mm
»■■wroa
Band VII.
IV. Abschnitt: Symptome und Verlauf.
145
Die tonische Muskelstarre in ihrer charakteristischenAnordnung und Reihenfolge, das eigentlich pathognostischeSymptom des Tetanus, war in den meisten Fällen vonAnfang bis zu Ende der Krankheit eine anhaltende.Verschieden war aber während des Ablaufs derKrankheit der Grad der Starre, indem durch anfalls-ifeise Steigerung der Spannung mit nachfolgender Er-schlaffung der Muskulatur schmerzhafte Krämpfe mit heftigerErschütterung und starker Lokomotion einzelner Körper-theile zu Stande kamen.
Diese periodische Zu- und Abnahme der Starrewar die Folge der gesteigerten Reflexerregbarkeit,[Srwelche selbst die geringfügigsten peripherischen Reize sichausreichend erwiesen. Zuweilen fehlte aber die Steigerungder Reflexerregbarkeit während des ganzen Krankheits-vcrlaufes, zuweilen vermochte der Wille sie herabzusetzenoder ganz zu unterdrücken. Die Berichterstatter hebendiese Umstände mit besonderer Vorliebe hervor, vermuth-lich um dadurch zu zeigen, dass die Reflextheorie dasWesen des Starrkrampfs nicht erklärt.
Schon Cruveilhier hat diesen reflexhemmendenEinfluss des Willens therapeutisch benutzt, indem er ineinem Falle von starken krampfhaften Erschütterungen derAtliemmuskeln, besonders des Zwerchfells, bei welchem alleMittel erfolglos blieben, versuchte, der unwillkürlichenKontraktion der Muskeln eine willkürliche entgegenzusetzenund den Kranken rythmisch inspiriren liess. Der Erfolgentsprach seinen Voraussetzungen; solange der Patient dierhythmischen Inspirationen fortsetzte, blieben die Krämpfefort, kehrten erst nach immer länger werdenden Inter-vallen wieder und cessirten schliesslich ganz.
Kussmaul veröffentlichte 1871 einen Fall, bei welchemmit Wissen des Kranken applizirte Nadelstiche und Stichemit der Kanüle der Pravaz'schen Spritze keine Reflex-krämpfe hervorbrachten, wohl aber leichte unvorhergeseheneErschütterungen des Bettes.
Bertram beobachtete auf der Traube'schen Klinikeinen Tetanuskranken, bei welchem, wenn er sah, dass erberührt wurde, keine Reflexkrämpfe entstanden, den aberdie heftigsten Krampfanfälle befielen, wenn ihm der Schweissunversehens von der Stirn abgewischt wurde. (Lentz.)
Das Bewusstsein, im Allgemeinen bis zum Todeklar und ungestört, erlitt nur in zwei Fällen am TodestageStörungen. Die beiden Kranken, welche übrigens mitnarkotischen Medikamenten nicht oder doch nur in ganzgeringen Dosen behandelt waren, verfielen bei Fortbestandder Muskelkontrakturen in Sopor, schlugen die Augen auchl>ei starkem Zurufen nicht auf und delirirten. Dass imkünstlich erzeugten Schlafe, in welchem die Krämpfe,wie bekannt, gewöhnlich aufzuhören pflegen, der Tetanusandauerte, wurde ausserdem noch bei zwei anderen Ver-wundeten beobachtet.
Sanitäts-Bericlit über die Deutsche« Heere 1870/71. VII. Bd.
Im Allgemeinen geht der Tetanus traumaticus mitFieber einher. Beweisende Beispiele für den Verlaufdieses Fiebers zu liefern, sind sehr viele Fälle von Wund-starrkrampf aus dem Feldzuge nicht geeignet, da die durchWundkomplikationen bedingten Modifikationen der Eigen-wärme mit ins Spiel kamen.
Geringe Temperatursteigerungen bildeten dieRegel und zwar pflegte das Fieber den Charakter einerFebr. remittens mit den Exacerbationen in den Abend-stunden zu haben. Fräntzel sah das Thermometer beieiner mit Tetanus komplizirten Fleischwunde des Unter-schenkels nie bis auf 38° C. steigen, Schinzinger sprichtbei Landefeld, welcher ebenfalls einen Weichtheilschussdes Unterschenkels hatte, von sehr geringem Fieber:Ebmeier fand bei Starrkrampf im Gefolge einer Tibia-fraktur am Todestage 38° G In der Mehrzahl der ge-messenen Fälle bewegte sich die Temperatur gegen Abendmeist bis 39° C. Ganz fieberlös verlief der Tetanus beiMathias, obwohl die Masseteren, sowie die Muskeln desRumpfes und der Extremitäten bretthart waren. Sub-normale Temperaturen wurden einige Male beobachtet,so bei Metz, welcher am Todestage bei einer Pulsfrequenzvon 132 Schlägen eine Körpertemperatur von 36.5° C.hatte.
Ohne nennenswerthe Steigerung der Eigenwärmewar auch der Verlauf des Tetanus des Franzosen LeonMohier, dessen Krankengeschichte weiter unten (LI) gebrachtwird. Wie die Temperaturkurve sich graphisch darstellte,zeigt Zeichnung 1.
39
38
37
M.
3 /.1
Ab.
6 /ll
Ab.
M. 7/ " Ab.
Zeichnunar 1.
Nicht selten wurden aber auch während der Krankheithohe Temperaturen aufgezeichnet.
In Görlitz beobachtete man Temperaturen von 40°;beiRühling (LXXA1) stieg das Fieber zu gleicher Höhe undhielt sich auf der Akme der Krankheit zwischen 39—40° C.
Güterbock's Kranker im Vereinslazareth zu Berlinhatte zwischen 38.5 und 40° C.
Der Autor fertigte von einem Tetanus im Anschlussan einen Hals- und Nackenschuss, der aber nur die Weich-theile betroffen hatte, eine in Zeichnung 2 wiedergegebeneKurve an. (Siehe nächste Seite.)
19