Druckschrift 
Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
Entstehung
Seite
139
Einzelbild herunterladen
 

Band VU

III. Abschnitt: Pathologisch-anatomischer Befund.

139

dass dieser Prozess nicht nur bei den Atrophien undHypertrophien des Gehirns und Rückenmarks, sondern»erade bei einer grossen Zahl von Neurosen das wesent-liche anatomische Element liefert. Er sah diese Wuche-rungen herdweise oder diffus verbreitet und glaubt nicht,data sie immer auf eine eigentliche Entzündung zurück-zuführen seien, sondern ist der Ansicht, dass rasch vorüber-gehende einmalige, oder protrahirte wiederholte Hyperämienden ersten Anstoss zu dieser Erkrankung geben. Exsudatekonnte er nicht finden. Rokitansky wies diese Binde-gewebswucherungen sowohl beim traumatischen,als auch beim rheumatischen und spontanen Tetanusnach. Wegen der Gleichförmigkeit der Erkrankung nachLängen- und Dickendurchmesser konnte er einen etwaigenAusgangspunkt beim Tetanus traumaticus nicht erkennen,macht aber bezüglich der Entstehung der Affektion auf dievon ihm häufig nachgewiesene Neuritis ascendens, vonwelcher später die Rede sein wird, aufmerksam.

Demme konnte die Ansichten Rokitansky' s be-stätigen. Nach seinen Untersuchungen scheint beim Tetanusvorzugsweise und fast ausschliesslich die weisse Mark-substanz von der Bindegewebswucherung ergriffen zu wer-den, während die graue Substanz erst sekundär und dannmehr durch Druck an den Grenzen, als durch intermediäreNeubildung leidet. Vorzugsweise waren Sitz der Binde-gewebswucherungen die medulla oblongata mit dem 4. Ven-trikel, die crura medullae ad cerebrum et ad corporaquadrigeniina und das Rückenmark in seinem grösstenTheile. In einem Falle schien es evident zu sein, dassdie Erkrankung am Halstheile des Marks, an der medullaoblongata und an den Ursprungsstellen des Trigeminus amlängsten bestanden hatte. Weder im kleinen, noch imgrossen Gehirn konnte Demme Veränderungen der Binde-substanz nachweisen. Auch er ist der Ansicht, dassdie Erkrankung der Bindesubstanz im Trismus wahr-scheinlich aus länger andauernden oder wiederholten Hy-perämien sich entwickele; die an den Blutgefässen vor-gefundenen Veränderungen häufige Varikositäten undaneurysmatische Ausbuchtungen der kleineren Stämmchen deuteten auf solche Vorgänge hin. Spuren einer Ent-zündung in dem gewöhnlichen Sinne fehlten gänzlich. DerZeitpunkt, in welchem in den einzelnen Fällen die Binde-snbstanz auftritt, scheint, nach dem klinischen Krankheits-bilde zu schliessen, ein sehr verschiedener zu sein. Demmehält es für wahrscheinlich, dass die tetanischen Erschei-nungen längere Zeit hindurch bloss durch die Vorläufer derBindesubstanzneubildung unterhalten werden. Einigemalist es ihm gelungen, nach raschem Verlaufe des Tetanus,bei dem sich eine Hyperplasie der Zwischensubstanz nochnicht auszubilden vermochte, eine mehr oder weniger aus-geprägte, theils spindelförmige, theils varicose Erweiterungind Änfüllung der reichlichen Kapillaren des verlängertenMarkes nachzuweisen. Auch Griesinger hat in einem^alle diese Gefässveränderungen bestätigt. An der Ober-

fläche des 4. Ventrikels zeigte die graue Substanz einesonst nicht vorkommende, röthlich gefleckte Färbung;unter dem Mikroskope fanden sich starke Gefässanfüllungund kleine aneurysmatische, zum Theil spindelförmige Er-weiterungen derselben.

Der Entwicklungsverlauf der einmal begonnenenWucherung ist verschieden; in zwei BeobachtungenDemme's, bei welchen die Erkrankung bloss mehrere Tagegedauert hatte, und in einem dritten, bei welchem ein Be-stand von mehreren Wochen wahrscheinlich war, verhieltsich das histologische Bild vollkommen gleich.

Ferner konnte Elischer sich neben Blutüberfüllungder Gefässe des Rückenmarks und der Gehirnbasis voneiner allgemeinen Hyperplasie des Bindegewebes in denMarksträngen der Grosshirnganglien, den Brückenarmen,den Haubensträngen, den Wurzelsträngen des 7. und 8.Nervenpaares, von Aufschwellung des Bindegewebes derseitlichen und vorderen Rückenmarksstränge und partiellerVerödung der Nervenfasern überzeugen.

Von Flechner, Gyllenskold und E. Wagner sinddie Angaben Rokitansky's und Demme's bestätigtworden, dagegen konnte Ley den keine entschieden patho-logische Alteration des Rückenmarks nachweisen; er siehtim Tetanus nur eine funktionelle Störung des Rückenmarksund hält die von jenen Beobachtern gefundenen Resultatetheils für Artefacta bei der Untersuchung frischer Präpa-rate, theils auf Gerinnung aus dem Myelin beruhend. Auchneuerdings hat er dreimal das Rückenmark Tetanischeruntersucht und ist zu demselben Resultate gekommen.

Bauer erwähnt der positiven Befunde 1) von Lock-hart Clarke, welcher neben starker Blutüberfüllung Er-weichungsherde der grauen Substanz nachwies, von diesenVeränderungen aber den tetanischen Symptomenkomplexnicht abhängig machte; 2) von Dickinson, welcher Ex-sudatmassen in der grauen und weissen Substanz beschrieb;3) von Michaud, welcher neben Hyperämie kleine mye-litische Herde sah; 4) von Benedikt, welcher ebenfallsHyperämie und dabei granulöse Degeneration der Zellenohne Kernwucherung beobachtete, und endlich 5) vonHayem, der colloidartige Exsudatmassen in beiden Sub-stanzen fand.

Neben den durch die suffokatorisch-apoplektische Todes-art herbeigeführten Veränderungen in anderen Organenkonstatirten Kocher und Emmert im Rückenmarkskanalziemlich viel seröse Flüssigkeit, das Mark konsistent undblutreich, die Venen der Dura und Pia strotzend gefüllt.Es sind einige Fälle aufgezeichnet, in denen sich derTetanus unmittelbar nach einer Verletzung entwickelteund schnell zum Tode führte. So citirt Curling einenvon Robertson mitgetheilten Fall, in welchem ein Negermit einem Stück gebrochener Chinawurzel am Daumensich verletzt hatte, vom Tetanus ergriffen wurde und eineViertelstunde nach dieser Verletzung starb.

18*