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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
Entstehung
Seite
130
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V. Kapitel: Wundstarrkrampf.

Band VE

In seinen nach Erfahrungen aus den Reservelazarethenin Darmstadt während der Monate August, September undOktober 1870 gesammelten kriegschirurgischen Fragen undBemerkungen erwähnt Lücke eine Tetanus-Endemie,welche nicht er selbst, sondern die Aerzte in Bingen be-obachtet hatten.Diese Endemie fand sich in dem oberenSaale des Schulhauses, dem unstreitig besten Lazarethlokalin Bingen. Dasselbe hatte, nach Art vieler Schulhäuser,auf den beiden sich gegenüberstehenden Längsseiten dieFenster, der Saal war hoch und geräumig. Als ich (Lücke)ihn sah, war er bereits im Interesse der Schulkinder wiederevakuirt. Hier nun traten in demselben Zimmer von EndeAugust bis zum Anfang September im Zeitraum von14 Tagen 7 Tetanusfalle auf; die von dieser Krankheit er-griffenen Verwundeten hatten theils, schwere Knochen-schüsse, theils ganz leichte Weichtheilschüsse. Sie starbensämmtlich. In den übrigen Lazarethen, welche in Bingenetablirt waren, trat zu derselben Zeit nur ein Fall vonTetanus auf, und zwar in dem an der Nahe gelegenen ineinem Tanzsaal eingerichteten Lazareth."

Lücke bemerkt dazu, dass er nicht im Stande sei,eingehendere Notizen zu liefern über die Art der Wund-behandlung, über die einzelnen Fälle, sowie überdie Art und Weise und die Dauer des Transportes vomSchlachtfelde her. Zur Beurtheilung der im Anschluss andie Binger Endemie wieder aufgenommenen Frage über diezymotische Natur des Tetanus wären aber die gründlichstenMittheilungen über diese Punkte und über die Zahl der injenem Schulhause und in den übrigen Krankensälen derStadt behandelten Verwundeten durchaus erforderlich. Unter809 Schussverletzungen des 10. Feldlazareths XL Armee-korps traten im Dezember 1870 im Lazareth zu Chartresinnerhalb 7 Tagen 9 Tetanusfälle auf. Keinem derLazarethärzte ist es eingefallen, hier von einem in-fektiösen Wundstarrkrampf zu reden. Die Verletzungenwaren so schwere, das Nervensystem in Mitleidenschaftziehende, dass die Krampferscheimmgen in den motorischenBahnen hierdurch vollkommen erklärt schienen. Sämmt-liche 9 Fälle betrafen Schussfrakturen, 1 mal des Schulter-blattes, 1 mal des Beckens, 1 mal des Oberschenkels,1 mal des Oberarms, 1 mal der Hand, 3 mal des Unter-schenkels und 1 mal des Fusses. An Reizerscheinungenhatten sich bei 4 Verwundeten schon vor Beginn des Starr-krampfs Schmerzen und Zuckungen in den verletzten Körper-teilen bemerklich gemacht ; bei dem Musketier Stapelfeld2. Hanseatisches Infanterie-Regiment No. 76 mit einemSchussbruch des Oberschenkels waren die Zuckungen soheftig, dass das untere Bruchende fast die Haut durch-löcherte und deshalb an dieser Stelle ein Einschnitt ge-macht werden rnusste; über ganz ausserordentliche Schmerz»haftigkeit klagte auch der ins Becken geschossene JohannRiedel 4. Bayerisches Jäger-Bataillon; HeinrichSteffens Mecklenburgisches Grenadier-Regiment No. 89sowie Michael Neher 2. Bayerisches Infanterie-Regiment

(Kronprinz), von denen dieser eine Zerschmetterung derrechten Hand, jener eine Zertrümmerung beider Unteischenkelknochen der rechten Seite davongetragen hattiverweigerten trotz aller gefahrdrohenden Symptome : Stickziehende Schmerzen in den Extremitäten, übergrossEmpfindlichkeit der Wunden, die Amputation. Dicht hintereinander erkrankten auch in Pont à Mousson von den225 Verwundeten des 8. Feldlazareths X. Arineekon/während des Monats August 1870 5 an tödtlichem Tetan«im 5. Feldlazareth X. Armeekorps während desselbeiMonats unter 73 Blessirten fast gleichzeitig 3; kein Ustand w T ies darauf hin, dass sich die Krankheit durch einenspezifischen Keim entwickelt oder durch Ansteckung -weiterverbreitet hatte. Die Aerzte, welche im SchlosslazaretlniVersailles thätig waren, werden sich erinnern, dass unter de«konsultirenden Chirurgen sich Vertreter der Lehre von derinfektiösen resp. kontagiösen Natur des Wundstarrkrampffanden, als, wenn der Verfasser nicht irrt, zweimal hinter-einander der Nachbar je eines Tetanischen von demselber,Leiden befallen wurde. Analoge Beobachtungen machteman auch in anderen Feldlazarethen. Aber die Einwirkuiifpsychischer Eindrücke auf die Hervorbringung eines ver-wandten nervösen Krampfzustandes, der Epilepsie, blielnicht vergessen, ihre Bedeutung für den Tetanus betonteauch neuerdings besonders wieder Erichsen. Aus ihnenversuchten die Kriegschirurgen früherhin auch die oftstatirte grössere Häufigkeit der Krankheit unterBesiegten als unter den Siegern abzuleiten, alleinkamen gewiss die Nachtheile, w r elche den Verwundetengeschlagenen Feinde dadurch erwuchsen, dass sie gewöhnlidierst später als die Sieger in geordnete Pflege überging«in erster Linie in Betracht.

Die Häufigkeit des Wundstarrkrampfs im Feldzugf1870/71 auf Französischer Seite lässt sich nicht übersehen.Verschiedene Hospitalberichte, welche in Chenu's Aperçuhistorique, statistique et clinique sur le service des ambu-lances et des hôpitaux pendant la guerre de 18701871enthalten sind, gestatten aber die Vermuthung, dass di(Franzosen besonders oft unter der Wundkomplikation aleiden hatten. So heisst es von der Ambulance de Saulc;in Metz, dass in Folge der Nachtkälte sich eine Tetadépidémie entwickelte, welche viele der Verletzten, operirteund nicht operirte, dahin raffte. Aus der Ambulance d*l'Esplanade wird von 6, aus der des Lycée, beide in Metívon 5, aus dem Hôpital Militaire de Strasbourg vor12 Fällen berichtet. Auch die Franzosen sahen in AErkältung und nicht in einem spezifischen Infektionskedie Ursache der Epidemie in Metz. (v. Meyeren.)

Die hauptsächlichsten Vertreter der Lehre von derzymotischen Natur des Tetanus sind Thompson, SpencerWells, Heiberg, Billroth, v. Bergmann, Neudörff*und Rose. Wir meinen, sagen die beiden letzteren, <l a?:der Tetanus eine Zymose, wie die Pyämie, die Diphtherieder Scharlach sei, durch welche eine uns bisher unbekannte