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Traumatische, idiopathische und nach Infektionskrankheiten beobachtete Erkrankungen des Nervensystems bei den Deutschen Heeren in Kriegs gegen Frankreich 1870/71
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Band VII.

Anhang: Kasuistischer Beitrag zur operativen Behandlung der Neuralgie.

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2. Juli 1875: Keine Differenz im Umfange der Glied-maassen. Nadelstiche werden auf dem Fussrücken und aufder Streckseite des Untersehenkels rechts schmerzhafter gefühltals links. Im Zimmer kann G. ohne Stock gehen, sonst nurauf einen Stock gestützt.

IV. LudolfGottlieb, Gefreiter im 2. Badischen Grenadier-Regiment Kaiser Wilhelm, am 18. Dezember 1870 in dem Ge-fechte bei Nuits durch einen Granatsplitter an der Stirn verletzt,litt nach der Vernarbung an äusserst heftigen neuralgischenAnfällen im n. supraorbitalis dextr. und im zweiten Ast desquintus. Die Anfälle traten in unregelmässigen 814tägigenIntervallen auf und machten den Kranken Tage lang bettlägerig.Patient Hess sich in das akademische Krankenhaus zu Heidel-bergaufnehmen. Dort nahm man am 25. September 1872 auf derchirurgischen Klinik die Resektion dps Supraorbitalnervenvor. Leider ist über den Erfolg bezüglich der Neuralgie nichtszu ermitteln gewesen. G. starb am 11. Mai 1873. Das Sektions-protokoll giebt folgende Daten : Pyelonephritis der linken Seite,Cystitis, Prostatitis nach Strictur der pars membranácea urethrae ;chronische ulceróse Pneumonie beider Lungenspitzen; Miliar-tuberkel in Lunge und Niere, Milztumor.Schädeldach dünn,aber kompakt, Nähte normal, Gehirn desgleichen. Nach Ab-lösung der Dura zeigt sich an der Basis des rechten Felsenbeinesein erbsengrosser Defekt, durch den man in eine eitergefüllteHöhle gelangt. Ueber dem rechten Jochbogen eine Narbe(nach Verwundung durch Granatsplitter). An der Stelle desforam. supraorbitale lebhaft vascularisirtes und etwas narbigmetamorphosirtes Gewebe. Nerv, supraorb. dext. in seinemperipherischen Abschnitt nicht mehr deutlich nachweisbar; inner-halb der Augenhöhle zeigt er keine wesentliche Veränderungenim Vergleich zu dem der andern Seite."

V. Peter Busen, Füsilier im Schleswig-HolsteinischenFüsilier-Regiment No. 86,') traf am 30. August 1870 bei Beau-mont eine Kugel, welche 6 cm über dem rechten Kniegelenkean der Sehne des m. gracilis eintrat und das Glied in derselbenHöhe an der Sehne des m. biceps verliess. Gleich daraufstellten sich die heftigsten kontinuirlichen Schmerzenan der Innenseite des Unterschenkels bis zur Fusssohle ein.Nachdem der Verwundete an dieser, auf eine Quetschung des nerv,ischiadicus zurückgeführten Hyperästhesie in den Lazarethenzu Beaumont, Barby und Schönebeck vergeblich behandeltwar, kam er am 21. Juni 1871 in das Garnisonlazareth zuSonderburg. Zu den unerträglichen Schmerzen in der Fusssohleund Wade hatte sich eine Taubheit und eine grosse Empfind-lichkeit in den Fingerspitzen gesellt. Er konnte die Händenicht gebrauchen. Eine leise Berührung des rechten Fussessteigerte die Schmerzen ungemein, das Gehen war nicht möglich.Soolbäder und Elektrizität besserten den Zustand so, dass sich

') Vergl. V. Band dieses Berichtes, S. 637, Fall 1. b. 1.

am 22. April 1872 die Empfindlichkeit in den Händen fastganz verloren hatte und der rechte Fuss unter der Hilfe einerKrücke zum leichten Auftreten benutzt werden konnte. Er-mässigt war auch die spontane und die Druck-Schmerzhaftigkeitin Wade und Sohle. Aber nach dem Verlassen des Lazarethsdauerte es nicht lange, bis die Hyperästhesie in vollem Umfangewiederkehrte. Zugleich trat vollständige sensible und moto-rische Lähmung des rechten Unterschenkels ein. Auch dieoberen Extremitäten wurden wieder in Mitleidenschaft gezogen,was sich durch heftige Schmerzen, Kribbeln und Taubheit inden Fingern äusserte. 1 ) Das ganze rechte Bein war um circa4 Zoll abgemagert. Da alle Medikationen gegen das qualvolleLeiden fruchtlos blieben, entschloss man sich zur Resektiondes nerv, tibialis. Die Operation wurde am 25. Februar 1873durch Ausschneidung eines 3 Zoll langen Nervenstückes aus-geführt. Danach hörten die Schmerzen auf. Die Heilungder Operationswunde ging unter einem Karbolverbande bis aufeine Komplikation mit Erysipelas gut von statten. Aber schonEnde Januar erschien die Neuralgie in alter Stärkevon Neuem. Chloroform, Physostigmin, Arsenik, die Opiatehalfen nichts. Der Kranke verlangte immer dringender dieAmputation. Diese wurde nun auch am 25. Februar dreiQuerfinger breit über dem Knie gemacht. Häufige Nachblutung.

4. März: Diphtherischer Belag der Amputationswunde.

15. März: Lungenembolie. Starker Collaps mit Delirien.Chinin, Portwein. Oedem des Stumpfes.

24. März: Neues Erysipelas, Gangrän.

29. März: Tod. Sektion: Eitrigeinfiltration des Stumpfes.Embolia arter. pulmonal. Pleuritis et pneumonia bilateralis.

Zweimal wurde wegen Neuralgie die Nervendehnunggemacht. Wegen Ischias traumatica operirte Küster denGefreiten Decker von der 7. Kompagnie Brandenburgi-schen Füsilier-Regiments No. 35. Der Invalide wurde vonder Neuralgie befreit, erkrankte aber nach der Dehnungan Epilepsie. Wer dächte nicht an die ExperimenteBrown-Séquard's? Die Krankengeschichte ist in extensobei der traumatischen Epilepsie abgehandelt. 2 ) Der zweitePatient, Namens Conrad, stand bei der Artillerie underhielt während des Krieges einen Hufschlag gegen dasrechte Bein. Später traten klonische Zuckungen undSchmerzanfalle im verletzten Gliede auf, welche aller Be-handlung widerstanden. E. Hahn führte darum im Jahre1882 die Nervendehnung am rechten Ischiadicus aus, wo-rauf Besserung erfolgte.

!) Vergl. Sekundäre traumatische Lähmungen (S. 63 ff. diesesBandes).

2 ) Vergl. S. 25 dieses Bandes.

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