Druckschrift 
Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
Entstehung
Seite
131
Einzelbild herunterladen
 

npí

iter-Hit:chuum,y»

onl-ine:kindeiLiede:ilkgen

-luierçi

mil.:-1811

ili-il I

ink;

Ulli"

riet'

e

Jets

vni

(le:

kein

dt 1

Cd"

'ffeiib-erie

Hile

Band VII.

II. Abschnitt: Aetiologie.

131

wenigstens nicht näher nachweisbare Schädlichkeit hervor-gebracht wird. Den Angriffspunkt der Schädlichkeit kannjede beliebige Wunde, gleichviel, ob gross oder klein, obau der Körperperipherie, au den Fingern, Zehen oder amRumpfe abgeben. Es ist nur erforderlich, dass diese Schäd-lichkeit mit dem Blute in Berührung kommt, entwederdirekt oder indirekt durch die Lungen.

Die Bedenken gegen diese Theorie sind gross.Pirogoff, welchemdie Idee von dem Eintritt einesdeletären Stoffes in den Körper von allen Hypothesen überdie Natur des Tetanus noch als die plausibelste" erscheint,fuhrt gegen dieselbe die dem Wesen einer Zymose nichtentsprechende Thatsache an, dass der Starrkrampf eine ver-hältnissmässig doch immer nur geringe Zahl von Verwun-deten, im günstigsten Falle einmal 1 ä, ergreife (Lentz).Dagegen sprechen auch die negativen Resultate der meistenImpfrersuche beiThieren, welche erwiesenermaassen Tetanusbekommen können. Solche Versuche sind bekannt vonEose, G. Frickenhaus, Arloing und Tripier. Dagegenspricht der ungleiche Krankheitsverlauf, bald mit hohem,bald mit niederem, bald ohne Fieber, ohne Drüsenanschwel-lungen. Dagegen sprechen die Erfolge der Therapie,die augenblicklichen oder schnellfolgenden Heilungen nachEntfernung eines Geschossfragmentes, für welche aus demFeldzuge Beispiele genug verzeichnet sind, die sonstbeobachteten Heilungen nach Nervendurchschneidung,Nervendehnung, nach Amputation, Reposition dislozirterFrakturen. Dagegen sprechen diejenigen Krankengeschichten,wo der Tetanus nach einem Fall auf den Rücken, aufdas Gesäss, nach einem Kolbenschlag in den Nacken auf-trat. Dagegen sprechen alle die Fälle, in welchen derStarrkrampf der Verwundung auf dem Fusse folgte, wie sienamentlich bei Thieren gesehen wurden.

Endlich kann es auch eher als Gegenbeweis denn alsBeweis angesehen werden, wenn man so häufig Tetanusneben anderen spezifischen Wundkrankheiten, wie Erysipel,Hospitalbrand, Pyämie, auftreten sieht.

Aus dem Feldzuge 1870/71 mangelt für die Hypothese,der AVundstarrkrampf als eine Infektionskrankheit zubetrachten sei, jeder positive Anhalt. Hiermit wird dieFrage aber nicht entschieden, ob es nicht doch ein spezi-íches, bis jetzt unbekanntes, infizirendes Agens der Wundegiebt, welches für sich allein den Starrkrampferzeugt, indem es eine den anderen aufgezähltenheterogenen Einflüssen konforme Wirkung aufdas Nervensystem ausübt. Das ist möglich und viel-leicht wahrscheinlich.

Jn ein neues Stadium tritt diese Frage nach den vonwie und Rattone mit Erfolg vorgenommenen Impf-ersuchen, über welche nach einer vorläufigen MittheilungimCentralblatt für Chirurgie 1884 No. 47 referirt ist. Die ge-nannten Forscher exzidirten eine entzündete Hautstelle umeme am Halse befindliche Aknepustel, nach deren Anstechung

ein Mann tetanisch geworden war, bereiteten sich aus der-selben eine Emulsion und infizirten mit dieser 1'2 Kaninchen.Vier derVersuchsthiere erhielten einelnjektion der emulsivenFlüssigkeit in das Perineurium des n. ischiadicus, 6 in dieBückenmuskeln, 2 in die Rückenmarkshöhle. Elf dieserKaninchen erkrankten an Tetanus. Weiterimpfuugen er-gaben wiederum einige positive Resultate. Hiernach scheintes entschieden, dass Tetanus vom Menschen auf Kaninchenübertragen werden kann.

Späterhin wurde durch Nicolaier aus dem hygie-nischen Institute der Universität Göttingen (Deutschemedizinische Wochenschrift, Jahrgang 1884 No. 52) eineVersuchsreihe bekannt gemacht, aus welcher hervorgeht,dass durch Impfung mit mancherlei Erdproben bei Mäusen,Kaninchen und Meerschweinchen ein dem Tetanus iden-tischer Symptomenkomplex zu Stande gebracht werdenkann. In 18 Proben fand sich 12 mal taugliche Erde, dieaus Berlin, Leipzig, Göttingen stammte. Diese Erde wurdein eine Hauttasche gebracht. Nach Verlauf einer je nachder Thierart verschiedenen Frist, bei Kaninchen nach 4 bis5 Tagen, zeigten sich in der der Impfstelle zunächst ge-legenen Extremität Muskelkontraktionen, welche das Gliedin Streckstellung versetzten. Nächstdem wurden die Ex-tremität, dann die ihr korrespondirende, weiterhin dieanderen Extremitäten vollständig starr. Schliesslich nahmendie Nacken- und Rückenstrecker und bei den Kaninchenauch die Kaumuskeln an dem tonischen Krämpfe Theil.Durch Reize verschiedener Art konnten Reflexkrämpfe aus-gelöst werden. Um die Frage der Infektiosität zu ent-scheiden, erhitzte Nicolaier die wirksamen Erdprobenauf 190° C. und brachte sie nun in grosser Menge bei20 Versuchsthieren in eine Hauttasche, ohne einen Erfolgzu erzielen. Sodann nahm er Uebertragungen von Thierzu Thier vor, indem er Mäuse oder Kaninchen auf diebeschriebene Weise mit einer kleinen Menge Eiter impfte,der von der Impfstelle eines an Tetanus gestorbenen Ver-suchsthieres entnommen war. Unter 88 Impfungen waren64 erfolgreich. Gegenüber der Impfung mit Erde zeigtesich nur der Unterschied, dass die Inkubationszeit wesentlichkürzer war und der ganze Krankheitsprozess intensiver undrascher verlief. Auch durch relativ unreine Kulturen inBlutserum gelang die Uebertragung des Tetanus.Hier-durch ist als bewiesen anzusehen, dass Bacillen existiren,welche bei Mäusen, Kaninchen und Meerschweinchen, intiefere Wunden gelangend, tödtlichen Tetanus hervorrufen."Für den menschlichen Tetanus möchte Nicolaier, da sich inseinen Versuchen die Erde als so ergiebige Quelle derTetanuserreger gezeigt hat, einstweilen die Möglichkeiteiner Wundverunreinigung durch Erde beachtet wissen.

Die als Beweis für die zymotische Natur der Krank-heit gewöhnlich geltend gemachten Endemien von Trismusneonatorum auf den Inseln Heimaey und St. Kilda be-schreibt Curling, eine andere in Dublin J. Clarke.

17*