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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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V. Kapitel: Wundstarrkrampf.

Band VE

der Muskulatur in der Umgebung der fast vernarbten Wunde,ohne Kiefer klemme, Nackenstarre und hochgradige Ri-gidität der Bauchmuskeln gesellt habe. Das zweite Malblieb ein Verwundeter, welcher einen Schuss in den rechtenOberschenkel und einen Streifschuss am rechten Vorderarmbekommen hatte, während der eintägigen Dauer des Tetanusgleichfalls vollkommen von Trismus frei.

Häufiger waren die Fälle, in denen der tetanischeKrampf zuerst die Muskeln der verwundeten Ex-tremität ergriff. Ausser dem eben citirten Lewandowiczführt So ein noch an den

XXXVII. Gil Ali ben Adur; Schuss in die Wade, am22. Tage Zuckungen im Oberschenkel, die ganze Extremitätgespannt, Fuss in Spitzfussstellung, am 24. Tage brettartigeHärte der Bauchwand, am 25. Tage Starre der Rückenmuskeln,am 26. Tage Trismus und Opisthotonus

und

XXXVIII. den Bart hei; Schuss durch den oberen Theildes Radius; Ende der dritten Woche Rigidität der Arm-muskulatur, dann Gefühl von Spannung in den Kiefermuskeln,ohne dass das Oeffnen des Mundes behindert war, demnächstKontraktur des linken Kopfnickers und linken pectoralis major,am 26. Tage Starre der Bauchmuskulatur.

Aus dem 1. Feldlazareth V. Armeekorps geschahbereits ausführlicher des Johannes Böhmer XV Er-wähnung, welcher bei einer Schussfraktur des condyl. intern,hum. dext. zwei Tage vor Anfang des Trismus spastischeKontrakturen in der Muskulatur des verletzten Oberarmszeigte.

Der Füsilier Dülz, dessen Krankengeschichte weiterunten (XL11I) mitgetheilt wird, bekam am 4. Februar 1871 beijeder Berührung tonische Reflexkrämpfe in der Muskulaturdes verwundeten Schenkels, Abends Trismus, nächsten TagsOpisthotonus und starb am 14. Februar 1871, ohne dassallgemeiner Tetanus eingetreten war.

Dieser letzte Fall erinnert an eine von Stromeyerin seinen Maximen der Kriegsheilkunde niedergelegte Ge-schichte eines Kranken, bei dem es ungeachtet des tödt-lichen Ausgangs doch nur zu einem unvollständigen Trismusohne Tetanus universalis kam.

Curling führt 4 Beobachtungen von dem Beginnen desTetanus in dem verletzten Gliede an und citirt einen Fall vonDupuytren, in welchem die Muskeln der verwundetenExtremität anhaltend und schmerzhaft kontrahirt waren,als noch kein anderer Theil des Körpers aftizirt war.(Lentz.)

Mit Schmerzen in der Wunde und ihrer Um-gebung debutarte der Tetanus namentlich dann, wennFremdkörper in den Wunden liegen geblieben waren oderKnochenstücke sich in die Weichtheile gebohrt hatten.Man begegnet diesen Reizerscheinungen in einem gutenTheil der Krankengeschichten. Die Schmerzen verbandensich nicht selten mit klonischen Zuckungen der ge-troffenen Muskeln und ihrer Nachbarn, manchmal von einer

Intensität, dass die Gliedmaassen in die Höhe geschnelltwurden und zu den alten Schäden neue hinzugefügt wurden.So bei

XXXIX. Stapelfeld, 2. Hanseatischen Infanterie-Regi-ments No. 76, 5. Kompagnie, welcher am 2. Dezember 1870 eineSchussfraktur des Oberschenkels im oberen Drittheil erlittethatte. Nachdem schon einige Zeit im verletzten Gliede heftigeSchmerzen vorausgegangen waren, begannen im 10. Feld-lazareth XL Armeekorps am 9. Dezember 1870 Morgens Í) ükZuckungen in der Muskulatur des Oberschenkels, welche nacheiner halben Stunde schon so mächtig waren, dass der Schenkelderart sich zusammenzog, dass das untere Bruchende fast dieHaut durchlöcherte und dann an dieser Stelle eine Inzisiongemacht werden musste.

Subkutane Morphiuminjektion. In Folge dessen l'/s stän-diger Schlaf. Darauf tonische Krämpfe in der gesammten Körper-muskulatur. Tod um 11 Uhr Abends.

XL. Dem Franzosen Henry Girandon zerschmetterteam 1. September 1870 eine Preussische Kugel den rechtenOberschenkel. Am 7. Tage nach der Verwundung begannen,während die Wunde stark eiterte und die Weichtheile des Ober-schenkels infiltrirt waren, klonische Krämpfe in den Ge-sässmuskeln rechterseits. Nach Erweiterung der Wunde -eine Ausgangsöffnung fehlte brachte man aus dem Räumezwischen tuber ischii und Trochanter ein 1 /a Zoll langes, 1 Zollbreites sehr zackiges Stück eines Bleimantels. Ungeachtet dessenstarb G. 24 Stunden später.

Sektion: Nerv, ischiad. geröthet und plattgedrückt.

XL1. Pierre Alet, verwundet am 30. September 1870bei Choisy le Roi durch die Mitte der Vorderfläche beider Ober-schenkel. Gute Eiterung. Das linke Bein eiterte stärker undwurde paroxysmenweise von äusserst schmerzhaftenklonischen Muskelzuckungen befallen, welche nur durchhäufige Injektionen von Morphium coupirt werden konnten. Am9. Oktober 1870 Tetanus. Tod am 14. Oktober ejd. Sekt: Linkesos femoris durch die Kugel gestreift und von demselben einetwa 3 Linien grosses Stück abgesprengt, welches auf-gerichtet mit scharfer Spitze in den Schusskanalhineinragte, jedoch noch fest mit dem Periost zusammenhing,

XLII. v. M. Weichtheilschuss des linken Oberschenkels.Am 11. Tage nach der Verwundung leichte Zuckungender verletzten Extremität. Am nächsten Tage Schling-beschwerden und Schmerzen in der Schläfengegend. DannTrismus, Krämpfe der Nacken- und Lendenmuskeln. Tod. Diescharfgeränderte Kugel findet sich im oberen Drittheil derAdduktoren. (Nach v. Beck.)

Der Uebergriff der tetanischen Muskelstarreauf die Extremitäten, welcher noch heutigen Tages vonmanchen Autoren ganz geleugnet wird, bildete ein seltenesVorkommen. Fischer bestätigte ihn nach einer durcheine Kugel erlittenen Zersplitterung der Ulna. Am 14. Ok-tober 1870 Tetanus; am 19. ejd. Extraktion eines scharfenKnochensplitters, wonach zuerst Besserung, aber schon amfolgenden Tage Verschlimmerung. Am 21. Oktoberwurden auch die Extremitäten starr. Tod am28. Oktober 1870. Das 1. Feldlazareth V. Armeekorpsund das 12. Feldlazareth III. Armeekorps machen in ihrenBerichten bestimmte Angaben über ähnliche Beobachtungen.Aus der Kasuistik gehört der Fall Mathias (LXXXI) hierher.