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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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Band VIL

I. Abschnitt: Häufigkeit des Wundstarrkrampfs.

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Unter den in Deutschen Sanitätsanstalten behandeltenFranzosen sind 49 Tetanusfalle gezählt. Von der Wirk-lichkeit wird jedoch diese Zahl, wie aus den Lazareth-berichten mit Sicherheit hervorgeht, übertroffen, daherdieselbe nicht als Vergleichsobjekt verwerthbar ist. Ausihr sollen nur einige zur Erläuterung medizinischer Fragendienende Spezialfälle an entsprechender Stelle Berück-sichtigung finden.

Von den (nach Abzug der Gefallenen verbleibenden)99 56b' Verwundeten der Deutschen Heere 1 ) er-krankten 350, mithin O.35 $ an Wundstarrkrampf.

Während nach den Berichten aus dem AmerikanischenSezessionskriege ein Tetanusfall auf 782 Verwundete, beiden Engländern im Krimkriege 1 auf 465, im Spanisch-Portugiesischen Kriege (1811 bis 1814) 1 auf 803 kam,entfiel auf die Deutschen 1870/71 somit 1 auf etwa 285, beiden Franzosen in Italien allerdings 1 auf 116 Verwundete.

Das Missverhältniss, welches trotz der zu dem Ver-gleiche herangezogenen Massenzahlen von Wunden ausden einzelnen Feldzügen die Erkrankungsfrequenz derDeutschen gegenüber dei-jenigen der meisten anderen Kriegs-heere so ungewöhnlich hoch erscheinen lässt und in nach-folgender Tabelle übersichtlich gekennzeichnet wird:

Kriege

Zahl der Ver-wundeten 1 )(mit Aus-schluss derGefallenen)

Zahl derTetanus-kranken

Prozent-satz

¡Spanisch - Portugiesischer

20 886

26

0.12

Krimkrieg (Engländer) . .

12 094

26

0.21

Italienischer Krieg (Fran-

zosen) ......

17 054

153

O.an

\ merikanischer Sezessions-

krieg .......

284 055

363

8.18

Deotsch - Französischer

Krieg 1S70/71 ....

99 566

350

0.35

bedarf der Beleuchtung.

Man hat in den Friedensstatistiken die wechselndeHäufigkeit des Tetanus von klimatischen und atmosphärischen^ i'iliidtnissen, von Körperkonstitution, Alter und Lebens-weise, von Raceeigenthümlichkeiten und epidemischen Ein-flüssen abhängig zu machen versucht. In der That wird derStarrkrampf ungleich häufiger in den Tropen als in dergemässigten Zone, unter den Negern in den AmerikanischenKolonien mehr als unter den Weissen, bei grellen Tem-peratursprüngen und tiefem Barometerstande öfter als beigleichmässiger Hitze und Kälte, in der Jugend zahlreicherMs im Alter, bei dem phlegmatischen Nordländer seltener

') Vergl. Tabelle 171 des IL Bandes dieses Berichtes.2 ) Vergl. II. Band dieses Berichtes, Uebersicht I unter I. C.*» 2. Abschnittes (S. 94).

als bei dem heißblütigen Bewohner des Südens und inbald gutartigen bald mörderischen Epidemien beobachtet.Für die kriegschirurgische Statistik kommen von allendiesen Faktoren nur wenige in Betracht. Indem dieselbeeinzig und allein mit dem traumatischen Starrkrampfbei männlichen, gleichaltrigen, verhältnissmässigkräftigen Erwachsenen rechnet, scheidet sie von selbstgerade diejenigen Momente aus, welche die Friedensstatistikvorwiegend beherrschen. Von den wenigen, welche dannnoch übrig bleiben, sind in erster Linie En- und Epidemienzu nennen. Ueber ihre Existenz in früheren Feldzügenkann kein Zweifel sein.

Epidemisch trat der Tetanus nach der Schlacht beiPrag im Jahre 1757 auf und führte, wie Bilguer angiebt,bei einigen hundert Verwundeten den Tod herbei; epi-demische Ausbrüche waren es auch, welche in den KriegenBrasiliens mit Paraguay und Uruguay während der Jahre1864 bis 1869 grosse Verheerungen anrichteten. Andersbei den Deutschen 1870/71. Abgesehen von einer durchLücke in Bingen beobachteten Hausepidemie kleinenUmfangs, welche später besprochen werden wird, ') liegenkeinerlei Beweise von dem gleichzeitigen Erkranken einergrösseren Anzahl Verwundeter an demselben Ortebezw. in derselben Gegend vor.

Dagegen wurde das Erkältungsmoment seitens derDeutschen Militärärzte vielfach zur Erklärung von Einzel-fällen herangezogen und verleitete ob mit Recht oderUnrecht, bleibe an dieser Stelle unerörtert 2 ) zu der An-nahme, in ihm eine der wirksamsten Gelegenheitsursachenfür die Entstehung des Wundtetanus zu suchen. Alleinselbst wenn die Richtigkeit dieser Ansicht zugegeben würde,konnte doch dieses Moment eine Verschlechterung derStatistik in dem angeführten Grade gewiss nicht bewirken.Meteorologische Einflüsse derjenigen Art, welche dasZustandekommen des Wundstarrkrampfs zu begünstigenscheinen, wirkten auf die Verwundeten des Deutsch-Französischen Krieges bei Weitem nicht so reichlich ein,wie z. B. auf die Engländer im Krim-Feldzug.

Auch wird schwerlich Jemand geneigt sein, denCharaktereigenthümliehkeiten des Deutschen Volkes einenentscheidenden Einfluss auf den auffallend beträchtlichenTetanusprozentsatz beizumessen.

Sollte endlich wie vielfach behauptet, aber keines-wegs erwiesen ist mit der Verbesserung der Schuss-waffen die Zahl der schweren Verletzungen und dieNeigung derselben zu Wundkomplikationen zugenommenhaben, so darf andererseits darauf hingewiesen werden,dass die im Vergleich zu früheren Kriegen zweifel-los vollkommneren Sanitätseinrichtungen der DeutschenHeere, das zahlreichere Sanitätspersonal und -Material, diebeweglicheren Hilfskörper, die verbesserten Lagerungs-

!) Vergl. 2. Abschnitt dieses Kapitels (S. 130).

2 ) Weiteres darüber im 2. Abschnitt dieses Kapitels (S. 128),