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V. Kapitel: Wundstarrkrampf.
Band VU.
Von grosser Bedeutung für das Zustandekommen desTetanus schien die Art und die Dauer des aus den Fremd-körpern in den Wundkanälen rührenden Nervenreizes zusein. Ein gelinder, gleichmässig anhaltender Druck einesunbeweglichen Körpers auf die Nervenendigungen birgtweniger Gefahr, als eine heftige oder oft wiederholte, wennauch nur kurze, plötzliche Quetschung der nervösen Faserndurch bewegliche Fremdkörper. Hierdurch erklärt sichdas häufige Vorkommen von Tetanus während des Ver-wundetentransportes und im Stadium der Wundeiterung amungezwungensten. Im August 1870 gingen dem Kriegs-lazareth zuRemilly 28 Verwundete, darunter 3 Tetanuskranke,zu. Diese verhältnissmässig grosse Zahl von traumatischemStarrkrampf schiebt der Berichterstatter auf den weitenTransport der Verwundeten in kühler Nachtluft auf ge-wöhnlichen Strohwagen, „bei welcher Bef'örderungsweisedie Knochensplitter der Schussfrakturen eine erheblicheund häufige Beizung der Weichtheile bewirkt hatten". Ergiebt offenbar dem mechanischen Insulte die Hauptschuld.Es liegt auch in der That viel näher, erst nach Ausschal-tung dieses Momentes jener ihrem Wesen nach doch nurungenügend definirbaren Erkältungstheorie in der Aetiologiedes Tetanus einen Platz anzuweisen.
Sehr zahlreich waren die Erkrankungen während desEisenbahntransportes. Die militärärztlichen Berichte ge-denken derselben in 38 Einzelfällen, abgesehen von denin der Litteratur des Feldzuges bekannt gewordenen.Von den 6 Tetanischen, welche im September und Oktober1870 in dem Reservelazareth Mariahilf zu Aachen vor-kamen, stammten 5, darunter 2 moribunde, von der Eisen-bahn. Ausserdem traf man in Berlin, Potsdam, Breslau,Hannover, Frankfurt, Cöln, Hanau, Ems, Hofgeismar,Marburg, Freiburg, Lippstadt bei Leerung der Sanitätszügeauf Kranke an Wundstarrkrampf. 1 )
H ein ecke behandelte in Erlangen den BayerischenSoldaten Knittler, der einen Schuss in die linke Hinter-backe und auf der Eisenbahn Zuckungen der Extremitätenbekommen hatte. Am Tage der Aufnahme folgte Trismus.Die beiden Goldtammer'schen Kranken, einPatient vonLossen, ein anderer von Schinzinger gingen mit Tetanuszu; Schüller's Kranker bekam den Starrkrampf zwei Tage,ein von Graf erwähnter einen Tag nach dem Transport;H. Fischer's Patient Bastian wurde auf der Bahn beikaltem und regnerischem Wetter tetanuskrank; der Grena-dier Krempf konnte nach der Fahrt bei seiner Aufnahmeim Artois-Lazareth zu Ottweiler den Mund nicht gehörigöffnen, am folgenden Tage hatte er Trismus.
Dass die Ursache nicht in Erkältung, sondern in denNachtheilen des Transports zu suchen war, dafür sprachen invielen Fällen auch die Veränderungen des verletzten Gliedes,vor Allem der Wundumgebung. Die Weichtheile waren
') Vergl. III. Band dieses Berichtes, Allgemeiner Theil, Kapitel 1,Abschnitt 4 (Bvakuation).
geschwollen und schmerzhaft, die Haut geröthet; der Ver-wundete fieberte. Die entzündlichen Vorgänge in der Wundeund ihrer Nachbarschaft hatten die Nervenerregbarkeit erhöht.Nun erfuhren die ohnehin in Mitleidenschaft gezogenenNervenfasern noch einen heftigen Reiz durch die von dengespannten Weichtheilen gegen sie gepressten Fremdkörper.Wer konnte sich wundern, wenn unter solchen Verhält-nissen die schwersten nervösen Erscheinungen noch währendder Fahrt oder bald nachher in den heimathlichen Kranken-häusern in die Erscheinung traten? Oder das zurückge-bliebene Geschoss, die Knochensplitter, von der Eiterunggelockert, wurden auf dem langen Transport in dem Schuss-kanal hin und her bewegt und versetzten durch den tage-lang in kurzen Zwischenräumen wiederkehrenden Anprallgegen seine Fäden den Nerven in einen abnormen Er-regungszustand.
XII. Der Gemeine Eberle, welcher am 10. Oktober 1870bei Artenay eine Schussfraktur beider Knochen des linken Unter-schenkels davongetragen hatte, wurde vom 2. Bayerischen Auf-nahms-Feldspital am 22. Oktober mit Tetanus vorgefunden.Das Wundaussehen war gut. Der Kranke überstand einen noth-wendigen kurzen Transport unter einer Morphiuminjektion gutund befand sich bei Abnahme der tetanischen Symptome amnächsten Tage — 23. Oktober — vortrefflich. Der Verbandsollte nun erneuert werden. In dem Momente, als derKrankenwärter den Fuss der verletzten Extremitätvom Feldbette abhob, wurde Eberle plötzlich todtenblass.dann cyanotisch, schrie „höher" und war eine Leiche.
Als Todesursache glaubte man eine plötzliche Herz-lähmung ansehen zu müssen, welche reflektorisch durchEinklemmung eines Nerven in die Bruchenden zu Standegekommen war.
XIII. Der Franzose Givre vom 47. Regiment kam mitverletztem rechten Ellenbogengelenk in Kassel an. Da derGipsverband zu wünschen übrig Hess, sollte ein neuer angelegtwerden. Bei Abnahme des alten trat am 10. Oktober Trismusein, doch nach 2 Tagen kam Patient zur Kühe.
Die Unterbrechung der Gelenkruhe war nach derMeinung des Berichterstatters Schuld am StarrkramptUnterstützt wird diese Annahme auch noch durch denschnellen günstigen Verlauf nach erneuter Ruhigstellungdes Armes.
XIV. Im Etappenlazareth zu Coulommiers traf 8 Tag«nach der Schlacht bei Orleans ein Bayerischer Soldat mit einemHandschuss ein. In dem Moment, wo derselbe vom Trausport-karren herausgehoben wurde, stellte sich Trismus und Opistho-tonus ein; der Kranke starb nach 20 Stunden.
„Die disponirende Ursache bildete", so heisst es,„zweifellos die durch das Rütteln des Karrens unablässigstattfindende Reizung der seit mehreren Tagen vernach-lässigten am Mittelfinger bereits gangränösen Wunde."
XV. Johann Böhmer — l.Niederschlesisches Infanterie-Regiment No. 4G — zeigte bei seiner Aufnahme im 1. Feld-lazareth V. Armeekorps am 1. September 1870 zwei von demselbenTage rührende Wunden, und zwar eine Schussfraktur des condyl