■
Band VIL
I. Abschnitt: Häufigkeit des Wundstarrkrampfs.
123
tungslose Wunde. Mit nahezu ganz beendeter Vernarbung ginger am 18. Januar dem 9. Feldlazareth XL Armeekorps in Jouyen Josas zu. Ob das Stirnbein getroffen, Hess sich nicht er-mitteln. Es bestand aber seit 2 Tagen Tetanus. Behandlung:Chloral und Morphium. Ende Februar konnte K. als geheiltevakuirt werden, und
IV. den Gemeinen H. H., welcher mit einer ganz oberfläch-lichen Hautwunde von der Grösse eines Markstückes, durcheinen Granatsplitter entstanden, in ein Bayerisches Eeldspital zuCorbeil evakuirt wurde. Der Kranke hatte zwei Tage und zweiNächte bei Kälte in einer Scheune gelegen, war dann mehrereTage lang auf einem zweirädrigen Karren weiter transportirtund kam tetanisch an. Ausgang: Tod.
Sehr zu bedauern ist es, dass die Sektionen der beidenGestorbenen nicht ausgeführt worden sind, da über dieGravität ihrer Verletzung immer noch Zweifel waltenkönnen. Hü peden nahm in das im Schützenhaus zu Han-nover errichtete Reservelazareth einen unserer Verwundetenauf, welcher durch eine Kugel eine anscheinend leichteStreifung der Haut des Fussrückens davongetragen hatte-Der Mann erkrankte an Trismus. Bei der anatomischenUntersuchung fand sich zu aller Ueberraschung die garnicht erwartete Fraktur mehrere]' Mittelfussknocken.')
Von Französischer Seite liegt noch eine hierhergehörigeBeobachtung von Chenu vor. Ein Soldat hatte am5. September 1870 durch einen Granatsplitter eine ober-flächliche Verletzung des Oberschenkels erhalten. Nachdemam 15. September die Wunde, ohne irgend welche Ver-härtung zu hinterlassen, geheilt war, trat am 18. desselbenMonats Trismus und Steifigkeit des Nackens ein. Der
x ) Hierher dürfte auch der in Beilage 53 zum I. Bande diesesBerichtes erwähnte Fall des Württembergischen Oberarztes Dr. Hoch-eisen zu rechnen sein, welcher nach einer Verletzung durch eineNadel an Tetanus verstarb. In dem Berichte des Garnisonlazarethszu Strassburg ist diese Verletzung nicht erwähnt, die Erkrankungvielmehr als „Tetanus rheumaticus" bezeichnet. Der betreffendePassus des Berichtes lautet: „Der Kranke war seit 8 Tagen unwohl,litt seit mehreren Jahren an Zellgewebserweiterungen, hatte sich am21. Dezember erkältet, bekam am 22. Mittag zuerst Trismus, dannallgemeinen Tetanus, wogegen weder Chloralhydrat, nach Liebreich,noch Chloroforminhalationen etc. auch nur vorübergehende Erleichterungschaffen konnten. Der Kranke ging au allgemeiner Erschöpfung undan Lungenödem zu Grunde. Die Sektion ergab sehr rasch vor-geschrittenen Fäulnissprozess, allgemeines Lungenödem, Leber ver-größert, fettig degenerirt, Schädeldach stark verdickt und besondersdie Pia zu beiden Seiten des sinus longitudinalis mit allen weissenVerdickungen, den Gehirnwindungen entsprechend, besetzt. Ueber-haupt ist die Pia durchgängig verdickt und sind die beiden vorderenLappen fest verwachsen. Die Dura und die Pia des Rückenmarkssind nickt verdickt, das Mark selbst ist nur am oberen Theile etwasblutreicher."
Kranke genas unter subkutanen Injektionen grosser Chinin-dosen und dem Gebrauch warmer Bäder.
In manchen Lehrbüchern liest man allerdings von demnumerischen Uebergewicht des Tetanus im Anschluss an ganzunbedeutende, vielfach nicht beachtete oder gar überseheneWunden. Doch ist hierauf nicht viel zu geben, denn esist bekannt, mit welcher Vorliebe solchen Fällen in dermedizinischen Litteratur ein Andenken gesichert wird. Eineebenso grosse und für eine allgemeine Statistik werthloseVorliebe zeigt die Kasuistik des Starrkrampfs für die ge-heilten Fälle. Irrthümliche Anschauungen fallen vielfachauf Rechnung dieser Fehlerquellen. Von 326 Tetanusfällenwurden im Deutsch-Französischen Kriege 31 = 9.5$ geheilt.
Einen hervorragenden Antheil an dem Aus-bruche des Tetanus nahmen — wie oben ziffern-mässig dargelegt wurde — die Knochenschüsse ein,während Schusswunden des Gehirns und Rücken-marks, der Höhlen des Rumpfes, der Hauptnerven-stämme, der Sehnen und Gelenke ein begünstigenderEinfluss nicht eingeräumt werden konnte.
Das Verhältniss der Knochenschüsse zu der Häufigkeitdes Tetanus hat in früheren Kriegen kaum Beachtung er-fahren, doch waren nach Busch 186G in Böhmen unter 21Fällen von Wundstarrkrampf 18 durch Schussfrakturen derunteren Gliedmaassen bedingt. Etwas günstiger gestaltetsich dies Verhältniss in der Gesammtzahl der Publikationenaus dem Feldzuge 1866, denn hier folgte der Starrkrampfunter 43 Fällen 32 mal auf Knochenschüsse. Sonst be-tont nur noch Demme, dass die Annahme der älterenAutoren, welche die leichten, oberflächlichen, gerissenenoder gequetschten Wunden als für den Starrkrampf prädis-ponirend ansahen, sich in seinen Fällen nicht bestätigte,da sich dieselben zumeist auf ausgedehnte schwere Ver-wundungen bezogen. Die einfache Schussfraktur, dieKnochenverletzung an sich, war es nicht, welche den Starr-krampf begünstigte; in der überwiegenden Mehrzahl derFälle lagen Absprengungen von Knochenlamellen undSplitterbrüche vor, und dort, wo man sie während des Lebensnicht vermuthete, fanden sie sich oft noch bei der Wunden-untersuchung der Gestorbenen.
Unter den Deutschen Verwundeten des Krieges 1870/71entfallen von den 270 Tetanuserkrankungen, über welchegenauere Nachrichten vorliegen, 105 auf die 9549 zweifel-losen Schussfrakturen der Extremitäten (mit Ausschlussder Gelenkwunden) und zwar auf die 6735 einfachenFrakturen 61 = O.9 %, auf die 2814 mehrfachen oderSplitterfrakturen aber 41 = 1.5$.
16*