Tetanuskranken. Der Hippokra-tische Aphorismus hat danach viel für sich. Beim Wund-starrkrampf wächst die Aussicht auf Genesungnach dem Ablauf der ersten 4 und noch mehr nachdem Ablauf der ersten 8 Tage.
Zu einem ähnlichen Resultat kommt auch Sims, dernach dem 7. Krankheitstage die Hoffnung auf Heilung zulässt.
Während die Todesfälle in dem ersten Krankheits-abschnitte meist auf Rechnung der Krampfparoxysmen,ihres üebergreifens auf die Athemmuskeln, sowie auf dieLeistungsunfähigkeit des Herzens den enormen Widerständengegenüber kamen, sahen unsere Kriegschirurgen den Todin den späten Stadien häufiger unter dem Bilde der Er-schöpfung, des Collapsus, eintreten.
XLV. Jean Meinguce 1 ) erlitt am 16. August 1870 eineSchussfraktur des rechten Unterschenkels, dicht über denKnöcheln. Eine längere konsequente Behandlung in einemDeutschen Feldlazarethe zu Doncourt war von geringem Erfolge.Als sich noch das Wundaussehen verschlechterte, musste am5. September die Amputation des Unterschenkels im oberenDrittheil vorgenommen werden. Blutverlust bei der Operationsehr gering. Der Verlauf der Heilung war ein durchaus un-gestörter. Bei gutem Allgemeinbefinden, massiger Eiterung undallmäliger leichter Lösung sämmtlicher Ligaturen, schritt dieVernarbung ununterbrochen fort, bis plötzlich, ohne nachweis-bare äussere Veranlassung und bei unverändert gutem Aussehender Wundfläche am 16. September Schmerzen im Stumpfe auf-traten. Hieran schloss sich Trismus und darauf Tetanus.Morphium. Sorgfältigste Diät. Die Vernarbung des Stumpfesschritt fort und war in der dritten Woche beendet. Nicht soder Tetanus. Zwar hatten am 20. Oktober die Krampfanfällean Intensität und Häufigkeit bedeutend abgenommen, aber dieKräfte schwanden mehr und mehr, und unter den Erscheinungendes Collapsus trat am 25. Oktober 1870 der Tod ein.
Die Heilung war nur dort eine plötzliche, wo mitder Entfernung von Fremdkörpern die Kranken mit einemSchlage, wie von einem Zauber, erlöst waren. SolcherBeispiele wurden zwei bei Socin und Ebmeier gefunden.Der Kranke S o ein's bekam am 11. Tage nach der Ver-letzung Kieferklemme, und von Ebmeier (VII) ist ausdrück-lich gesagt, dass sein Patient bereits tetanisch ins Lazarethaufgenommen wurde. Beide Verwundete waren also schonin einem vorgeschrittenen Krankheitsstadium, als mit derElimination der Kugel auch die Krankheit verschwand.Dasselbe gilt von dem Kranken Ulrich (VIH). Er hattevom 25. August bis 30. September Trismus und tetanischeAnfälle, welche vom Momente der Extraktion eines Kno-chenstückes nicht wiederkehrten. Eine unverkennbare,augenblickliche Besserung und rasche Heilung trat zwar auchin den Fällen V, VI und XI der Kasuistik, nach Entfernungdes Bleistückes bei Barthel, des Knopföhrs bei der ange-führten Granatsplitterverwundung am Unterschenkel, derKugel bei dem Soldaten Matz ein, aber die Krämpfe
') Vergl. V. Band dieses Berichtes, Seite 365, Fall 57.
hörten doch nicht ganz plötzlich auf, die tetanischen Stössewurden, wie dies mehr allmälig in den Genesungsfällenzu geschehen pflegt, rasch seltener und seltener und bliebenschliesslich, oft schon nach überraschend kurzer Zeit, ganzund gar fort.
Der übliche A'erlauf durch alltnälige Abnahmeder Reflexkrämpfe und der tonischen Starrebrachte es mit sich, dass meistens von einem bestimmtenHeilungstermine nicht geredet werden konnte. Ge-wöhnlich bediente man sich in den Berichten des Aus-drucks „chronische Besserung". Ein in der 6. Krankheits-woche ausgebrochener Tetanus heilte unter Chinin undMorphium innerhalb 3, ein anderer nach 5 Tagen.
Mehrere Fälle brauchten bis zur vollständigen Rekon-valeszenz 4—7 Wochen. Ein guter Theil der geheiltenFälle wurde als von vornherein leicht bezeichnet.
Man verstand darunter entweder, wie bei Mathias (LXXXI),ein Freisein von Fieber, oder aber ein Beschräuktsein dertonischen Starre nur auf wenige Muskelgebiete, wie indem 5. der geheilten Fälle v. Beck's, in welchem bei einemHessischen Füsilier 14 Tage nach der Verwundung einemehrtägige Kieferklemme entstand.
Als direkte Folgen des Tetanus während seinerDauer und nach seinem Ablaufe sind Lähmungen, wie sieanderwärts vereinzelt beschrieben wurden, im Feldzuge 1870/71nicht beobachtet worden. Ferdinand Hohns, Musketier desOstfriesischen Infanterie-Regiments No. 78, weicher am16. August 1870 eine Schussfraktur des rechten Ober-schenkels davongetragen und in Wiesbaden sieben Wochenlang am Tetanus krank gelegen hatte, zeigte Anfangs 1871eine Lähmung und Atrophie des rechten Unterschenkelsund Fusses, aber dieser Zustand konnte doch nur auf dieSchädigung bezogen werden, welche der durch Narben-induration gedrückte und funktionsunfähige nerv, cruraliserlitten hatte.
Julius Scholz, Gefreiter im Oberschles. Infanterie-Regi-ment No. 22, hatte am 30. September 1870 bei Chevilly vorParis einen Schuss in den linken Oberschenkel erhalten,war 4 Wochen lang an Starrkrampf bettlägerig gewesen,und hatte nach der Wundheilung im März 1871 eine aus-gesprochene Atrophie der ganzen Unterextremität zurück-behalten, welche sich aber nach dem zweimaligen Gebrauchder Bäder in Warmbrunn verlor. Gleicher Zeit litt eranfangs an einer unvollkommenen Lähmung der linkenHand. Der Fall ist bei den sekundären Lähmungen be-schrieben. Es handelte sich auch hier um eine direkteNervenverletzung und vielleicht um eine sogenannte Reflex-lähmung.
Ob Neuralgien, wie sie mehrfach nach überstan-denem Wundtetanus auf Jahre hinaus zurückblieben, inursächliche Beziehung zu der nervösen Allgemeinerkrankungzu bringen sind, ist schwer zu sagen. In Berlin lebenzwei Invaliden, der eine — Ehren traut — von Senator imstehenden Kriegslazareth Sacré-Coeur zu Orléans während