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V. Kapitel: Wundstarrkrampf.
Band TB.
Die Anhänger der Infektionstheorie berufen sich ferner— wie Rose 1 ) bemerkt — auf die auffallenden Unterschiede inder zeitlichen Häufigkeit des Tetanus bei einem kriegführendenVolke. In den Spitälern der Pyrenäischen Halbinsel starbenauf Seiten der Engländer nach Mac Grigor's Berichtwährend des Spanischen Befreiungskrieges:
1812 von 176180 Kranken 7 193 Mann darunter an Tetanus 4
18131814
123 01953 073
6 8662 909
23
24
Es kam also ein Todesfall durch Tetanusim Jahre 1812 auf 44 045 Kranke
„ 1813 „ 5348 „ und„ „ 1814 „ 2 311 „
Im Krim-Feldzuge hatten die Engländer 1854/55 5,1855/56 aber 24 Fälle von Tetanus.
Auch unter den Thieren sind Massenerkrankungen anTetanus beobachtet worden, und Böll 2 ) behauptet, dass inWien unter den Hausthieren sogar der traumatischeStarrkrampf gewöhnlich in mehreren Fällen gleichzeitigoder kurz nacheinander zur Behandlung gelange, währenddas vereinzelte Auftreten desselben zu den Ausnahmen gehöre.
So ein trägt wohl den eigenen Erfahrungen zu viel,den Erfahrungen Anderer zu wenig Rechnung, wenn ersagt: „Ich wollte nur den Anhängern der Infektionstheoriezu bedenken geben, dass eine accidentelle Wundkrankheit,welche nur das Nervensystem ergreift, so selten undwählerisch auftritt, nie eine grössere Zahl von Verwundetenauf einmal befällt, gewöhnlich ganz fieberlos verläuft, inder Regel innerhalb der ersten 8 Tage nach einer Ver-letzung auftritt, alle drüsigen Organe der grossen Leibes-höhlen unberührt läset, endlich durch Asphyxie, Hungertododer Erschöpfung tödtet, zum wenigsten etwas ist, was vonden anderen und besser bekannten Infektionskrankheitentotal verschieden ist."
Die Argumente sind zu einem bedeutenden Theile nichtzutreffend. Dass der Tetanus in den verschiedensten Kriegenzu derselben Zeit und an demselben Orte eine grössere Zahlvon Verwundeten befallen hat, ist schon auseinandergesetzt.Sein fieberloser Verlauf kann nicht als die Regel gelten,vielmehr findet das gerade Gegentheil statt. Dabei istnicht zu vergessen, dass auch andere unbestrittene Infektions-krankheiten, welche unter den günstigen Verhältnissen einesgeordneten Lebens im Frieden niemals fieberlos und nurin ihren leichtesten Formen — gleichwie der Tetanus —mit geringen Steigerungen der Eigenwärme ablaufen, unterden auf die Entbehrungen und Strapazen des Kriegeszurückzuführenden, depotenzirenden Lebenseinflüssen seil istin ihren gefürchtetsten und gefährlichsten Formen häufig sogeringe Fieberkurven aufweisen, 3 ) dass nicht selten diewährend des Lebens auf Grund der normalen oder sub-normalen Körperwärme angezweifelte Diagnose erst durchdie Sektion sanktionirt werden muss. Ganz schwere kon-tagiöse Krankheiten sieht man überdies bei geschwächten
') Billroth-Pitha, Handbuch der Chirurgie. Tetanus von Rose.
2 ) Lehrbuch der Thierarzneikunde.
s ) Vergl. hierzu das Kapitel „Typhus" im VI. Bande dieses Berichtes.
sahen keine Anschwellung dtwar sogar zuweilen unverhältnissmässig klein
und heruntergekommenen Individuen auch oft genug wahremdes Friedens in den Krankenhäusern ohne Fieber ein schnelletödtliches Ende nehmen. Dass der Wundstarrkrampf kon-stant alle drüsigen Organe der grossen Leibeshöhleu untarührt lasse, ist gleichfalls ein Irrthum. Im Allgemein«setzt die Schwellung der Milz u. s. w. eine gewisse Dameiner Infektionskrankheit voraus. Bei den schwersten innerhall) weniger Stunden tödtlichen Flecktyphusfällenz. B. nicht selten jeder Milztumor. Dies kann inschnell endenden Tetanusfällen kaum anders sein. Dagegetfanden v. Bergmann, Klebs, Lossen, FriedländeiFräntzel, Bussenius, Transfeldt in ihren nach längere!Krankheitsdauer zur Untersuchung gelangten Fällen dt'Feldzuges Milztumoren von verschiedener, sogar kolosiGrösse. ') Freilich war auch ein solches Sektionsergelnii-kein gesetzmässiges, denn v. Beck, Klebs, Mende, Friedländer und CohnheimMilz ; sie
Solche inkonstanten Befunde werden auch bei ander,anerkannten Infektionskrankheiten, beispielsweise beiCerebrospinalmeningitis beschrieben.
Obwohl in der neueren Zeit einige unter charakterälsehen Allgemeinsymptomen verlaufende Erkrankungen deNervensystems wie die Meningitis cerebro-spinalis, die Polneuritis acuta, mit guten Gründen den InfektionskraJheiten zugerechnet werden, so liegt doch kein zwingend!Bedürfniss vor, auch für den Wundtetanus nach einespezifischen Ursache zu suchen. Reize allerlei Art wganz differenter Natur vermögen das Nervensystem in einazur Erzeugung tetanischer Krämpfe geeigneten Zustand dtErregung zu versetzen. Je günstiger aber die Bedingung!für das Inkrafttreten dieser írritamente sind, desto grossdie Gefahr des Starrkrampfs. Im Kriege wird seitHäufigkeit hauptsächlich durch den Sitz der Verwundean denjenigen Körperregionen bedingt, welche vermögeGrösse und Beschaffenheit ihrer Knochen die Splittern^vermöge der Masse ihrer Weichtheile das Steckenbleibevon Fremdkörpern in tiefen Schusskanälen begünstigenwelche einer aseptischen und immobilisirenden Behandliam wenigsten zugänglich sind. Das sind nach dein G(sagten die Wunden des Ober- und Unterschenkels.
Der Antheil, welchen möglicherweise eine anborene nervöse Schwäche an der Häufigkeit des Wnitetanus haben könnte, lässt sich aus den Feldzugsbeobatitungen nicht ermessen. Hierzu fehlen alle Unterlag«v. Beck hält ihn für sehr wahrscheinlich, nachdem er ei»Familie kennen gelernt hat, welche in kurzer Zeit z«ihrer durchweg sehr erregbaren Mitglieder nach gerinjlügigen Verletzungen durch den Starrkrampf verlorLöffler erwähnt aus dem Dänischen Feldzuge 1864 ei*Falles, in welchem der Patient bei einem anscheine«leichten Haarseilschuss der Schulter von Anfang an ''zum Ausbruch des Trismus eine ungewöhnliche Aufregt»!und Reizbarkeit zeigte
') Vergl. 3. Abschnitt dieses Kapitels.