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V. Kapitel: Wundstarrkrampf.
Band VII.
Zweiter Abschnitt.Aetiologie.
Unter der Einwirkung von Geschossen hängt bei sonstgleichen Umständen die Grösse der Knochensplitterungvon der Knochen struktur ab. Dort, wo im Knochengewebedie kompakte Substanz über die spongiöse überwiegt, sindfür die Zersplitterung die günstigsten Bedingungen vor-handen. Wenn also, wie vorausgesetzt, die Splitterbrücheder Entstehung des Wundstarrkrampfs besonderen Vorschub !leisten, so müssen beispielsweise die Schussverletzungen der ]Diaphysen der Röhrenknochen weit grössere Gefahren in-volviren, als die Wunden der Epipkysen u. s. w. Dassdies in der That der Fall ist, wird von den hervorragendstenKriegschirurgen übereinstimmend vertreten und durch die ge-ringe Zahl der Tetanuserkrankungen, welche in derUebersichtauf S. 121 auf Gelenkwunden kommen, bestätigt. Wodurcherlangen nun die Schusswunden der Knochen und vornehmlichder kompakten Knochen jene verhängnissvolle Bedeutung?Man hat versucht, die blosse, durch die Knochensplitterherbeigeführte, Erweiterung des Schusskanals in Rech-nung zu ziehen. Allein die ausgedehnten Kriegserfahrungenkonnten dies nicht bestätigen. Sie führten vielmehr allge-mein zu der Ueberzeugung, dass in erster Linie die Knochen-splitter und die durch das Aufschlagen der Kugel auf derharten Unterlage losgelösten und umherspritzenden Bleitheiledurch ihren Reiz auf die periphere Ausbreitung den-jenigen Erregungszustand der sensiblen Nerven inScene setzen, welcher für das Zustandekommen derKrankheit eine nothwendige Bedingung ist. Diesedurch die Art der Verletzung selbst gegebene Misshandlungder Wunde fand auch bei einer grossen Zahl von Weichtheil-schüssen ihr Analogon. Hier waren die in dem Schusskanal zu-rückgebliebenen Fremdkörper — Kugeln, Tuchfetzen, Waffen-theile, Verbandgegenstände, Steinfragmente—die Quelle jenesErregungszustandes, und so unbedeutend auch oft die oberfläch-lichsten Ilaarseilschüsse, die blinden Schusskanäle schienen,nicht selten lag in ihnen doch ein mechanisches Reizmittelversteckt, welches zu spät als der Ausgangspunkt der tödt-lichen Krankheit erkannt wurde. 48 mal waren es Geschosseoder ihre Theile, 3 mal Steine, 18 mal Tuchfetzen, 3 malPapierfetzen, 4mal Blechpartikel, 3 mal Lederstücke, welcheman während des Starrkrampfs oder nach seinem Ablaufin den Wundkanälen antraf. Das kann kein zufälliges Zu-sammentreffen sein; viel eher lässt sich schliessen, dass,wären noch häufigere und gründlichere Untersuchungen der
Wunden bei den gestorbenen Tetanischen vorgenommen, diemechanischen Wundreize als Ausgangspunkt des Starr-krampfs eine noch grössere Rolle gespielt hätten. Dabeidarf nicht vergessen werden, dass die verzeichneten negativenBefunde unter Verhältnissen gewonnen wurden, in deneneiner exakten anatomischen Betrachtung Schwierigkeitenaller Art entgegenstanden.
Speziell sei erwähnt, dass im Schlosslazareth zu Ver-sailles unter den 8 lethal endenden Tetanusfallen das Ge-schoss oder Geschossfragment sechsmal aufgefunden wurde,dass H. Fischer bei drei am 18. August 1870 verwundetenund wenige Tage später vom Starrkrampf befallenen Preussen2 mal zurückgebliebene Fremdkörper entdeckte, dass S o einin 4 von 9, v. Beck in 5 von 11 sezirten Fällen dieselbe Ent-deckung machte. Im Allgemeinengedenkt die bisherige Tetanus-Litteratur des Feldzugs 1870/71 bei den in Betracht kom-menden 92 Beobachtungen 26mal der Wundverunreinigungendurch corpora aliena, mit Ausnahme der Knochensplitter,doch ist dies Zahlenverhältniss aus den angegebenen Gründenzu gering bemessen.
Die mechanischen Wundverunreinigungen zeigen sichje nach ihrer Natur und den mitwirkenden Umständen baldmehr bald weniger geeignet, die Nervenausbreitungen ineinem zum Eintritt des Tetanus geeigneten Maasse zu reizen.Am schnellsten und gefährlichsten wirken die abgesprengtenKnochenstücke. In dem Augenblicke, wo die Kugel denKnochen zertrümmert, richtet sich ein scharfer Knochen-splitter in dem Wundkanale auf, bohrt sich in die Weich-theile und hier in einen Nervenast ein, und die Gelegenheitzu einem schnell folgenden Starrkrampf ist gegeben. So wares bei dem einzigen Tetanuskranken, welcher schon wenigeStunden nach der Verwundung auf dem Schlachtfehle vmtödtlicher Kieferklemme befallen wurde. Das Geschos:hatte das Wadenbein zerschmettert und ein langer, spitzerKnochensplitter steckte in dem Wadenbeinnerven. Das, wasfür die Knochenschüsse die Knochensplitter, sind fürWeichtheilschüsse die in den Wundkanälen liegengebliebenenMetallkörper. Ihr häufiger und früher ursächlicher Zn-sammenhang mit dem Tetanus kann in allen denjenig*Fällen gar nicht beanstandet werden, in welchen mit derEntfernung des Fremdkörpers die Starre augenblicklich einEnde hat. S o ein erwähnt eines Fleischschusses des Ober-schenkels, bei dem sich am 11. Tage Kieferklemme ein-